1873 – 1934
Chaim Nachman Bialik
Kurzbiografie↑
Chaim Nachman Bialik war ein jüdischer Dichter, Autor und Journalist, der auf Hebräisch und Jiddisch schrieb. Geboren wurde er im Januar 1873 in einem Dorf in der Nähe von Schytomyr, damals Russisches Kaiserreich, heute Ukraine. Er zählt zu den einflussreichsten hebräischen Dichtern und gilt in Israel als Nationaldichter. Neben seinen eigenen Gedichten übersetzte er Weltliteratur ins Hebräische und gründete Verlage, die hebräische Klassiker und Schulbücher herausbrachten. 1924 wanderte er nach Palästina aus und lebte in Tel Aviv; er starb 1934 in Wien.
Biografie↑
Geboren wurde Bialik am 6. Januar 1873 in der Landschaft Wolhynien in der heutigen Ukraine. Über den genauen Geburtsort gehen die Quellen auseinander: Wikidata nennt das Dorf Iwnyzja, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen Radi. Auch in der Ansetzung seines Namens herrscht keine Einheit; die Deutsche Biographie führt ihn unter zahlreichen Schreibweisen, etwa als Ḥayim Naḥman Byaliḳ.
Als er sieben Jahre alt war, starb sein Vater, ein gelehrter Geschäftsmann. Der Junge wuchs fortan als Halbwaise bei seinem Großvater Jaakov Mosche Bialik in Schytomyr auf. Der Großvater war ein strenger Vertreter des orthodoxen Judentums, und Bialik erhielt eine traditionelle jüdische Erziehung. Daneben las er europäische Literatur auf Deutsch und Russisch. Mit fünfzehn Jahren besuchte er die Jeschiwa von Waloschyn. Unter dem Einfluss der jüdischen Aufklärung, der Haskala, entfernte er sich dort nach und nach von dem, was ihm die Talmudschule beibrachte.
Nach dem Tod des Großvaters heiratete Bialik 1893 Mania Awerbuch. Es folgte ein kurzer Aufenthalt in Sosnowiec, wo er als Hebräischlehrer arbeitete. 1900 zog er nach Odessa und blieb dort über zwei Jahrzehnte. In Odessa schloss er sich den Chowewe Zion an. Er freundete sich mit Achad Ha'am an, dessen kulturell ausgerichteter Zionismus ihn prägte. Achad Ha'am hatte die Veröffentlichung von Bialiks ersten Gedichten möglich gemacht.
In den Odessaer Jahren wurde Bialik auch als Verleger tätig. Gemeinsam mit anderen Autoren gründete er den hebräischen Verlag Moriah, der Klassiker der hebräischen Literatur und Schulbücher herausgab. Zugleich übersetzte er Weltliteratur ins Hebräische: Shakespeares Julius Caesar, Schillers Wilhelm Tell, Cervantes' Don Quichotte, Gedichte von Heine sowie Der Dybbuk des jiddischen Dichters Salomon An-ski. Die Grenzen seines Handwerks waren ihm dabei bewusst. Eine Übersetzung zu lesen, so sein Vergleich, sei wie die Braut durch den Schleier hindurch zu küssen. 1909 reiste er zum ersten Mal nach Palästina.
Die politischen Verhältnisse nach der Revolution machten das Leben in Odessa schwierig. Mit Hilfe von Maxim Gorki durfte Bialik 1922 Sowjetrussland verlassen. Sein Weg führte über Polen und die Türkei nach Berlin, wo er den hebräischen Verlag Dwir gründete. Kurz darauf zog er auf Anraten seines Arztes nach Bad Homburg vor der Höhe und wohnte dort etwa zwei Jahre.
Am 26. März 1924 wanderte Bialik mit seiner Frau Mania in das damals britische Mandatsgebiet Palästina aus. Das Paar ließ sich in Tel Aviv nieder. Neben dem damaligen Rathaus baute er sich eine Villa im orientalischen Stil. Dort hielt er Gesprächsrunden und lange Mahlzeiten mit Freunden ab. Das Haus bot ihm zugleich Rückzug: eine private Bibliothek und ein Arbeitszimmer, das von der Straße abgewandt lag. In der jüdischen Gemeinschaft Palästinas, dem Jischuw, war Bialik eine hochgeschätzte Persönlichkeit.
Am 4. Juli 1934 starb Bialik in Wien nach einer Operation an Prostatakrebs. Begraben wurde er in Tel Aviv auf dem Trumpeldor-Friedhof, neben Achad Ha'am. Seine Villa in Tel Aviv wurde später zu einem Museum umgewandelt; die Einrichtung blieb im Originalzustand erhalten, die Bibliothek umfasst rund 30.000 Bände.
Literarische Merkmale↑
Bialik schrieb in zwei Sprachen: auf Hebräisch und auf Jiddisch, und gerade im Hebräischen fand er seinen dichterischen Ton. Seine Bildung speiste sich aus zwei Quellen, die in seinem Werk zusammenkommen: der traditionellen jüdischen Gelehrsamkeit des Elternhauses und der Jeschiwa einerseits, der europäischen Literatur andererseits, die er auf Deutsch und Russisch las.
Wie ernst er die Sprache nahm, zeigt seine Arbeit als Übersetzer. Er brachte Shakespeare, Schiller, Cervantes und Heine ins Hebräische und war sich dabei bewusst, dass jede Übertragung etwas schuldig bleibt. Eine Übersetzung zu lesen, sagte er, sei wie die Braut durch den Schleier hindurch zu küssen. Neben der Lyrik verfasste er Essays und arbeitete als Journalist; auch als Herausgeber und Verleger war er tätig.
Rezeption↑
Bialik zählt zu den einflussreichsten hebräischen Dichtern und wird in Israel als Nationaldichter angesehen. Schon zu Lebzeiten genoss er in der jüdischen Gemeinschaft Palästinas hohes Ansehen. Er wurde für den Nobelpreis für Literatur nominiert; die Nominierungsdatenbank des Nobelkomitees verzeichnet ihn.
Seine Wirkung reichte weit über das eigene Werk hinaus. Mit den Verlagen Moriah in Odessa und Dwir in Berlin schuf er die Grundlage dafür, dass hebräische Klassiker und Schulbücher überhaupt zugänglich wurden. Nach seinem Tod wurde sein Wohnhaus in Tel Aviv in ein Museum verwandelt, samt einer Bibliothek von rund 30.000 Bänden.
Im nationalsozialistischen Deutschland gehörte Bialik zu den verbotenen Autoren; er ist in der Liste der im Nationalsozialismus verbotenen Publikationen und Autoren verzeichnet. Die Deutsche Biographie führt ihn in ihrem Index und verweist unter anderem auf die YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe sowie auf die Hamburger Schlüsseldokumente zur deutsch-jüdischen Geschichte.
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