Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Frigyes Karinthy
Eingang · Autoren · Frigyes Karinthy
Porträt Frigyes Karinthy
Frigyes Karinthy
1887 – 1938
– Autorenporträt –

Frigyes Karinthy

1887 – 1938 · 51 Jahre

Ungarischer Parodist und Humorist, der 1929 in einer Erzählung den Gedanken der „sechs Schritte“ zwischen zwei beliebigen Menschen vorwegnahm.

Kurzbiografie↑

Frigyes Karinthy war ein ungarischer Schriftsteller, der 1887 in Budapest geboren wurde und 1938 starb. Bekannt wurde er vor allem durch seine Parodien: Der Band Így írtok ti von 1912 nahm den Ton berühmter Kollegen aufs Korn und machte ihn in Ungarn zu einem Namen. Daneben schrieb er Erzählungen, humoristische Texte, Romane und Theaterstücke und übersetzte fremde Literatur ins Ungarische. In der Erzählung Láncszemek beschrieb er 1929 den Gedanken, dass jeder Mensch über wenige Zwischenschritte mit jedem anderen verbunden sei. Diese Idee wurde später unter dem Namen „Six Degrees of Separation“ weltbekannt.


Biografie↑

Geboren wurde Frigyes Karinthy am 25. Juni 1887 in Budapest, damals Österreich-Ungarn. Sein Vater József Karinthi war Beamter und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Ungarischen Philosophischen Gesellschaft. Die Mutter Karolina Engel starb 1895. Danach kümmerte sich der Vater allein um die sechs noch lebenden Kinder.

Schon als Junge fing Karinthy an zu schreiben, etwa zwischen 1898 und 1900. Er verfasste Bühnenstücke, Abenteuergeschichten und Märchen in Versform. Mit fünfzehn Jahren erschien sein Roman Nászutazás a Föld középpontján keresztül – auf Deutsch etwa „Hochzeitsreise durch den Mittelpunkt der Erde“ – als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift Magyar Képes Világ.

Nach dem Abitur besuchte er Universitätsvorlesungen über Mathematik, Physik, Philosophie und Chirurgie. Einen Abschluss machte er nie. Sein Interesse an den Wissenschaften blieb ihm jedoch das ganze Leben lang erhalten, und er begegnete ihnen mit großem Respekt. Andor Bajor formulierte es so: Karinthy habe mit jeder Faser seines Verstandes daran geglaubt, „dass die Blindheit ein vorübergehendes Phänomen sei“.

1906 wurde Karinthy Mitarbeiter der Tageszeitung Az Újság. In diese Zeit fällt der Beginn seiner Freundschaft mit Dezső Kosztolányi, die später legendär wurde. In den Jahren danach druckten verschiedene Budapester Blätter seine Erzählungen, Parodien und humoristischen Texte. Der Durchbruch kam 1912 mit dem Parodienband Így írtok ti, zu Deutsch „So schreibt ihr“.

1913 heiratete er die Schauspielerin Judik Etel. Aus dieser Ehe stammt sein Sohn Gábor Karinthy, der später selbst Dichter wurde. Judik Etel starb 1918 an der Spanischen Grippe. Zwei Jahre später heiratete Karinthy Aranka Böhm. Diese zweite Ehe verlief dramatisch und unglücklich. Aus ihr ging der Schriftsteller Ferenc Karinthy hervor.

Als sein großes Vorbild nannte Karinthy Jonathan Swift. Seine Romane Utazás Faremidóba und Capillária tragen im Untertitel die Bezeichnung als fünfte und sechste Reise Gullivers und knüpfen damit ausdrücklich an Swift an.

Karinthy übertrug außerdem zahlreiche bekannte Werke ins Ungarische. Am bekanntesten ist Micimackó, die ungarische Fassung von A. A. Milnes Kinderbuch Winnie-the-Pooh. Ganz allein stammt sie allerdings wohl nicht von ihm: Seine Schwester Emília, genannt Mici, dürfte zumindest eine Rohübersetzung angefertigt haben.

1929 veröffentlichte er die Erzählung Láncszemek, auf Deutsch „Kettenglieder“. Darin legte er die Grundlage für den Gedanken, dass zwischen zwei beliebigen Menschen nur wenige Bekanntschaftsschritte liegen. Stanley Milgram überprüfte diese Annahme 1967 in einem Experiment und machte sie als Kleine-Welt-Phänomen bekannt.

1936 wurde bei Karinthy ein Hirntumor festgestellt. Der Chirurg Herbert Olivecrona operierte ihn in Stockholm, und zwar bei Bewusstsein. Über diese Erfahrung schrieb er den Roman Utazás a koponyám körül, „Reise um meinen Schädel“. Am 29. August 1938 starb Karinthy an einem Gehirnschlag. Als Sterbeort nennen sowohl Wikidata als auch die Deutsche Nationalbibliothek übereinstimmend Siófok.


Literarische Merkmale↑

Karinthys Schreiben lebt vom Humor und vom genauen Ohr für fremde Tonlagen. Der Parodienband Így írtok ti zeigt das am deutlichsten: Karinthy ahmte die Schreibweise bekannter Autoren so treffend nach, dass die Übertreibung die Eigenheiten des Originals sichtbar machte. Neben Parodien schrieb er Erzählungen und humoristische Texte für die Zeitungen seiner Stadt.

Ein zweiter Zug ist die Freude an der Wissenschaft. Karinthy hörte Vorlesungen über Mathematik, Physik, Philosophie und Chirurgie, und dieses Interesse schlägt sich in seinen Büchern nieder. Mit Utazás Faremidóba und Capillária knüpfte er an Jonathan Swift an, den er als sein Vorbild bezeichnete: Erfundene Reisen in fremde Welten dienen ihm dazu, die eigene Gegenwart zu betrachten.

Auch die eigene Erfahrung wurde ihm zum Stoff. Nach seiner Gehirnoperation in Stockholm schrieb er Utazás a koponyám körül und machte damit die Krankheit und den Eingriff selbst zum Gegenstand eines Romans.


Rezeption↑

Wie tief Karinthy in der ungarischen Sprache verankert ist, zeigt sich an einzelnen Wörtern. Manche seiner Wortschöpfungen und Wendungen sind bis heute in der ungarischen Umgangssprache lebendig, darunter „halandzsa“, auf Deutsch etwa „Kauderwelsch“.

Sein Name blieb auch außerhalb der Literatur präsent. 1986 wurde ein mehrsprachiges Gymnasium im XVIII. Budapester Bezirk Pestszentlőrinc-Pestszentimre nach ihm benannt. 2008 erhielt ein Asteroid seinen Namen: (84919) Karinthy.

Über die Literatur hinaus wirkt vor allem sein Gedanke aus der Erzählung Láncszemek nach. Stanley Milgram prüfte ihn 1967 experimentell, und unter dem Begriff Kleine-Welt-Phänomen wurde die Idee weit über Ungarn hinaus bekannt.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (6 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten