1896 – 1966
Hermann Kasack
Kurzbiografie↑
Als Schriftsteller, Lyriker und Rundfunkpionier gehörte Hermann Kasack zu den prägenden Gestalten des deutschen Literaturbetriebs im 20. Jahrhundert. Geboren 1896 in Potsdam, begann er als expressionistischer Dichter, arbeitete jahrzehntelang als Verlagslektor und wurde in der Frühzeit des Rundfunks zu einem der ersten Vermittler literarischer Inhalte im Radio. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang ihm mit dem Roman Die Stadt hinter dem Strom der Durchbruch zu einer breiten, internationalen Leserschaft. Von 1953 bis 1963 stand er als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vor. Er starb 1966 in Stuttgart.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Hermann Kasack als einziges Kind des praktischen Arztes Richard Kasack und dessen Frau Elsbeth in Potsdam. Dort besuchte er das humanistische Viktoria-Gymnasium, wo er im August 1914 ein Notabitur ablegte. Ein Mitschüler war der etwas ältere Edlef Köppen, ebenfalls ein Arztsohn, dem er fast lebenslang verbunden blieb. Anfang September 1914 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, aber schon am 31. Oktober wegen eines Herzfehlers aus der Armee entlassen. Anschließend studierte er Nationalökonomie und Literaturgeschichte in Berlin und schloss das Studium 1920 in München ab.
Bereits 1915 veröffentlichte er in der Zeitschrift Die Aktion sein erstes Gedicht. Während des Studiums lernte er den expressionistischen Dichter Wolf Przygode kennen. In den Jahren 1916/17 leistete Kasack zivile Hilfsdienste in Brüssel, wo er Carl Einstein und Gottfried Benn begegnete. Im November 1917 begannen die lebenslangen Freundschaften mit dem Maler Walter Gramatté und mit dem Dichter Oskar Loerke. Gramatté wurde später zum Vorbild für die Figur des Malers Katell in Die Stadt hinter dem Strom. Kasacks erstes Buch, der Gedichtband Der Mensch, erschien 1918.
Im Jahr 1920 heiratete er Maria Fellenberg und wurde Lektor im Gustav-Kiepenheuer-Verlag in Potsdam. In dieser Funktion gab er unter anderem die gesammelten Werke von Friedrich Hölderlin heraus; seine Doktorarbeit über Hölderlin beendete er nicht. 1924 wurde seine Tochter Renate geboren. 1925 verließ er den Kiepenheuer-Verlag und wurde ständiger literarischer Mitarbeiter bei der Funk-Stunde Berlin, wo er für die Programmgestaltung der ersten Dichterlesungen zeitgenössischer Lyriker verantwortlich war. Im folgenden Jahr wurde sein Drama Die Schwester uraufgeführt, und er wurde Direktor beim S. Fischer Verlag. 1927 wurde sein Sohn geboren, der spätere Slawist Wolfgang Kasack. In den folgenden Jahren arbeitete Kasack als freier Schriftsteller und Rundfunkautor. Er veröffentlichte zahlreiche Gedichte und war für mehr als hundert Radiosendungen verantwortlich, darunter viele Porträts von Schriftstellern und zahlreiche Hörspiele.
Als sein sozialkritisches Hörspiel Der Ruf im März 1933 in einer nationalsozialistisch umgearbeiteten Fassung ausgestrahlt wurde – man hatte Ausschnitte einer Hitlerrede hineingeschnitten –, protestierte er gegen die propagandistische Verfälschung seines Werks. Am 28. März 1933 wurde ihm daraufhin jegliche Mitarbeit am Rundfunk verboten. Kasack zog sich ins Private zurück und prägte in seinem Tagebuch für sich selbst den Begriff eines „Emigranten im Innern“. Er publizierte anfangs nur noch vereinzelte Gedichte in verschiedenen Zeitschriften. 1934 besuchte er erstmals Hermann Hesse und unternahm in der Folgezeit ausgedehnte Italienreisen. Nach der Zeit bei der Filmproduktionsfirma TOBIS, wo bis 1936/37 ebenfalls eine staatlich gelenkte Leitung eingesetzt wurde, wurde er 1941 als Nachfolger seines verstorbenen Freundes Oskar Loerke Cheflektor im S. Fischer Verlag, dem späteren Suhrkamp Verlag. Diese Tätigkeit behielt er bis 1949. Während Peter Suhrkamps Verhaftung im Jahr 1944 übernahm Kasack die Verlagsleitung.
Nach dem Krieg arbeitete er noch einmal für den Berliner Rundfunk. 1947 erschien sein bekanntester Roman Die Stadt hinter dem Strom, geschrieben in Potsdam in den Jahren 1942 bis 1946. Dafür erhielt er 1949 in Berlin den Fontane-Preis. Der Roman schildert eine kafkaeske Schattenwelt der Gestorbenen, die in der Nachkriegszeit als Sinnbild der totalitären Welt verstanden wurde. Ebenfalls 1947 hielt Kasack die Rede zum siebzigsten Geburtstag von Hermann Hesse im Charlottenburger Schloss in Berlin. 1948 wurde er Gründungsmitglied des Deutschen P.E.N.-Zentrums und Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. 1949 zog er nach Stuttgart. Sein zweiter und letzter Roman Das große Netz erschien 1952. Auch darin sowie in seinen Erzählungen Der Webstuhl (1949) und Fälschungen (1953) wandte er sich nach dem Verständnis der zeitgenössischen Kritik gleichnishaft gegen Diktatur und Tyrannei.
