1851 – 1921
Emilia Pardo Bazán
Kurzbiografie↑
Als spanische Schriftstellerin und Feministin zählt Emilia Pardo Bazán zu den prägenden Gestalten der spanischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Geboren 1851 in Galicien, führte sie den Naturalismus in Spanien ein und löste damit eine breite literarische Debatte aus. In Romanen wie Los pazos de Ulloa schilderte sie ihre galicische Heimat, in zahlreichen Artikeln kämpfte sie für die Gleichberechtigung der Frau, besonders in der Bildung. Als erste Frau erhielt sie einen Lehrstuhl für Literatur an der Madrider Universität. Sie starb 1921 in Madrid.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Emilia Pardo Bazán in Galicien in einer wohlhabenden Familie. Ihre Eltern waren José Pardo Bazán y Mosquera und Amelia de la Rúa Figueroa y Somoza; die Mutter vermittelte ihr das Interesse an Literatur. Bereits mit neun Jahren begann sie zu schreiben. Als Geburtsort verzeichnen die Quellen eine galicische Stadt, deren Schreibweise uneinheitlich ist: Wikidata nennt „A Coruña“, die Deutsche Biographie „La Coruña“.
Im Jahr 1868 heiratete sie mit sechzehn Jahren den Jurastudenten José Fernando Quiroga y Pérez de Deza. Nach der Wahl ihres Vaters zum Abgeordneten des spanischen Parlaments zog die ganze Familie einschließlich des jungen Ehepaars nach Madrid. Nach politischen Turbulenzen, die zum vorläufigen Ende der Monarchie in Spanien führten, zog sich der Vater aus der Politik zurück, und die Familie ging nach Frankreich. Von dort aus unternahm Emilia Pardo Bazán zahlreiche Reisen durch Europa. Sie lernte Englisch und Deutsch und entdeckte die französische Literatur, die sie stark beeinflussen sollte.
Nach der Rückkehr nach Spanien begann ihr literarisches Schaffen mit einer literaturkritischen Arbeit über Feijoo, für die sie 1876 bei einem Essaywettbewerb in Ourense ihren ersten Preis erhielt; sie setzte sich dabei gegen ihre Mitbewerberin Concepción Arenal durch. Im selben Jahr kam das erste ihrer drei Kinder zur Welt, dem sie ihren einzigen Gedichtband mit dem Titel Jaime widmete. Ihr erster Roman war Pascual López, den sie im Geburtsjahr ihrer Tochter Blanca schrieb.
Wegen eines Leberleidens machte sie 1880 eine Kur in Vichy. Dort lernte sie den Naturalismus Zolas kennen und traf mit Victor Hugo zusammen. Nach ihrer Rückkehr veröffentlichte sie den Roman Un viaje de novios, in dem sie ihre Erlebnisse in Vichy verarbeitete. Berühmt wurde ihr Prolog dazu, in dem sie dafür plädierte, den spanischen Realismus mit dem französischen Naturalismus zu verbinden. In Spanien erregte das Werk großes Aufsehen; man glaubte nicht, dass es eine Frau geschrieben habe, und vermutete hinter ihrem Namen ein Pseudonym. Ihre Schrift Una cuestión palpitante mit theoretischen Artikeln zum Naturalismus löste einen öffentlichen Skandal aus. Ihr Mann forderte sie daraufhin auf, ihre literarische Tätigkeit zu beenden. Daraus entstand eine Ehekrise, die 1884 zur Trennung führte.
Im selben Jahr reiste sie zur Weltausstellung nach Paris und kam mit den dortigen literarischen Zirkeln in Berührung. Sie verkehrte mit Mallarmé, Bourget und Barrès, mit den Goncourts, Zola und Daudet. Ihr dritter Roman, La Tribuna (1882), gilt als ihr erstes naturalistisches Werk. Darin untersuchte sie das Milieu der Arbeiterinnen in der Tabakfabrik von A Coruña. Auch Benito Pérez Galdós, mit dem sie zwanzig Jahre lang eine Liebesbeziehung unterhielt, erhielt von ihr Unterlagen über das Madrider Bettlerwesen für seinen Roman Misericordia.
