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Porträt Nikolai Michailowitsch Karamsin
Nikolai Michailowitsch Karamsin
1766 – 1826
– Autorenporträt –

Nikolai Michailowitsch Karamsin

1766 – 1826 · 59 Jahre

Russischer Schriftsteller und Historiker: Nikolai Karamsin machte das gefühlsbetonte Erzählen in Russland heimisch und formte eine neue, leichtere russische Prosasprache.

Kurzporträt

Als russischer Schriftsteller und Historiker steht Nikolai Michailowitsch Karamsin für den Übergang vom Klassizismus zum Sentimentalismus in der russischen Literatur. Er wurde 1766 in einem Dorf im Gouvernement Simbirsk geboren und starb 1826 in Sankt Petersburg. Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts konnte kein anderer Schriftsteller in Russland einen solchen Publikumserfolg und so viele Nachahmer verzeichnen wie er. Neben seinen empfindsamen Erzählungen prägte ihn ein zweites großes Werk: die vielbändige Geschichte des Russischen Reiches. Zugleich wirkte er als Erneuerer der russischen Sprache.


Biografie

Geboren wurde Karamsin am 12. Dezember 1766 als Sohn eines Gutsbesitzers in der Nähe von Simbirsk, dem heutigen Uljanowsk. Seinen ersten Unterricht erhielt er durch Hauslehrer. Von 1780 bis 1783 lernte er im Moskauer Pensionat des Professors Schaden moderne Sprachen und Literaturen. Seine erste gedruckte Arbeit erschien 1783: die Übersetzung einer Idylle Salomon Gessners, Das hölzerne Bein.

Nach einem kurzen Zwischenspiel im Petersburger Garderegiment und der Rückkehr nach Simbirsk siedelte Karamsin nach Moskau über. Dort schloss er sich von 1784 bis 1789 dem Kreis um den Aufklärer, Verleger und Schriftsteller Nikolai Iwanowitsch Nowikow an. In dessen Zeitschrift veröffentlichte er Übersetzungen, kleinere Gedichte und Erzählungen.

In den Jahren 1789 und 1790 reiste Karamsin durch Europa. Sein Weg führte über Twer, Memel, Tilsit und Königsberg, wo er Immanuel Kant begegnete. In Berlin traf er Friedrich Nicolai und Karl Philipp Moritz, in Weimar Christoph Martin Wieland, nicht aber Goethe. Weitere Stationen waren Dresden, Leipzig, Frankfurt und Straßburg. In der Schweiz begegnete er Lavater in Zürich und Charles Bonnet in Genthod. Ende März 1790 kam er nach Paris. Von Juli bis September hielt er sich in London auf, von wo aus er zu Schiff nach Kronstadt zurückkehrte.

Von 1791 bis 1792 gab Karamsin die literarische Zeitschrift Moskowski schurnal heraus. Dort veröffentlichte er die auf der Reise entstandenen Aufzeichnungen, die 1797 bis 1801 in sechs Bänden als Briefe eines russischen Reisenden erschienen. Der Reisebericht hatte so großen Erfolg, dass bereits 1801 bis 1803 die zweite Auflage folgte. Im selben Journal erschienen auch seine bekanntesten empfindsamen Erzählungen, darunter Die arme Lisa und Frol Silin. Das Journal wurde eingestellt, nachdem Karamsin in seinem Gedicht An die Barmherzigkeit für die Begnadigung Nowikows eingetreten war, der ohne Gerichtsurteil eingekerkert worden war.

Von 1793 bis 1801 gab Karamsin eine Reihe literarischer Sammelbände mit eigenen und fremden Werken heraus, unter ihnen Aglaja, Meine Bagatellen und Die Äoniden. Von 1802 bis 1803 leitete er die Redaktion des Westnik Jewropy, des Boten Europas, der zum ersten Muster der dicken russischen Literaturjournale wurde. Dort veröffentlichte er seine bekannteste historische Erzählung Marfa, die Statthalterin.

Als Zar Alexander I. ihn 1803 zum Reichshistoriographen ernannte, beendete Karamsin seine literarische Tätigkeit und widmete sich ganz der Erforschung der russischen Geschichte. 1818 veröffentlichte er die ersten acht Bände seiner Geschichte des Russischen Reiches, die er mit dem unvollendeten zwölften Band bis zur Zeit der Wirren führte. Das Werk wurde wegen seines reichen Quellenmaterials und seines glänzenden Stils ein außergewöhnlicher Erfolg. Seit 1818 war Karamsin Ehrenmitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg. Nachdem er eine Lungenentzündung überstanden hatte, war er zu schwach, um eine geplante Erholungsreise nach Südfrankreich und Italien anzutreten. Er starb am 3. Juni 1826 in Sankt Petersburg.


Literarische Merkmale

Kennzeichnend für Karamsins Schreiben ist die Hinwendung zum Gefühl. Er überwand das abstrakte Pathos des Klassizismus und stellte menschliche Empfindungen in den Mittelpunkt seiner Werke. Damit gilt er als Begründer des russischen Sentimentalismus. Sein Reisebericht und seine Erzählungen fanden ein breites Publikum und zahlreiche Nachahmer.

Zugleich arbeitete Karamsin an der Sprache selbst. Er vereinfachte den russischen Satzbau nach französischem Vorbild. Mit dem sogenannten Nowy slog, dem Neuen Stil, legte er einen wichtigen Grundstein für eine neue Prosasprache. Auch seine Geschichte des Russischen Reiches wurde nicht allein wegen ihres Quellenmaterials gerühmt, sondern ebenso wegen ihres glänzenden Stils.


Rezeption

Für die russische Kultur ist Karamsin in dreifacher Hinsicht bedeutsam: als Begründer des Sentimentalismus, als Historiker und als Sprachreformer. Er bildete neue russische Wörter nach französischem und manchmal deutschem Vorbild, die sofort Allgemeingut wurden. Dazu gehören die russischen Ausdrücke für Bewusstsein, Entwicklung, Industrie oder rührend.

Seine erneuerte Prosasprache wirkte weit über seine Zeit hinaus. Mit dem Neuen Stil setzte er einen ersten wichtigen Baustein für eine Prosasprache, die später von Puschkin zur Vollendung gebracht wurde. Sein Publikumserfolg und die vielen Nachahmer, die er fand, machen deutlich, welchen Rang er um 1800 in der russischen Literatur einnahm.

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