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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Premchand
Premchand
1880 – 1936
– Autorenporträt –

Premchand

1880 – 1936 · 56 Jahre

Wegbereiter des modernen Hindi- und Urdu-Romans, der Armut, Kastenschranken und das Landleben Indiens mit realistischem Blick schilderte.

Kurzporträt

Unter dem Namen Premchand wurde der indische Schriftsteller Dhanpat Rai Shrivastav bekannt. Er war einer der bedeutendsten Autoren der modernen indischen Literatur und ein Pionier des zeitgenössischen Romans in Hindi und Urdu. In zahlreichen Kurzgeschichten, Romanen, Theaterstücken, Essays und Filmskripten schilderte er den indischen Alltag seiner Zeit – in der Stadt wie auf dem Land. Dabei nahm er sich der Armut, der Verschuldung, der Korruption, der Kasten- und Religionsvorurteile sowie des Kolonialismus an. Als Herausgeber der literarischen Zeitschriften Hañs („Schwan") und Jāgaraņ („Erwachen") diskutierte er Fragen der Literatur. Als engagierter Sozialist forderte er Bildung für alle Schichten der Bevölkerung. Sein Werk wurde in alle Sprachen Indiens sowie ins Russische, Chinesische und viele weitere Sprachen übersetzt.


Biografie

Geboren wurde Premchand im Dorf Lamahi bei Varanasi. Sein Geburtsjahr ist in der Forschung umstritten: Wikidata nennt den 31. Juli 1880, die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet das Jahr 1881. Sein Vater war Munshi („Schreiber") und Postbeamter aus der Srivastava-Kaste, einer Unterkaste der Kāyasth, der Kaste der Schreiber und Steuereinnehmer auf dem Lande. Im Alter von acht Jahren verlor Premchand seine Mutter. Die Großmutter übernahm die Erziehung. Als auch sie starb und der Vater erneut heiratete, schloss sich der Junge stärker an seine ältere Schwester an. Als Angehöriger der Schreiberkaste erhielt er eine englische Schulbildung. Er zog aber das elegantere Urdu vor, das er, obwohl Hindu, als Achtjähriger in einer Madrasa unter Leitung eines Mullah erlernte. Premchand galt als Bücherwurm und eifriger Zeitungsleser. Seine ersten schriftstellerischen Versuche unternahm er im Jahr 1901.

Bereits mit fünfzehn Jahren wurde er gegen seinen Willen verheiratet. Mit sechzehn verlor er auch den Vater und war nun als ältester Sohn für Stiefmutter und Geschwister verantwortlich. Als guter Schüler verdiente er sich Geld durch Nachhilfe und legte später sein Examen als B. A. in Englisch, Persisch und Geschichte ab. In der Folge war er Grundschullehrer und Deputy Sub-Inspector (Schulrat) in den damals unter englischer Herrschaft stehenden United Provinces, dem heutigen Uttar Pradesh, vor allem in der Region Bundelkhand. Auf seinen Inspektionsreisen – im Ochsenkarren, oft in Begleitung seiner Frau – fand er Stoff für viele seiner Erzählungen. Er galt als milder Vorgesetzter und guter Lehrer. Als überzeugter Sozialreformer und Anhänger des Arya Samaj heiratete er 1906 die schon als Kind verwitwete Shivarani Devi, die nach seinem Tod ein Buch über ihn verfasste. Diese Verbindung mit einer Witwe war zu ihrer Zeit revolutionär und trug ihm die Gegnerschaft der Traditionalisten ein. Das Ehepaar hatte eine Tochter und zwei Söhne.

Im Jahr 1910 geriet Premchand mit seiner Sammlung von Kurzgeschichten Soz-e-watan („Elegie auf die Nation") in Konflikt mit der englischen Schulbehörde, die die Exemplare einzog und auf den Index setzte. Diese Geschichten hatte er bereits 1907 in Urdu unter dem Künstlernamen Nawab Rai in der Kanpurer Zeitschrift Zamana veröffentlicht. Von nun an schrieb er unter dem neuen Künstlernamen Premchand. Er hatte sich zunächst als Urdu-Schriftsteller einen Namen gemacht, weshalb man ihn auch als „Vater der Urdu-Kurzgeschichten" bezeichnet. Ab 1914 schrieb er zunehmend auf Hindi, auch wegen der zu geringen Auflagen der Urdu-Versionen. Damit brachte er einen realistischen Zug in die indische Literatur, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch von gezierter Versdichtung und von religiösen, mythologischen oder fantastischen Themen geprägt war.