Auf einer weiteren Reise nach Frankreich traf sie 1886 Émile Zola und lernte den russischen Roman kennen. Das veranlasste sie 1887 zu der Arbeit Revolution und Roman in Russland, mit der sie in Spanien eine Welle des Interesses für die russische Literatur einleitete. An der Sorbonne hielt sie einen Vortrag mit dem Titel „La España de ayer y la de hoy“ und weckte dort umgekehrt Interesse für die spanische Literatur, die zuvor kaum beachtet worden war. In dieser Zeit entstanden weitere viel gelesene naturalistische Romane wie Los pazos de Ulloa und La madre naturaleza, in denen sie ihre galicische Heimat schildert.
Nach dem Tod ihres Vaters 1890 verwendete sie die Erbschaft zur Gründung der Zeitschrift El Nuevo Teatro Crítico, die sie allein herausgab. 1892 gehörte sie dem Organisationskomitee des Congreso Pedagógico Iberoamericano an, wo sie einen Vortrag über die Unterschiede in der Bildung von Männern und Frauen hielt. Im selben Jahr begann unter ihrer Leitung die Veröffentlichung einer Biblioteca de la mujer, einer Bibliothek der Frau. Sie kämpfte für die Gleichberechtigung der Frau, vor allem im Bildungsbereich, und schlug vergeblich die Aufnahme einer Frau in die Real Academia de la Lengua Española vor. Als erste Frau wurde sie Mitglied des Gelehrtenzirkels Ateneo de Madrid und erhielt 1906 als erste Frau einen Lehrstuhl für Literatur an der Madrider Universität; ihre Vorlesungen besuchte allerdings nur ein einziger Student. Emilia Pardo Bazán starb 1921 in Madrid.
Literarische Merkmale↑
Wegbereiterin des Naturalismus in der spanischen Literatur war Emilia Pardo Bazán, und mit ihren Schriften löste sie eine breite Debatte über diese literarische Richtung aus. Dabei entwickelte sie eine eigene, spanische Spielart: Sie trat gegen Determinismus und gegen Pornografie ein, verteidigte aber derbe Wörter und unmoralische Situationen in der Literatur. Man spricht deshalb von ihrem „naturalismo mitigado“, einem abgemilderten, gedämpften Naturalismus. Stets vertrat sie den freien Willen gegen den Gedanken der Vorherbestimmung.
Am französischen Naturalismus lehnte sie dreierlei ab: die übertriebene Wissenschaftsgläubigkeit, den Utilitarismus sowie die Methode der Abstraktion und die Anhäufung von Details bei den meisten naturalistischen Schriftstellern. Zugleich war sie eine der ersten Feministinnen in Spanien. In mehreren Artikeln prangerte sie die vorherrschende Männerdominanz an und schlug Reformen zugunsten der Frauen vor. Beeinflusst von der in Spanien einflussreichen philosophischen Lehre des Krausismo beklagte sie den Rückstand ihres Landes gegenüber anderen europäischen Ländern und forderte, das Bildungsniveau der Frauen an das der Männer anzugleichen.
Innere Widersprüche prägen ihr Werk, weil sie kämpferischen Feminismus mit praktiziertem Katholizismus, konservative Weltanschauung mit sozialem Engagement zu vereinen suchte.
Rezeption↑
Wegen ihres naturalistischen Programms erregte Emilia Pardo Bazán schon zu Lebzeiten großes Aufsehen. Ihre Schrift Una cuestión palpitante löste einen öffentlichen Skandal aus, und dass eine Frau Romane wie Un viaje de novios verfasst haben sollte, wollte man ihr in Spanien zunächst nicht glauben. Anerkennung fand sie gleichwohl in den literarischen Zentren ihrer Zeit: In Paris verkehrte sie mit führenden Autoren, und ihr Vortrag an der Sorbonne weckte dort Interesse für die zuvor kaum beachtete spanische Literatur. Als erste Frau wurde sie in den Ateneo de Madrid aufgenommen und erhielt 1906 einen Lehrstuhl an der Madrider Universität.
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