1820 – 1887
Multatuli
Kurzporträt↑
Unter dem Pseudonym Multatuli wurde der niederländische Schriftsteller Eduard Douwes Dekker (1820–1887) bekannt. Der lateinische Name bedeutet etwa „ich habe vieles ertragen“. Mit dem gegen die kolonialen Verbrechen in Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien, gerichteten Roman Max Havelaar oder die Kaffeeversteigerungen der Niederländischen Handelsgesellschaft erlangte er Aufsehen weit über die Niederlande hinaus. In seiner Heimat gehört sein Werk seit jeher zum festen Bildungs- und Literaturkanon. Die Gesellschaft für niederländische Literaturwissenschaft erklärte Max Havelaar im Jahr 2002 zum wichtigsten in niederländischer Sprache geschriebenen Werk.
Biografie↑
Eduard Douwes Dekker kam 1820 als Sohn eines Kapitäns in Amsterdam zur Welt. Nach dem erfolglosen Besuch einer Lateinschule absolvierte er eine Textilhändlerlehre und fuhr anschließend mit seinem Vater zur See. Als Achtzehnjähriger gelangte er mit seinem Vater nach Java in die Kolonie Niederländisch-Indien und fand dort bei der Kolonialverwaltung eine Anstellung.
Im Jahr 1846 heiratete er die verarmte holländische Baronesse Everdina Huberta van Wijnbergen, genannt Tine. Mit ihr hatte er zwei Kinder, den 1854 geborenen Sohn Edu und die 1857 geborene Tochter Nonni. Gemeinsam führte das Paar ein Leben zwischen Europa und Südostasien. Ab 1866 sah ihn seine Familie nicht mehr. Tine starb am 13. September 1874 in Venedig.
Während seiner Zeit auf Java begann Dekker, Zeitungsartikel und Pamphlete gegen die Skandale in der niederländischen Kolonialverwaltung und den Missbrauch des Kolonialsystems zu verfassen. Sie fanden zunächst wenig Beachtung. 1856 wurde er zum Assistent-Residenten von Lebak auf Java ernannt. Seine Laufbahn als Kolonialbeamter endete, als er korrupte Machenschaften anprangerte, in die der Regent Karta Nata Negara verstrickt war. Die auf dessen Antrag erfolgte Entlassung bewog Dekker zur Rückkehr nach Europa.
Erst mit Max Havelaar, den er 1860 unter dem Pseudonym Multatuli veröffentlichte, hatte er Erfolg. Der Roman erschien in Brüssel und wurde weit über die Niederlande hinaus bekannt. Das Pseudonym wählte er, weil er wegen seiner sehr kritischen Schilderungen der kolonialen Verhältnisse Repressalien fürchtete.
Sein weiteres Leben in Europa war von einer Reihe von Frauengeschichten geprägt. Zu dem Kreis von Frauen um ihn zählten unter anderem seine Nichte, eine aus einem Bordell freigekaufte Französin, eine rebellische Pfarrerstochter und die niederländische Schriftstellerin Marie Anderson. Die Schauspielerin Mina Kruseman verhalf 1875 seinem Theaterstück Fürstenschule zum Erfolg.
Die letzten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte Dekker fast ausschließlich in Deutschland. Von 1870 bis 1879 lebte er in Wiesbaden. Dort schrieb er rund zwei Fünftel der noch zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Werke, darunter die Millionenstudien, in denen er seine Erlebnisse in der Spielbank verarbeitete und eine vermeintlich sichere Gewinnmethode für das Roulette beschrieb. 1881 erwarb er eine Villa an der Chaussee von Mainz nach Ingelheim. Dorthin zog er mit seiner zweiten, zwanzig Jahre jüngeren Ehefrau Maria „Mimi“ Hamminck-Schepel (1839–1930), die er 1862 kennengelernt hatte, sowie mit seinem Adoptivsohn Wouter. Von Asthma geplagt, lebte er hier zurückgezogen. Dekker gehörte zu den ersten Niederländern, die sich einäschern ließen, was seinerzeit nur im einzigen deutschen Krematorium in Gotha möglich war.
Er starb 1887. In der Ortsangabe seines Todes weichen die Quellen voneinander ab: Wikidata nennt Ingelheim am Rhein, die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet Ingelheim-Nieder-Ingelheim.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für Multatulis Bücher ist ihr streitbarer, aufklärerischer Zug. Unter seinem Pseudonym veröffentlichte er Werke, die sich kritisch mit der Kolonialpolitik auseinandersetzten. Daneben nahm er Autorität, Religion und Kirche ins Visier, zum Teil sehr sarkastisch und in Form von Parabeln. Max Havelaar selbst trägt satirische Züge und verbindet die Anklage gegen das Kolonialsystem mit einer scharfen Feder.
Rezeption↑
Über die Niederlande hinaus fand Max Havelaar ein breites Publikum. Zu seinen Lesern zählten Sigmund Freud, Hermann Hesse sowie Thomas und Heinrich Mann. Um das Jahr 1900 waren Multatulis Bücher auch in Deutschland sehr verbreitet. Mittlerweile ist er dort jedoch weitgehend vergessen. In seiner Heimat dagegen gehört sein Werk von der Schule an zum festen Bildungs- und Literaturkanon. Die Gesellschaft für niederländische Literaturwissenschaft kürte Max Havelaar 2002 zum wichtigsten in niederländischer Sprache geschriebenen Werk.
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