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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Raymond Queneau
Raymond Queneau
1903 – 1976
– Autorenporträt –

Raymond Queneau

1903 – 1976 · 73 Jahre

Französischer Dichter und Romancier, der literarisches Spiel mit mathematischem Denken verband – bekannt durch „Zazie in der Metro“ und die „Stilübungen“.

Kurzbiografie↑

Zu den einfallsreichsten Erneuerern der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts zählt Raymond Queneau (1903–1976). Der in Le Havre geborene Dichter, Romancier und Übersetzer verband literarisches Schreiben mit einer lebenslangen Leidenschaft für die Mathematik. Berühmt wurde er vor allem mit dem Roman Zazie in der Metro, der 1959 erschien und im Folgejahr von Louis Malle verfilmt wurde. Mit den Stilübungen, in denen er ein und dieselbe Anekdote neunundneunzigmal in wechselnden Tonlagen erzählt, schuf er ein spielerisches Musterbuch der Sprachkunst. 1960 gründete er mit François Le Lionnais die Künstlerbewegung OuLiPo, in der literarisches Schreiben nach mathematischen Regeln erprobt wurde.


Biografie↑

Geboren wurde Raymond Queneau am 21. Februar 1903 in Le Havre. Nach dem Baccalauréat ging er 1920 nach Paris. Dort belegte er an der Sorbonne und an der École pratique des hautes études Kurse in Philosophie und Mathematik. Während des Studiums kam er mit dem Surrealismus in Berührung.

Von 1925 bis 1927 leistete er seinen Militärdienst in Algerien und Marokko ab. Nach der Rückkehr schloss er sich einer Gruppe von Surrealisten an, der Groupe de la rue du Château, zu der André Breton, Marcel Duhamel, Jacques Prévert, Georges Sadoul und Yves Tanguy gehörten. An deren Aktivitäten nahm er teil, bis er sich 1929 mit Breton überwarf. 1930 trat er dem Cercle communiste démocratique bei und engagierte sich, gemeinsam mit Michel Leiris und Georges Bataille, bei antifaschistischen Aktionen.

Sein literarisches Debüt gab Queneau 1933 mit dem Roman Der Hundszahn. Als erster Preisträger überhaupt erhielt er dafür den Prix des Deux Magots. 1938 wurde er Verlagslektor und Übersetzer bei Éditions Gallimard, einem Haus, dem er lange verbunden blieb. Zu Kriegsbeginn 1939 war er nur kurz mobilisiert. Einen großen Teil der deutschen Besatzungszeit verbrachte er mit seiner Familie im Limousin.

Nach dem Krieg lernte er Boris Vian kennen und nahm ihn im Juli 1945 für Gallimard unter Vertrag. Vian regte ihn dazu an, unter einem Pseudonym einen Unterhaltungsroman zu schreiben, um besser zu verdienen. So erschien 1947 unter dem Namen Sally Mara der Roman Man ist immer zu gut zu den Frauen. Im selben Jahr veröffentlichte Queneau die vielbeachteten Stilübungen. Darin erzählt er eine kleine Begebenheit aus dem Autobus 99-mal, jedes Mal in einem anderen Genre, Stil, Dialekt oder Soziolekt, bis hin zur Lautschrift.

Seine Neigung zur Mathematik prägte auch sein öffentliches Wirken. Ab 1948 war er Mitglied der Société Mathématique de France. 1950 wurde er in das Collège de ’Pataphysique aufgenommen, eine von Alfred Jarrys Ideen angeregte Künstlergruppe, die ihn zum Satrapen ernannte. Von 1951 bis zu seinem Tod hatte er einen Sitz in der Académie Goncourt inne. 1951 gründete er mit Boris Vian den Club des Savanturiers, aus dem später der Cercle du Future hervorging, dessen Präsident er wurde. Ab 1954 leitete er bei Gallimard die Encyclopédie de la Pléiade.

