1722 – 1791
Anna Louisa Karsch
Kurzbiografie↑
Als eine der frühesten Dichterinnen, die in Deutschland vom Schreiben leben konnte, nimmt Anna Louisa Karsch einen besonderen Platz in der Literatur des 18. Jahrhunderts ein. Geboren 1722 in Niederschlesien, genannt „die Karschin“, stieg sie aus ärmlichsten Verhältnissen und zwei unglücklichen Ehen zur gefeierten Poetin der Berliner Salons auf. Ihre Zeitgenossen bewunderten sie als dichterisches Naturtalent und nannten sie die „deutsche Sappho“. Neben Sophie von La Roche gilt sie als eine der ersten finanziell unabhängigen Berufsschriftstellerinnen des Landes. Sie war die Mutter der Dichterin Caroline Louise von Klencke und die Großmutter der Schriftstellerin Helmina von Chézy.
Biografie↑
Geboren wurde Anna Louisa Karsch, geborene Dürbach, am 1. Dezember 1722. Über den genauen Geburtsort gibt es unterschiedliche Angaben: Während manche Quellen Schwiebus nennen und Wikidata den Ort Skąpe verzeichnet, verorten die Deutsche Biographie und weitere Angaben ihre Geburt auf einer Meierei „auf dem Hammer“ zwischen Züllichau und Krossen nahe der niederschlesischen Grenze. Ihr Vater Christian Dürbach war dort Gastwirt und Brauer. Er starb 1728, worauf ihre Mutter, eine geborene Kuchel, bald erneut heiratete.
Als Kind kam Anna Louisa zu einem Großonkel nach Tirschtiegel, der ihr Lesen, Schreiben und Rechnen sowie Grundkenntnisse in Latein beibrachte. Als er begann, mit ihr Latein zu treiben, holte die Mutter das Mädchen 1732 ins elterliche Haus zurück. Fortan musste sie als Kindermädchen für die Stiefgeschwister, als Kuhhirtin und Magd dienen. Trotzdem fand sie Zeit, allerlei Bücher zu lesen, darunter den Roman Die asiatische Banise, und machte erste Versuche im Dichten.
Kaum sechzehnjährig schloss sie 1738 die Ehe mit dem Schwiebuser Tuchmacher Michael Hirsekorn. Aus dieser Verbindung gingen mehrere Kinder hervor, doch der gewalttätige Mann hatte für ihre Gedichte kein Verständnis. 1748 reichte er die Scheidung ein und schickte die schwangere Frau ohne Unterstützung zu ihrer Mutter zurück. 1749 wurde sie mit dem Schneider Daniel Karsch aus Fraustadt verheiratet. Auch diese Ehe war unglücklich, denn Karsch war ein Trinker. Neben der Erziehung der Kinder schrieb die Karschin Gedichte zu Familienfeierlichkeiten und erlangte damit vor allem im benachbarten Schlesien Bekanntheit.
Nach dem Umzug der Familie nach Groß-Glogau im Jahr 1755 verbreitete sich ihr Ruf weiter. Nach dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges fanden ihre Lobeshymnen auf Friedrich II. und Preußen auf Flugschriften im ganzen Land Verbreitung und machten sie in Berlin bekannt. Befreundete Offiziers- und Adelsfamilien sorgten dafür, dass ihr Mann zum Militär eingezogen wurde. So von Karsch befreit, wurde sie Anfang 1761 durch den Baron Rudolf Gotthard von Kottwitz nach Berlin geführt, wo sie in den literarischen Salons für Aufsehen sorgte. Ihre Dichtkunst wurde von Gotthold Ephraim Lessing, Johann Georg Sulzer, Karl Wilhelm Ramler und Moses Mendelssohn gefördert.
Johann Wilhelm Ludwig Gleim erklärte sie zur deutschen Sappho und lud sie nach Halberstadt ein. Von Herbst 1761 bis Herbst 1762 finanzierten Förderer ihr Leben in Halberstadt und Magdeburg, wo sich Verbindungen zum preußischen Königshaus ergaben. Die Wissenschaftliche Gesellschaft der Helmstedter Universität ernannte sie zum Ehrenmitglied. Ihre Liebe zu Gleim blieb unerwidert. Am 11. August 1763 sagte ihr Friedrich II. bei einer Audienz eine Versorgung zu, hielt das Versprechen jedoch nicht ein. Gleim veranlasste die Veröffentlichung ihres ersten Gedichtbandes Auserlesene Gedichte, der 1764 mit einer Vorrede Sulzers erschien und ihr ein bescheidenes Auskommen sicherte.
