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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Mascha Kaléko
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Porträt Mascha Kaléko
Mascha Kaléko
1907 – 1975
– Autorenporträt –

Mascha Kaléko

1907 – 1975 · 67 Jahre

Dichterin des heiter-melancholischen Großstadtalltags, die im Berlin der Weimarer Zeit berühmt wurde und ihr weiteres Leben im Exil zwischen New York und Jerusalem verbrachte.

Kurzporträt

Als eine der Neuen Sachlichkeit zugerechnete deutschsprachige Dichterin fand Mascha Kaléko in den späten 1920er Jahren im Berlin der Weimarer Republik ihr Publikum. In einem heiter-melancholischen Ton schrieb sie über die kleinen Leute der Großstadt, über Angestellte, Ladenmädchen und niedere Beamte. Ihr erster Gedichtband Das lyrische Stenogrammheft erschien 1933 und wurde zum Erfolg. Als Jüdin musste sie 1938 aus Deutschland fliehen und verbrachte ihr weiteres Leben im Exil, zunächst in New York, später in Jerusalem. Nach dem Krieg fand sie in Deutschland erneut ein großes Lesepublikum, ohne dort je wieder eine Heimat zu finden.


Biografie

Geboren wurde sie als Golda Malka Aufen in Chrzanów in Galizien, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte und heute in Polen liegt. Das Geburtsjahr ist nicht eindeutig überliefert: Meist wird der 7. Juni 1907 genannt, ein Datensatz der Deutschen Digitalen Bibliothek führt dagegen das Jahr 1912. Sie war das nichtehelich geborene Kind der jüdisch-österreichischen Rozalia Chaja Reisel Aufen und des jüdisch-russischen Kaufmanns Fischel Engel. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs übersiedelte 1914 die Mutter mit den Töchtern Mascha und Lea nach Deutschland, um dem Krieg zu entgehen. In Frankfurt am Main besuchte das Mädchen die Volksschule. Der Vater wurde dort wegen seiner russischen Staatsbürgerschaft als feindlicher Ausländer interniert.

Über Marburg zog die Familie 1918 nach Berlin, in das Scheunenviertel der Spandauer Vorstadt. Hier verbrachte Mascha ihre Schul- und Studienzeit. Obwohl sie eine gute Schülerin war und gern studiert hätte, hielt ihr Vater ein Studium für ein Mädchen nicht für notwendig. 1922 heirateten die Eltern standesamtlich; sie wurde vom Vater anerkannt und erhielt seinen Familiennamen Engel. 1925 begann sie eine Bürolehre im Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands. Nebenher besuchte sie Abendkurse in Philosophie und Psychologie, unter anderem an der Lessing-Hochschule und an der Friedrich-Wilhelms-Universität.

Am 31. Juli 1928 heiratete sie den knapp zehn Jahre älteren Hebräischlehrer Saul Aaron Kaléko. Ende der 1920er Jahre kam sie mit der künstlerischen Avantgarde Berlins in Kontakt, die sich im Romanischen Café traf; dort lernte sie unter anderen die Dichter Else Lasker-Schüler und Joachim Ringelnatz kennen. 1929 veröffentlichte sie erste Kabarettgedichte in der Zeitschrift Der Querschnitt. Laut der Neuen Deutschen Biographie erschienen ihre ersten Gedichte 1930 in der Vossischen Zeitung, deren Feuilletonchef Monty Jacobs sie stark förderte; daneben druckte auch das Berliner Tageblatt ihre Verse. Ab 1930 wirkte sie beim Rundfunk und im Künstlerkabarett mit, wo Edmund Nick und Günter Neumann ihre Texte vertonten.

Im Januar 1933 erschien Das lyrische Stenogrammheft, ein Jahr später Das kleine Lesebuch für Große. Die reichsweite Bücherverbrennung im Mai 1933 traf das Stenogrammheft zunächst nicht, weil die Nationalsozialisten noch nicht erfasst hatten, dass die Verfasserin Jüdin war. 1933/1934 studierte sie an der Reimann-Schule in Berlin. Im Dezember 1936 wurde ihr Sohn geboren; sein Vater war der aus Warschau stammende Dirigent und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver. Anfang 1938 wurde die Ehe mit Saul Kaléko geschieden, wenige Tage später heiratete sie Vinaver. Den Namen Kaléko behielt sie als Künstlernamen bei. Nachdem ihre Bücher verboten worden waren, emigrierte die neue Familie im September 1938 in die Vereinigten Staaten.

