1901 – 1974
Marie Luise Kaschnitz
Kurzporträt↑
Zu den bedeutenden deutschen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts zählt Marie Luise Kaschnitz, geboren am 31. Januar 1901 in Karlsruhe, gestorben am 10. Oktober 1974 in Rom. Sie stammte aus altem badischem Adel und trug als Ehefrau des Archäologen Guido Kaschnitz von Weinberg den Namen, unter dem sie bekannt wurde. Ihr Werk umfasst Gedichte, Erzählungen, Essays, Hörspiele und autobiografische Aufzeichnungen. Als Meisterin der „kleinen Form“ richtete sie den Blick immer wieder auf den Tod, die Trauer und das eigene Ich. 1955 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis, dem zahlreiche weitere Auszeichnungen folgten.
Biografie↑
Geboren wurde Marie Luise Kaschnitz am 31. Januar 1901 in Karlsruhe als Freiin von Holzing-Berstett. Ihr Vater Max von Holzing-Berstett war preußischer Generalmajor, die Mutter Elsa stammte aus dem badischen Adel. Beide Elternhäuser gehörten alten badischen Adelsgeschlechtern an und verkehrten am preußischen Hof. Marie Luise wuchs in Potsdam und Berlin auf.
Nach dem Abitur ließ sie sich zwischen 1922 und 1924 in Weimar zur Buchhändlerin ausbilden. Danach arbeitete sie in einem Münchner Verlag und in einem Antiquariat in Rom. 1925 heiratete sie den Klassischen Archäologen Guido Kaschnitz von Weinberg. Seinen beruflichen Stationen folgend, lebte das Paar in verschiedenen Städten, unter anderem in Rom, Königsberg, Marburg und Frankfurt am Main. Zahlreiche Reisen, meist durch die wissenschaftlichen Interessen des Mannes veranlasst, führten die beiden nach Frankreich, Italien und Griechenland; die Deutsche Biographie nennt zudem Nordafrika und die Türkei. Über die genaue zeitliche Abfolge der Wohnorte gehen die Quellen auseinander.
Ihren ersten Roman Liebe beginnt schrieb sie 1933 für ein Preisausschreiben des Verlags Cassirer. Wenige Jahre später folgte der Roman Elissa. Besondere Förderung erfuhr sie durch den Verlagslektor Max Tau, der vor Kriegsausbruch nach Norwegen emigrierte und sie noch 1965 in einem Interview an erster Stelle der von ihm entdeckten Talente nannte.
Nach dem Krieg standen ihre Gedichtbände Totentanz und Gedichte zur Zeit und die frühen Gedichte ganz unter dem Eindruck der Kriegserfahrung. 1947 und 1948 war sie Mitherausgeberin der Monatsschrift Die Wandlung. In den Bänden Zukunftsmusik und dem Zyklus Ewige Stadt trat der Dialog des lyrischen Ichs mit der Gegenwart stärker hervor. Seit den 1950er Jahren wandte sie sich verstärkt dem Hörspiel zu. Aus dieser Zeit stammen auch die römischen Aufzeichnungen Engelsbrücke und das autobiografische Buch Das Haus der Kindheit.
In Rom lernte sie 1953 die Dichterin Ingeborg Bachmann kennen, mit der sie eine lebenslange Freundschaft verband. Ein tiefer Einschnitt war die Tumorerkrankung und der Tod ihres Mannes im Jahr 1958. Die daraus folgende Lebens- und Schaffenskrise überwand sie erst nach zwei Jahren. Diesen Weg zeichnete sie in Wohin denn ich nach. Im Gedichtband Dein Schweigen – meine Stimme verarbeitete sie den Verlust und setzte sich mit Tod, Entfremdung und Abschied auseinander. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie sich zeitweise auf das Familiengut in Bollschweil bei Freiburg zurück.
Im Spätwerk rückten essayistische und autobiografische Schriften in den Mittelpunkt. Dem Heimatdorf Bollschweil setzte sie mit Beschreibung eines Dorfes ein literarisches Denkmal. In Steht noch dahin stellte das erzählende Ich die Wirklichkeit und die eigene Identität zunehmend in Frage.
Für ihr Werk wurde Marie Luise Kaschnitz vielfach geehrt. 1955 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis, 1957 den Immermann-Preis, 1967 den Orden Pour le mérite für Wissenschaft und Künste und 1968 die Ehrendoktorwürde der Frankfurter Universität. 1960 wirkte sie als Gastdozentin für Poetik an der Universität Frankfurt. Sie gehörte dem P.E.N.-Zentrum der Bundesrepublik, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste an.