Premchand lernte 1919 in Gorakhpur Gandhi kennen. Als dieser 1921 zur Nichtzusammenarbeit mit den Briten aufrief, gab Premchand seine Beamtenstelle auf. Unter großen persönlichen Opfern betätigte er sich als freier Journalist und Zeitungsherausgeber. Später wurde er Direktor einer Schule in Kashi. Seine literarischen Beiträge veröffentlichte er in den von ihm gegründeten Zeitschriften Hañs und Jāgaraņ, die er seit 1923 in der eigenen Druckerei, der Saraswati Press in Benares, publizierte. Diese Druckerei machte ihm finanziell stets große Sorgen. Zwischen seinem Heimatdorf, in dem er das geerbte Elternhaus besaß, und seinen wechselnden Aufenthaltsorten – neben Benares vor allem Lakhnau, Allahabad, Bombay, Delhi und Aligarh – pendelte er ständig hin und her. Finanzielle Gründe bewogen ihn, 1934/35 einen Jahresvertrag der Filmindustrie in Bombay als Skriptautor anzunehmen. Die Tätigkeit war gut bezahlt, verlangte ihm aber die einjährige Trennung von der Familie ab und erwies sich nach Abzug der hohen Lebenshaltungskosten als wenig attraktiv. 1936 wurde Premchand zum ersten Präsidenten der Indian Progressive Writers' Association gewählt. Im selben Jahr starb er mit 56 Jahren in Varanasi nach längerem Leiden an einem Magengeschwür.

Premchand verfasste etwa 250 Kurzgeschichten, die schon zu Lebzeiten in Sammlungen zusammengefasst wurden, sowie ein Dutzend Romane und zwei Theaterstücke. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die Romane Sevasādan („Das Haus des Dienens"), Rańgabhūmī („Die Bühne"), Karmabhūmī („Das Wirkungsfeld") und vor allem Godan („Die Kuhschenkung"), sein letzter Roman.


Literarische Merkmale

Premchands Schriften kennzeichnen ein schlüssiger Erzählaufbau und eine Sprache, die sich an die Umgangssprache anlehnt und weitgehend auf Sanskriteinflüsse verzichtet. Sein Stil ist geprägt von satirischen und humorvollen Passagen. Diese dienen der Charakterisierung seiner Figuren und machen die oft schonungslosen Schilderungen für den Leser erst erträglich. Premchand gilt als der erste namhafte indische Autor, der soziale Zustände realistisch schilderte. Als Pädagoge war er von der erzieherischen, aufklärerischen Wirkung der Literatur überzeugt, ohne darüber die Eigenständigkeit des literarischen Werkes zu leugnen.

Er nahm die Werke indischer Zeitgenossen wie Rabindranath Tagore auf, teilte aber die gesellschaftskritische Haltung der von ihm gelesenen europäischen Autoren, vor allem Tolstoi, Maupassant, Anatole France, T. S. Eliot, John Galsworthy, Charles Dickens und Tschechow. Während er der bengalischen Literatur das stärkere emotionale Gespür zugestand, sah er seine eigene Stärke in der Prosa, in Beobachtung und Analyse. Zu seiner Literaturtheorie äußerte er sich vor allem gegen Ende seines Lebens: Literatur solle „das Wahre, Gute, Schöne" darstellen und gehe über bloße Unterhaltung weit hinaus. Auf dem Schriftstellerkongress von 1936 sprach er sich gegen die politisch motivierte Einteilung der Literatur in progressiv und konservativ aus mit den Worten: „Ein Schriftsteller oder ein Künstler ist von Natur aus progressiv; wäre er das nicht, so wäre er auch kein Schriftsteller." Seine Werke wurden in alle Sprachen Indiens sowie ins Russische, Chinesische und viele weitere Sprachen übersetzt.


Rezeption

Verschiedene Stimmen würdigten Premchand als Begründer der modernen realistischen Urdu- und Hindi-Literatur. Sevasādan gilt als der erste erfolgreiche Hindi-Roman. Die Erzählsammlung Mānasarovar („Ozean der Gedanken") zählt bis heute zu den bedeutendsten Büchern der Hindiliteratur. Sein Roman Godan wird aufgrund seiner Erzählkunst, der feinen Beobachtungsgabe und der Meisterung der Sprache als bedeutendster Roman der Hindi-Literatur eingeschätzt.

Nicht ohne Kritik blieb sein Werk allerdings. Im Vergleich zu den bengalischen Schriftstellern Sharat Chandra Chattopadhyay oder Rabindranath Tagore wurde ihm vorgeworfen, Tod und Elend zu sehr in den Vordergrund zu stellen. In seinen Werken fehlt oft der strahlende Held oder das in der indischen Sanskritliteratur unentbehrliche glückliche Ende. Obwohl er sprachlich ein Gegner des Englischen war, verfasste er einen Großteil seiner Korrespondenz auf Englisch. Sein Einsatz für eine einheitliche, landesübergreifende Sprache stieß schon bei Zeitgenossen auf Skepsis. Auch sein gelegentlich durchscheinender Kastenstolz steht im Widerspruch zu seinem Ideal einer besitzlosen, klassenlosen Gesellschaft. Mehrmals wurde Premchand Plagiat vorgeworfen, doch konnte er die Anschuldigungen in jedem einzelnen Fall widerlegen. Zahlreiche seiner Romane und Kurzgeschichten wurden verfilmt, unter anderem von Satyajit Ray und Mrinal Sen.

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