Den Durchbruch beim großen Publikum brachte 1959 der Roman Zazie in der Metro, der die Abenteuer einer Provinzgöre in Paris schildert. Das Buch erhielt 1959 den Grand prix de l’humour noir Xavier-Forneret und wurde 1960 von Louis Malle verfilmt. 1960 gründete Queneau mit François Le Lionnais die Bewegung OuLiPo, der unter anderem Georges Perec und Italo Calvino angehörten. Sein bekanntestes Werk aus diesem Umkreis ist der Gedichtband Hunderttausend Milliarden Gedichte von 1961. 1965 folgte der Roman Die blauen Blumen, ein weiterer Publikumserfolg, in dem zwei Personen zu verschiedenen Zeiten in den Träumen des jeweils anderen zu leben scheinen.

Nach dem Tod seiner Frau Janine 1972 zog sich Queneau zeitweise von aller literarischen Arbeit zurück. Er erkrankte an Lungenkrebs und starb am 25. Oktober 1976. Über den Sterbeort gehen die Quellen auseinander: Die Deutsche Biographie nennt Neuilly-sur-Seine bei Paris, während Wikidata das 13. Arrondissement von Paris angibt. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof von Juvisy-sur-Orge.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Queneaus Schreiben ist die Verbindung von Sprachspiel und mathematischem Denken. Er interessierte sich zeitlebens dafür, wie sich mathematische Regeln auf das literarische Schreiben anwenden lassen. In den Stilübungen zeigt sich das besonders anschaulich: Ein und dieselbe belanglose Anekdote wird in neunundneunzig Fassungen durchgespielt, quer durch Genres, Stillagen, Dialekte, Soziolekte und bis zur Lautschrift. Nicht der Inhalt steht im Mittelpunkt, sondern die Form, in der er erzählt wird.

Diese Lust am Regelwerk mündete in die Gründung von OuLiPo, einer Künstlerbewegung, die Literatur nach selbst gesetzten formalen Zwängen erprobte. Der Gedichtband Hunderttausend Milliarden Gedichte treibt dieses Prinzip auf die Spitze: Aus wenigen Sonetten lassen sich durch Kombination der einzelnen Zeilen unzählige neue Gedichte bilden.

Neben dem formalen Spiel prägt Humor sein Werk. Er wurde in die Académie de l’humour français aufgenommen, und Zazie in der Metro erhielt einen Preis für schwarzen Humor. In diesem Roman verleiht er einer frechen Provinzgöre eine lebendige, umgangssprachlich gefärbte Stimme. Auch das Phantastische fand Eingang in sein Werk: In Die blauen Blumen greift er den Schmetterlingstraum von Tschuang-tse auf und lässt zwei Figuren in den Träumen des jeweils anderen leben.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten war Queneau eine feste Größe des französischen Literaturbetriebs. Bereits sein Debüt Der Hundszahn wurde als erster Preisträger mit dem Prix des Deux Magots ausgezeichnet. Ein Sitz in der Académie Goncourt von 1951 bis zu seinem Tod und die Leitung der Encyclopédie de la Pléiade bei Gallimard zeigen sein Ansehen. Großen Widerhall fand er mit Zazie in der Metro, das ihn beim breiten Publikum berühmt machte und 1960 von Louis Malle verfilmt wurde.

Seine Wirkung reicht über die Literatur hinaus. Sein Gedicht Si tu t’imagines wurde von Joseph Kosma vertont und in der Fassung von Juliette Gréco zu einem ihrer erfolgreichsten Titel. Mehrere seiner Romane wurden verfilmt, unter anderem Der Flug des Ikarus in späteren Jahren. Mit der Gründung von OuLiPo wirkte er zugleich als Anreger einer Bewegung, der Autoren wie Georges Perec und Italo Calvino angehörten. Ins Deutsche wurden viele seiner Werke von Übersetzern wie Eugen Helmlé, Ludwig Harig und Frank Heibert gebracht.

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