Der berufliche Erfolg blieb für Vinaver aus. Kaléko hielt die Familie mit Reklametexten über Wasser und schrieb unter anderem Kindergedichte. 1939 veröffentlichte sie Texte in der deutschsprachigen jüdischen Exilzeitung Aufbau. 1944 erhielt die Familie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Von 1942 bis 1957 lebte Kaléko im New Yorker Stadtteil Greenwich Village. 1945 brachte ein amerikanischer Verlag ihre Verse für Zeitgenossen heraus. Nach dem Krieg fand sie in Deutschland wieder Leser: Rowohlt legte 1956 Das lyrische Stenogrammheft erneut auf, danach auch die Verse für Zeitgenossen; beide Bücher kamen auf die Bestsellerlisten.

1960 sollte sie den Fontane-Preis der Akademie der Künste in Berlin (West) erhalten. Als sie erfuhr, dass der ehemalige SS-Standartenführer Hans Egon Holthusen in der Jury saß, lehnte sie die Nominierung ab. Im selben Jahr wanderte sie ihrem Mann zuliebe nach Jerusalem aus, wo sie unter der sprachlichen und kulturellen Isolation litt. 1968 starb ihr Sohn nach schwerer Krankheit in New York, 1973 auch ihr Mann. Im Herbst 1974 besuchte sie letztmals Berlin. Auf dem Rückweg nach Jerusalem verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand so sehr, dass sie in Zürich ins Krankenhaus musste. Dort starb sie am 21. Januar 1975 an Magenkrebs. Ihr Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof Oberer Friesenberg in Zürich.


Literarische Merkmale

Berühmt wurde Kaléko durch Gedichte, die den Alltag der Großstadt in einem heiter-melancholischen Ton einfingen. Ihre Themen waren die Arbeitswelt des kleinen Mannes, die soziale Ungerechtigkeit und das kleine Glück im Leben der Angestellten, Ladenmädchen und niederen Beamten. Ihre Leser erkannten sich darin wieder und blieben ihr zugetan. Nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie waren Erich Kästner, Kurt Tucholsky und Walther Mehring ihre Vorbilder und Anreger, doch fand sie einen durchaus eigenen Ton. Hermann Hesse beschrieb diesen als „eine Stimmung voll Jugend und zugleich voll Ernüchterung, eine verfrühte Enttäuschtheit und heimliche Verzweiflung liegt im Kampf mit starken Instinkten der Jugend“.

Zu ihren stärksten Versen zählen laut der Neuen Deutschen Biographie die Gedichte im Berliner Dialekt über das „Milljöh“. Im Exil gewann ihr Schreiben eine neue Dimension. Die Gedichtgruppe „Die ‚Tausend Jahre'“ aus den Versen für Zeitgenossen beurteilt mit scharfem Blick und satirischem Witz die neue Umgebung und die Mit-Emigranten. In dieser Zeit wurde Heinrich Heine mehr denn je zum bewusst nachgelebten Vorbild. Nachdem sie die USA verlassen hatte, entstanden neben Kinderbüchern und neuen Gedichten zahlreiche Epigramme mit Lebensregeln, etwa die Sammlung Hat alles seine zwei Schattenseiten von 1973.


Rezeption

Von Anfang an sicherten ihre Gedichte Kaléko eine große und begeisterte Lesergemeinde. Die Neuauflage des Lyrischen Stenogrammhefts erreichte 1974 das hunderttausendste Exemplar. Der Philosoph Martin Heidegger schrieb ihr 1959 über eben dieses Buch: „[…] Ihr ‚Stenogrammheft' sagt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben.“ Ihr Werk wirkt bis heute nach, vor allem durch zahlreiche Vertonungen. So legte die Sängerin Dota mehrere Alben mit vertonten Gedichten Kalékos vor, darunter 2020 die Sammlung „Mascha Kaléko“ und 2023 die Folgen „In der Fernsten der Fernen“ und „Die vielgerühmte Einsamkeit“. Auch Komponisten wie Herbert Baumann und Martin Christoph Redel griffen ihre Texte auf.

Ihre Verse sind zudem als Hörbücher verbreitet, unter anderem gesprochen von Katharina Thalbach. Für den Rundfunk entstanden Hörspiele, etwa Jan Koneffkes „Bleibtreu heißt die Straße“ (2017) und Ulrike Haages „Nichts ist, sagt der Weise“ (2025). Auf der Bühne war ihr Leben mehrfach Thema: Die Dichterin Anja Hilling schrieb das Drama Mascha K. (Tourist Status), das 2023 am Schauspiel Frankfurt uraufgeführt wurde. Die Schauspielerin Anne Struve brachte 2025 mit „Die Koffer voll von Sehnsucht“ in Berlin eine Hommage auf die Bühne, in der Kaléko mit ihren eigenen Worten auf ihr Leben zurückblickt.

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