1923 – 2013
Otfried Preußler
Kurzbiografie↑
Otfried Preußler zählt zu den bekanntesten deutschsprachigen Kinderbuchautoren des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1923 im tschechoslowakischen Reichenberg als Otfried Syrowatka geboren und starb 2013 in Prien am Chiemsee. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören Der kleine Wassermann, Die kleine Hexe, Der Räuber Hotzenplotz, Das kleine Gespenst und Krabat. Seine Bücher wurden nach Angaben des Verlags in 55 Sprachen übersetzt und erreichten eine Gesamtauflage von 50 Millionen Exemplaren. Bis 1970 arbeitete er zugleich als Lehrer und Schulleiter. Erst nach seinem Tod wurde Näheres über seine Jugendjahre und seine ersten Veröffentlichungen bekannt.
Biografie↑
Geboren wurde Preußler am 20. Oktober 1923 in Reichenberg, dem heutigen Liberec, als Kind zweier Lehrer. Seine Mutter hieß Erna, geborene Tscherwenka. Sein Vater Josef Syrowatka arbeitete neben dem Lehrberuf als Heimatforscher und Volkskundler. Im Jahr 1941 änderte der Vater den Familiennamen in Preußler, angelehnt an den Namen seiner Großmutter Agnes Praizler.
Viele Erzählstoffe brachte Preußler aus der böhmischen Heimat mit. Einen großen Teil der Geschichten hörte er von seiner Großmutter väterlicherseits, Dorothea Jireš, genannt „Großmutter Dora“. Sie sprach besser Tschechisch als Deutsch und kannte viele Sagen. Preußler nannte das Geschichtenbuch dieser Großmutter später ein Buch, das gar nicht existiert habe und doch das wichtigste seines Lebens gewesen sei. Auch der Vater, der die Sagen des böhmischen Teils des Isergebirges zusammentrug, förderte diese Neigung.
Preußler besuchte in Reichenberg die Allgemeine Deutsche Volksschule an der Schützenstraße und danach die Oberschule für Jungen. Deutsch und Fremdsprachen waren seine Lieblingsfächer. Den Zwang, Tschechisch zu lernen, empfand er als Last; im Rückblick urteilte er, die Beschäftigung mit dieser schwierigen Sprache habe ihm beim Erlernen aller anderen Fremdsprachen sehr genutzt. Sein Berufswunsch war eine Professur für deutsche Landesgeschichte an der Karls-Universität in Prag. Nach dem Abitur 1942, das er mit Auszeichnung bestand, schrieb er sich an der Philosophischen Fakultät ein. Das Studium konnte er nicht antreten, weil er zum Kriegsdienst einberufen wurde.
Seine Jugend war vom deutsch-tschechischen Nationalitätenkonflikt der 1930er Jahre im Sudetenland geprägt. Preußler war Mitglied der bündisch geprägten Jungturnerschaft, in der eine völkische Erziehung gepflegt wurde. Nach der Annexion des Sudetenlandes ging die Jungturnerschaft in die Hitlerjugend über. Die Beförderungslisten zeigen Preußlers Weg dort: im November 1939 wurde er im Deutschen Jungvolk Oberjungenschaftsführer, im April 1940 Jungzugführer, im November 1940 Oberjungzugführer. Im Oktober 1941 wurde er als Führer eines Ausbildungs-Fähnleins aus der Hitlerjugend entlassen. In seinem Antrag auf Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer gab er eine Mitgliedschaft in der NSDAP seit September 1941 an; auch in seiner Kriegsgefangenenakte wurde eine Parteimitgliedschaft vermerkt.
In der Tanzstunde lernte er Annelies Kind kennen, seine spätere Frau. Ab 1940 schrieb er Gedichte für sie. Preußler zeichnete gut und verdiente damit sein erstes Geld; lange war er unsicher, ob seine Zukunft im Malen oder im Schreiben liege.