Marie Luise Kaschnitz starb am 10. Oktober 1974 in Rom an einer Lungenentzündung, die sie sich beim Schwimmen im Meer zugezogen hatte. Sie wurde in Bollschweil im Familiengrab neben ihrem Mann beigesetzt. Ihr Nachlass befindet sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar. Die gemeinsame Tochter Iris Schnebel-Kaschnitz arbeitete als Übersetzerin aus dem Italienischen und gab Werke ihrer Mutter heraus.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für das Schaffen von Marie Luise Kaschnitz ist die lyrische Intensität. Laut der Deutschen Biographie gilt sie als Meisterin der „kleinen Form“ – des Gedichts, des Essays, der Skizze und des Hörspiels. Diese lyrische Grundhaltung prägt nicht nur ihre Gedichtbände, sondern auch ihre Prosa. Immer wieder versucht sie, Wirklichkeit im Brennpunkt des Ich einzufangen, unter Aussparung des Nebensächlichen und mit Konzentration auf das Wesentliche.
Ein durchgehender Zug ihres Werks ist der autobiografische Bezug. Landschaft, Reisen, die Begegnung mit Menschen und Dingen sowie die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe Europas fließen in ihre Dichtung ein. Schon die frühen Texte spiegeln ein überwaches Bewusstsein und die ständige Konfrontation mit dem Tod. Dieses Motiv umkreist sie immer wieder. Auch das postum veröffentlichte Märchen Der alte Garten, schon Anfang der 1940er Jahre vollendet, spart den Tod in keinem Moment aus.
Ihr Stil veränderte sich im Lauf der Jahre deutlich. Anfangs bediente sie sich traditioneller Mittel: einer chronologischen Erzählfolge, übersichtlicher Sätze und reimgebundener Lyrik. Später führte ihr Weg zu Verknappung und Pointierung. Die Sätze lösen sich auf, einzelne bedeutungsvolle Wörter werden wiederholt, und Prosapartien werden kunstvoll in gedichtähnliche Zeilen aufgeteilt. Zugleich löste sich ihre Lyrik aus der Reimbindung und näherte sich der Prosazeile. Dabei suchte sie stets die genaueste Bezeichnung und die knappste Formulierung.
Besondere Meisterschaft zeigt sie im Umgang mit der Zeit. In Beschreibung eines Dorfes spielt sie mit einer mehrdimensional erfahrenen Zeit: Der als künftig gedachte Entwurf ist das Ergebnis gegenwärtigen Schreibens, das sich meist auf Vergangenes bezieht. Aus dieser Verschränkung von Gegenwart und Zukunft entsteht eine eigentümliche Spannung. Im Spätwerk deutet sie das Bewusstsein der Gleichzeitigkeit vieler Vorgänge als Grundstimmung ihrer Epoche.
Rezeption↑
Von der Forschung wird Marie Luise Kaschnitz zu jenen Dichterpersönlichkeiten gezählt, deren Werk ein ganzes Leben hindurch gewachsen ist und noch im Alter an Vollendung gewann. Durch Vortragsreisen und Dichterlesungen suchte sie das kulturelle Leben in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mitzuprägen. Ihre Zeitgenossenschaft, die sie nicht als Zufall, sondern als Schicksal begriff, wird in der Deutschen Biographie als ein Grundzug ihrer Aussage hervorgehoben.
Über den Gedichtband Dein Schweigen – meine Stimme heißt es, dass hier die Trauer auf eine Weise gestaltet sei, die „intellektuell erarbeitet und seelisch vertieft, in der deutschsprachigen Dichtung nicht mehr wiederholt worden“ ist. Die Reihe der Auszeichnungen – vom Georg-Büchner-Preis 1955 bis zum Orden Pour le mérite – zeigt das hohe Ansehen, das sie zu Lebzeiten genoss.
Auch nach ihrem Tod wirkt ihr Werk fort. Seit 1984 wird der Marie Luise Kaschnitz-Preis verliehen. Mehrere Schulen tragen ihren Namen, und in Freiburg und Hannover wurden Straßen nach ihr benannt. Ihr Werk ist seither Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten geworden, die sich etwa mit der Kindheitsmotivik, der Antikenrezeption oder ihrer Tagebuchprosa befassen. Für 2026 ist im Rahmen des Lesefests „Frankfurt liest ein Buch“ eine Neuausgabe ihrer Frankfurt-Texte angekündigt.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (38 weitere Titel)