Von 1953 bis 1963 setzte er sich als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vor allem für die Veröffentlichung vergessener zeitgenössischer Autoren ein. So sprach er sich in einem gerichtlich angeforderten Gutachten gegen eine Bestrafung Arno Schmidts aus. 1955 wurde in Wiesbaden die Oper Die Stadt hinter dem Strom uraufgeführt, eine Vertonung des gleichnamigen Romans durch Hans Vogt mit einem von Kasack selbst verfassten Libretto. Zu seinem sechzigsten Geburtstag 1956 erschien eine Sammlung seiner wichtigsten Essays und Reden. 1963 trat Kasack von seinem Amt zurück, nachdem er fast vollständig erblindet war. Er starb Anfang 1966 in seiner Stuttgarter Wohnung. Im gleichen Jahr erschien sein vermutlich letzter Text: Jahr und Jahrgang 1896. Rückblick auf mein Leben.
Literarische Merkmale↑
Sein Hauptwerk sah Kasack in der Lyrik, die schon in den Studienjahren einsetzte und gesammelt in Das ewige Dasein (1943) vorliegt. Zunächst stand er unter dem Einfluss der expressionistischen Sprachlage, löste sich davon aber durch ein zunehmend präzises Formbedürfnis. Nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie verband er gedankliche Disziplin mit dem Ziel „plastischer“ Gestaltung: Erlebtes und Angeschautes wurde objektiviert, und im Ästhetischen drückte sich zugleich eine ethische Haltung aus, die sich im Widerstand seit 1933 bewährte. Diese luzide Geistigkeit seiner Lyrik wurde durch die enge Werk- und Gesinnungsgemeinschaft mit Oskar Loerke bestätigt und durch seine intensive Beschäftigung mit buddhistischer und ostasiatischer Philosophie und Dichtung beeinflusst.
Charakteristisch für den Lyriker Kasack ist laut der Neuen Deutschen Biographie eine meditative Thematik, die Verwandlung von Optischem ins Poetische – wozu ihn seine vielen Reisen anregten – sowie die Klarheit von Bild- und Sprachführung. Auch seinen dramatischen Spielen wohnt Lyrisches inne. Sie gingen ebenfalls vom Expressionismus aus und waren zunächst mehr auf die Wirkung des Wortes als auf die szenische Aktion gerichtet; deshalb haben sie sich, trotz einiger Aufführungserfolge, auf der Bühne nicht behauptet. Kasack zählt zu den frühen Initiatoren und Experimentatoren des Hörspiels, in dem die Sprachgestaltung entscheidend wurde. Als Erzähler fand er erst mit Die Stadt hinter dem Strom den Durchbruch. Der Roman gab in einem visionären Bild der Totenstadt eine Antwort auf die Wirklichkeit der letzten Kriegsjahre und auf die Frage nach dem Sinn des Todes und humaner Existenz. Die Lage des wehrlosen Einzelnen in einer entpersönlichten, totalitären Zivilisation blieb das Grundthema seiner folgenden Erzählwerke – teils mehr allegorisch wie in Der Webstuhl, teils mehr realistisch wie in Fälschungen.
Rezeption↑
Erst mit Die Stadt hinter dem Strom gelang Kasack der Durchbruch zu einer breiten, internationalen Öffentlichkeit; der Roman wurde in acht Sprachen übersetzt. Nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie traf er mitten in die Existenzerschütterungen jener Jahre hinein und gewann dadurch eine repräsentative Wirkung. Für das Werk erhielt Kasack 1949 den Fontane-Preis. Die Deutsche Biographie bezeichnet ihn als führenden Repräsentanten der deutschen Nachkriegsliteratur, der zahlreiche Auslandsreisen unternahm.
Auch die öffentliche Anerkennung wuchs. 1955 wurde der Roman als Oper vertont und in Wiesbaden uraufgeführt. Zu seinem sechzigsten Geburtstag 1956 verlieh ihm das Hessische Kultusministerium die Goethe-Plakette; im selben Jahr erschien eine Sammlung seiner Essays und Reden als Geschenk des Suhrkamp Verlags. 1960 erhielt er die Leo-Tolstoi-Gedenkmedaille des Maxim-Gorki-Instituts für Weltliteratur in Moskau. Sein Werk fand früh das Interesse der Forschung, das sich seit den 1950er und 1960er Jahren in Studien niederschlug, darunter Arbeiten von Fritz Martini, der auch den Artikel der Neuen Deutschen Biographie verfasste, sowie in einer Reihe internationaler Aufsätze, besonders zu Die Stadt hinter dem Strom.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (14 weitere Titel)