Nach ihrer Rückkehr nach Berlin lebte sie wieder in ärmlichen Verhältnissen und litt bittere Not. Als getrennt lebende Frau durfte sie nach damaligem Recht über zufließende Gelder nicht frei verfügen. Daniel Chodowiecki unterstützte sie mit Miniaturbildnissen, die sie mit Versen ergänzte. Mit Goethe, der sie 1778 besuchte, pflegte sie einen Briefwechsel. 1789 vertonte Carl Philipp Emanuel Bach ihre Passionskantate Die letzten Leiden des Erlösers. Im selben Jahr ließ Friedrich Wilhelm II. das alte Versprechen seines Onkels wahr machen und schenkte ihr ein Haus in Berlin. Ihre letzten Lebensjahre waren von Krankheit geprägt. Anna Louisa Karsch starb am 12. Oktober 1791 in Berlin; ihre Tochter Caroline Louise von Klencke, die bis zuletzt bei ihr lebte, gab 1792 postum eine Ausgabe ihrer Gedichte heraus.
Literarische Merkmale↑
Aus dem Anlass heraus entstand ein großer Teil ihres Werks: Die Karschin schrieb Verse zu Familienfeierlichkeiten, Huldigungs- und Gelegenheitsgedichte auf Bestellung sowie Lobeshymnen auf Friedrich II. und Preußen. Berühmt war ihre gewandte Stegreifdichtung, die in den gebildeten Kreisen Berlins bewundert wurde. Man begrüßte sie als dichterisches Naturtalent, dessen Begabung ohne gelehrte Schulung aus dem einfachen Leben erwachsen war.
Die zahllosen Gedichte sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Geschätzt wurden ihre Natürlichkeit, ihre Bildfülle und ihr Einfallsreichtum. Bemängelt wurden dagegen die schnelle Reimerei ohne festen Aufbau sowie die Nachlässigkeit in Metrik, Reim und Metaphorik. Ihre Verse standen der Anakreontik nahe; noch 1894 wurde eine Auswahl in einer Sammlung anakreontischer und preußisch-patriotischer Lyriker abgedruckt. Neben gefälligen Gelegenheitsversen finden sich in ihren Bänden auch ergreifende Klagen über ihr schweres, von Rückschlägen bedrohtes Schicksal, etwa das Gedicht An den Domherrn v. Rochow.
Zu ihren weiteren Veröffentlichungen zählen die Einige Oden über verschiedene hohe Gegenstände und die Poetischen Einfälle von 1764, die Kleinigkeiten von 1765 sowie die Neuen Gedichte von 1772. Nach ihrem Tod gab die Tochter 1792 eine Ausgabe ihrer Gedichte samt einem Lebenslauf heraus. Dass sie ihren Broterwerb durch das Dichten bestreiten musste, ließ nach dem Urteil der Deutschen Biographie ihre Kritikfähigkeit verkümmern.
Rezeption↑
Bewunderung und Kritik lagen bei der Karschin nah beieinander. Ihre Zeitgenossen feierten sie als dichterisches Naturtalent; Gleim erklärte sie zur „deutschen Sappho“ und verschaffte ihr Gönner, ein Jahrgeld und die erste Sammlung ihrer Gedichte, die ihr laut der Allgemeinen Deutschen Biographie 2000 Taler eintrug. Ramler, Sulzer, Mendelssohn und viele andere nahmen sich ihrer an; sie knüpfte brieflichen Verkehr mit bedeutenden literarischen Größen Deutschlands an, darunter Goethe.
Zugleich geriet sie in den Streit um die Naturpoesie, die von Aufklärern und Anhängern der Geniebewegung unterschiedlich beurteilt wurde. Zwischen der Forderung, bewusst nach Traditionen und Formen zu dichten, und dem Drang, der Unmittelbarkeit ihres Talents freien Lauf zu lassen, vermochte sie sich nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie nicht zu entscheiden. Ihre Herkunft, ihre lückenhafte Ausbildung und das kümmerliche Leben in Berlin ließen eine ausgewogene Entwicklung nicht zu.
Ihre erste Gedichtsammlung wurde von der Kritik vielfach verkannt und verrissen. Dennoch wirkte ihr Name fort: In der Familie setzte sich die literarische Begabung über ihre Tochter Caroline Louise von Klencke bis zur Enkelin Helmina von Chézy fort. Ihr Nachlass wird in Berlin und im Halberstädter Gleimhaus bewahrt; im 20. Jahrhundert erschienen Darstellungen wie Hausmanns Lebensbild Die Karschin. Ein Leben in Briefen von 1933.
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