Am 20. März 1942, unmittelbar nach dem Abitur, wurde Preußler zum Kriegsdienst einberufen. Er selbst gab an, sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet zu haben, weil man damals an einen gerechten Krieg geglaubt habe. Seine Briefe aus dieser Zeit zeigen deutliche Kriegsbegeisterung. Als Offizieranwärter überstand er Einsätze an mehreren Abschnitten der Ostfront. Am 15. März 1943 wurde er mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet, damals noch als Gefreiter. Anfang Mai 1944 erfolgte die Beförderung zum Leutnant der Reserve. Im August 1944 war er als Kompanieführer in Bessarabien eingesetzt. Im sowjetischen Großangriff wurden diese Truppenteile in einer Kesselschlacht eingeschlossen und unter schweren Verlusten zur Aufgabe gezwungen.
Preußler geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Er litt an Typhus und Malaria und magerte bis auf 40 Kilogramm ab. Fünf Jahre verbrachte er in der Tatarischen Republik, zunächst im Kriegsgefangenenlager 97 in Jelabuga, ab dem Frühjahr 1945 im sogenannten „Silikatlager“ in Kasan. Neben der Zwangsarbeit schrieb er Gedichte und Theaterstücke, die er mit Kameraden auf der Lagerbühne aufführte. Nach seiner Entlassung im Juni 1949 fand er im oberbayerischen Rosenheim seine heimatvertriebenen Angehörigen und seine Verlobte wieder. Noch im selben Jahr heirateten die beiden; das Paar bekam drei Töchter.
Der Neuanfang fiel schwer. Zuerst war Preußler arbeitslos, dann arbeitete er bei einem Lebensmittelproduzenten und nur nebenher als Schriftsteller. Mehrere Jahre war er als freier Journalist für die Regionalpresse tätig, um die wachsende Familie zu ernähren. Schon 1947 hatte er seiner Verlobten auf eine Kriegsgefangenenpostkarte geschrieben, er wolle Lehrer werden und Kinder zu frohen, friedlichen Menschen erziehen. Um finanzielle Sicherheit und mehr Freiheit beim Schreiben zu gewinnen, begann er 1951 in München eine Ausbildung zum Grundschullehrer. Nebenbei verdiente er Geld als Lokalreporter und als Geschichtenschreiber für den Kinderfunk.
Vom 1. April 1953 bis 1955 leistete Preußler den Vorbereitungsdienst als Lehramtsanwärter. Danach war er bis 1970 zunächst Volksschullehrer, dann Rektor an der Schule in Stephanskirchen, die später nach ihm benannt wurde. Dort wohnte er auch. Mitunter hatte er 52 Kinder zu beschäftigen. Seinen unruhigen Schülern erzählte er Geschichten, die er später aufschrieb und veröffentlichte.
Preußlers erste Veröffentlichungen waren drei in Briefform geschriebene Texte unter dem Titel Lieber Soldat!. Sie erschienen 1940 in der Zeitschrift Kameraden. Der Sechzehnjährige berichtet darin von seiner Tätigkeit beim Deutschen Jungvolk. Zur Weihnachtsausgabe 1941 der NSDAP-Zeitung Die Zeit stellte Robert Hohlbaum den „jungen sudetendeutschen Dichter Otfried Preußler“ vor. Hohlbaum war ein Bekannter der Familie. Er zitierte dabei Gedichte von ihm. Preußler hatte schon im Winter 1940/41 das Buch Erntelager Geyer geschrieben. Weithin bekannt wurde das erst 2015 durch Stellungnahmen von Peter Becher und Murray G. Hall. Das Jugendbuch im Stil der Ideologie der Hitlerjugend erschien 1944. Es handelt von Pimpfen des Deutschen Jungvolks beim Ernteeinsatz im Sudetenland. Nach dem Krieg wurde es in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt. Auch in den Westzonen entfernte man es aus Büchereien. So blieben nur wenige Exemplare erhalten.
Während der Gefangenschaft entstanden heitere Stücke wie Mein geliebtes Porzellan, aber auch Texte über Verantwortung, Macht und Gehorsam. Sein Theaterstück Kang-Chen-Dzönga über eine gescheiterte Himalaya-Expedition gilt als Auseinandersetzung des gefangenen Offiziers mit Krieg und Niederlage. In den 1950er Jahren verfasste er Beiträge für den Kinderfunk und eine Reihe von Theaterstücken, meist für das Kinder- und Jugendlaienspiel.
Für die deutsche Nacherzählung des Kater Mikesch von Josef Lada erhielt Preußler 1963 den Deutschen Jugendbuchpreis in der Sparte Kinderbuch. 1971 erschien das Jugendbuch Krabat, an dem er viele Jahre gearbeitet hatte. 1972 wurde er dafür mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Im selben Jahr schrieb er den Text zu seinem ersten Bilderbuch Die dumme Augustine, der Emanzipationsgeschichte eines weiblichen Clowns; weitere Bilderbücher folgten. Im Spätwerk ab den 1970er Jahren widmete er mehrere Bücher seiner böhmischen Heimat.
1976 gründete Preußler mit Kolleginnen und Kollegen in Volkach die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. 1977 trat er aus dem PEN-Zentrum Deutschland aus. Zwischen 1981 und 1988 führte er die Redaktion des Volkacher Boten, des Mitteilungsblatts der Akademie. Ab den 1980er Jahren verarbeitete er die traumatischen Erlebnisse aus Krieg und Gefangenschaft in Manuskripten, die unveröffentlicht blieben. Über Jahrzehnte unterstützte er den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, im Gedenken an seine Kriegskameraden. 1992 rief er mit anderen das Hilfswerk für die Orthopädische Kinderklinik in Aschau ins Leben, dessen Vorsitzender er ab 1993 auch öffentlich war.
Zuletzt lebte Preußler als freier Schriftsteller in Prien am Chiemsee, zuvor in Haidholzen bei Rosenheim. Dort starb er 2013. Für seine Verdienste erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, den Bayerischen Maximiliansorden und eine Titularprofessur der Republik Österreich.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Preußlers Kinderbücher ist eine Welt, in der das Übernatürliche und das Alltägliche selbstverständlich ineinandergreifen. Ob ein Wassermann unter Wasser Abenteuer erlebt, eine junge Hexe im Hexenwald zaubert oder ein kleines Gespenst Streiche spielt – das Wunderbare wird nie erklärt, es ist einfach da.
Preußler schrieb eine einfache, klare und bildhafte Sprache. Seine Geschichten haben eine klare Handlung und einen ausgeprägten Sinn für Rhythmus und Zeitgefühl. Das macht sie unterhaltsam und leicht verständlich. Sein Biograf Tilman Spreckelsen beobachtet, dass alle Umschwünge des Inhalts, alle Überraschungen und Spannungsauflösungen ihre Entsprechung in der Sprache selbst finden. Diese folge einer eigenen Dramaturgie. Sie lasse einen „mitunter beinahe lyrischen Rhythmus“ merken, ohne ihn jemals leiern zu lassen. Diese Technik habe Preußler im Kleinen Wassermann entwickelt und in den folgenden Werken perfektioniert.
Auffällig ist, dass die Hauptfiguren fast immer Außenseiter in ihrer eigenen Welt sind. Der kleine Wassermann will seine Umgebung erkunden. Die kleine Hexe rebelliert gegen die Normen der Hexenwelt. Das kleine Gespenst wirbelt die bürgerliche Gesellschaft eines Städtchens durcheinander. Kasperl und Seppel stellen sich dem gefürchteten Räuber entgegen. Diese Perspektive erlaubt es Preußler, Gut und Böse, Freundschaft, Mut und Selbstbestimmung zu behandeln. Die kleinen Helden stehen sinnbildlich für Kinder, die sich in der Welt der Erwachsenen behaupten müssen. Ihre tierischen Begleiter sind ein Karpfen, ein Rabe, eine Eule. Diese Begleiter geben Rat, handeln aber nicht für sie.
Jedes der Bücher vermittelt zugleich Werte. Der kleine Wassermann zeigt den Respekt vor der Natur. Die kleine Hexe zeigt den Wert von Güte und Mut. Das kleine Gespenst zeigt die guten und schlechten Seiten der Neugierde. Der Räuber Hotzenplotz zeigt die Bedeutung von Gerechtigkeit und Freundschaft. Trotz der tiefgründigen Botschaften sind die Bücher voller Humor und Leichtigkeit. Die Hotzenplotz-Trilogie ist eine klassische Kaspertheater-Geschichte mit dem üblichen Gegensatz von Gut und Böse. Preußlers Tochter Susanne Preußler-Bitsch beschreibt es so: Ihr Vater habe eine Kasperl-Theater-Geschichte zwischen zwei Buchdeckel geschrieben. Dabei habe er sich einfach des klassischen Personals bedient.
In den Büchern verstecken sich Anspielungen, die jungen Lesern kaum auffallen. Der beste Freund des kleinen Wassermanns ist ein Karpfen namens Cyprinus – nach dem wissenschaftlichen Namen des Karpfens. Der Räuber Hotzenplotz trägt den deutschen Namen des Ortes Osoblaha in Preußlers sudetendeutscher Heimat. Das kleine Gespenst erschreckt einen schwedischen General namens Torsten Torstenson, der offenbar Lennart Torstensson nachempfunden ist. Die Wetterhexe Muhme Rumpumpel verdankt ihren Namen einer abschätzigen Bezeichnung, mit der Liselotte von der Pfalz in ihren Briefen die Marquise de Maintenon bedachte.
Der 1971 erschienene Jugendroman Krabat hebt sich von den früheren Werken ab, weil er Elemente des Volksmärchens mit denen eines Coming-of-Age-Romans verbindet. Er beruht auf einer sorbischen Sage und spielt in einer Mühle in der Oberlausitz. Erzählt wird die düstere Geschichte eines Waisenjungen, der in die schwarze Magie eingeführt wird und um seine Freiheit kämpfen muss.
Rezeption↑
Zu den meistgelesenen deutschsprachigen Kinderbüchern gehören Preußlers Titel bis heute. Nach Angaben des Verlags liegen seine Bücher in 55 Sprachen in rund 275 Übersetzungen vor; die deutschsprachige Gesamtauflage beträgt über 15,2 Millionen Exemplare, die Gesamtauflage insgesamt 50 Millionen. Nach dem Erscheinen des ersten Hotzenplotz-Bandes erreichten ihn so viele Kinderbriefe mit der Bitte um eine Fortsetzung, dass er zwei weitere Bände nachlegte. Viele dieser Briefe beantwortete er eigenhändig, manche unterschrieb er mit „Räuber Hotzenplotz“. Für die Bühne schrieb er die meisten Fassungen selbst; seine Stücke zählen zu den meistgespielten im deutschsprachigen Raum.
Krabat gehört in vielen Schulen zum Lektürekanon. Preußler hat das Buch als seine persönliche Auseinandersetzung mit seiner Jugend im Nationalsozialismus beschrieben. Es sei seine Geschichte und die Geschichte seiner Generation. Gemeint seien auch alle jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken. In einem Nachruf würdigte der Spiegel das Buch als dunkle Allegorie auf den Nationalsozialismus.
Nicht alle Stimmen waren zustimmend. In den 1970er Jahren wurde Preußler Eskapismus in seiner phantastischen Literatur vorgeworfen. Der gleiche Vorwurf traf etwa auch Michael Ende. Vertreter einer realistischen Kinderliteratur kritisierten, er zeichne eine heile Welt. Er vermittle den Kindern zu wenig Sozialkritik.
Umstritten ist in der Forschung die Einordnung seines Frühwerks Erntelager Geyer. Murray G. Hall vermutet, der Autor habe sich später für das Jugendwerk geniert. Sandra Maruńska mutmaßt, er habe diesen Text auch später nicht für eine Fehlleistung gehalten. Der Preußler-Biograf Carsten Gansel hält es für „wenig begründet“, dem Text des Achtzehnjährigen eine Propagierung der NS-Ideologie anzulasten, und ordnet das Begriffsnetz des Romans eher der bündischen Jugend zu. Petra Josting, Expertin für Kinderliteratur der NS-Zeit, stellt dagegen fest, dass in dem Buch viele Denkmuster des Nationalsozialismus verbreitet würden. Im Handbuch Kinder- und Jugendliteratur 1933–1945 wird das Buch an mehreren Stellen als Beispiel für Jugendliteratur der Hitlerjugend aufgeführt und auszugsweise besprochen.
Preußler gehörte zu den Gründern der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zahlreiche Schulen wurden nach ihm benannt, darunter jene in Stephanskirchen, an der er als Rektor gearbeitet hatte.
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