1908 – 1950
Cesare Pavese
Kurzbiografie↑
Zu den prägenden Stimmen der italienischen Literatur des 20. Jahrhunderts gehört Cesare Pavese (1908–1950). Er trat als Schriftsteller, Übersetzer und Vertreter des Neorealismus hervor. In seinen Gedichten, Erzählungen und Romanen kehrte er immer wieder zu der ländlichen Welt des Piemont zurück, in der er aufgewachsen war. Daneben machte er die amerikanische Literatur in Italien bekannt und arbeitete als Lektor für den Turiner Verlag Einaudi. 1950 erhielt er den Literaturpreis Premio Strega. Im selben Jahr nahm er sich in Turin das Leben.
Biografie↑
Geboren wurde Cesare Pavese am 9. September 1908 in Santo Stefano Belbo, einem kleinen Dorf der Langhe in der Provinz Cuneo. Er war der Sohn des Justizbeamten Eugenio Pavese. Seine Schwester Maria war sechs Jahre älter. Der Vater starb 1914 an einem Hirntumor. Weil seine Schwester erkrankte, konnte Cesare nicht wie vorgesehen die Grundschule in Turin beginnen. Er besuchte zunächst ein Jahr lang die Schule in Santo Stefano. Danach absolvierte er die Grundschule im Turiner Privatinstitut Trombetta auf der Via Garibaldi.
Den Großteil seiner Jugend verbrachte Pavese in Turin. Dort legte er am Liceo Massimo d’Azeglio das Abitur ab. Er begegnete Augusto Monti, seinem Lehrer und späteren Freund. Über diese Verbindung kam er früh mit antifaschistischen Kreisen in Kontakt. Er lernte unter anderem Leone Ginzburg, Piero Gobetti und Giulio Einaudi kennen. Ab 1927 studierte er Anglistik in Turin. Das Studium schloss er 1930 mit einer Promotion über den amerikanischen Dichter Walt Whitman ab.
Es folgte eine intensive Zeit als Schriftsteller und Übersetzer. Seit 1930 schrieb Pavese Beiträge über die amerikanische Literatur für die Zeitschrift La Cultura. Als Ginzburg und weitere Mitglieder der antifaschistischen Gruppe Giustizia e Libertà verhaftet wurden, übernahm Pavese 1934 dessen Stelle in der Redaktion. Zwischen 1928 und 1935 entstanden die Gedichte, die 1936 unter dem Titel Lavorare stanca erschienen. Pavese trat der faschistischen Partei bei, weil er sich davon Hilfe für eine angestrebte Laufbahn im Schuldienst erhoffte. Weil er eine Frau deckte, die unter seiner Adresse Post von Widerständlern empfing, wurde er 1935 für einige Monate nach Brancaleone in Kalabrien verbannt. In dieser Zeit begann er mit dem literarischen Tagebuch Das Handwerk des Lebens (Il mestiere di vivere). Er führte es bis zu seinem Tod fort.
Seit 1938 hatte Pavese eine feste Anstellung beim Turiner Verlagshaus Einaudi. 1943 übernahm er die Leitung der römischen Filiale des Verlags. Während des Zweiten Weltkriegs lebte er bei der Familie seiner Schwester auf dem Land. Er schloss Freundschaft mit dem jungen Schriftsteller Italo Calvino und las als verantwortlicher Lektor als Erster dessen Werke. Später nannte ihn der inzwischen berühmte Calvino „meinen idealen Leser“. Während des Krieges übersetzte Pavese Nietzsches Der Wille zur Macht. Nach Kriegsende zog er zunächst nach Serralunga di Crea, später nach Rom, Mailand und schließlich wieder nach Turin. 1945 trat er der Kommunistischen Partei Italiens bei.
In seinen Erzählungen und Kurzromanen beschrieb Pavese unter anderem die dörfliche Welt des Piemont. 1950 gewann er den Literaturpreis Premio Strega für Der schöne Sommer (La bella estate). In der Nacht vom 27. zum 28. August 1950 nahm sich Cesare Pavese in einem Hotelzimmer in Turin mit Barbituraten das Leben.
Literarische Merkmale↑
Eng verbunden blieb Pavese zeitlebens mit dem Schauplatz seiner Kindheit, dem Ort Santo Stefano Belbo. Dieser Bezug zeigt sich in seinem Werk als ein Gegeneinander von Kindheit und Erwachsenwerden sowie von Land- und Stadtleben. Die Heimat erscheint bei ihm als eine angeborene, ursprüngliche Identität. Dieses Empfinden prägt sein Schreiben wesentlich. Schon in der Gedichtsammlung Lavorare stanca (1936) tauchte der für ihn typische Zusammenstoß von Stadt und Land auf. In seinem ersten bedeutenden Erzählwerk Paesi tuoi (1941) steht dieser Zusammenstoß dann im Mittelpunkt. Dem naturnahen Landleben stellt Pavese das Leben in der Stadt gegenüber, das angsterregend und anstrengend wirkt. Das Ländliche stattet er dabei mit Bildern einer archaischen, mythischen Welt aus. In Il diavolo sulle colline führt er das Stadt- und Landleben anhand dreier Jugendlicher vor, die in den Milieus und Landschaften Turins erwachsen werden.
Ein weiterer wiederkehrender Gegenstand ist die schwierige Beziehung zu Frauen. Nach mehreren enttäuschenden Erfahrungen empfand Pavese das Zusammenleben mit Frauen als zunehmend unerträglich. Dieses Empfinden zeichnete er in seinen Erzählungen und Romanen nach. Beispielhaft dafür steht die Erzählung Viaggio di nozze (Hochzeitsreise). Sie schildert das gestörte Verhältnis eines jungen Ehepaares, bei dem es dem Mann nicht gelingt, aus seiner egozentrischen Abgeschlossenheit heraus einen Weg zu seiner Frau zu finden. So erscheint das Scheitern des menschlichen Zusammenlebens als eines seiner zentralen Themen.
Rezeption↑
Anerkennung fand Pavese noch zu Lebzeiten. 1950 wurde er für Der schöne Sommer mit dem Premio Strega ausgezeichnet, einem der bekanntesten italienischen Literaturpreise. Welches Gewicht ihm als Lektor und Leser zukam, zeigt das Urteil Italo Calvinos, der den älteren Kollegen später „meinen idealen Leser“ nannte. Über seine eigene Dichtung hinaus wirkte Pavese als Vermittler der amerikanischen Literatur in Italien. Über sie schrieb er seit 1930 und machte sie als Übersetzer zugänglich.
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