1900 – 1989
Sándor Márai
Kurzbiografie↑
Als einer der bedeutendsten ungarischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wurde Sándor Márai 1900 im damals ungarischen Kaschau geboren und starb 1989 in San Diego. Er stammte aus einer Familie mit deutschen Wurzeln, schrieb zunächst auf Deutsch und veröffentlichte ab 1928 nur noch auf Ungarisch. Nach seiner Emigration aus Ungarn führte er ein rastloses Wanderleben, das in Einsamkeit und Depression endete. International bekannt wurde er erst spät: Die Neuausgabe seines Romans Die Glut löste 1998 im deutschsprachigen Raum eine vielbeachtete Wiederentdeckung aus. Er war der ältere Bruder des Filmregisseurs Géza von Radványi.
Biografie↑
Geboren wurde er am 11. April 1900 als Sándor Károly Henrik Grosschmid de Mára in Kaschau (ungarisch Kassa, slowakisch Košice), das damals zum Königreich Ungarn gehörte. Sein Vater war Advokat und späterer Königlicher Vizenotar, seine Mutter Lehrerin an der Höheren Mädchenschule der Stadt. Márai wuchs in einer liberalkonservativen Familie auf und bezeichnete Kaschau als eine der wenigen „europäischen“ Städte Ungarns seiner Zeit. Von 1909 bis 1917 besuchte er das dortige Prämonstratenser-Gymnasium, später auch das Katholische Gymnasium zu Eperies.
Der Erste Weltkrieg und der Anschluss Oberungarns an die neugegründete Tschechoslowakei rissen ihn aus diesem geordneten Leben. Nach kurzer Studienzeit in Budapest emigrierte der junge Márai im Oktober 1919 nach Deutschland. Er studierte zunächst am Institut für Zeitungskunde der Universität Leipzig Journalistik und schrieb Artikel für das Satireblatt Der Drache. Später setzte er seine Studien in Frankfurt am Main fort, wo er für das Feuilleton der Frankfurter Zeitung arbeitete. Sein letzter Studienaufenthalt führte ihn nach Berlin, wo er keinen Abschluss erwarb.
Seine Zeitungsartikel zeichnete er seit 1919 mit dem Namen Márai. Das Adelsprädikat de Mára geht auf seinen Großvater Christoph Grosschmid zurück, dem Kaiser Leopold II. es für treue Dienste verliehen hatte. Den Geburtsnamen Grosschmid durfte er jedoch erst ab 1939 nach einer bewilligten Namensänderung offiziell durch Márai ersetzen.
Im Jahr 1923 heiratete Márai standesamtlich Ilona Matzner, genannt Lola, die aus einer wohlhabenden jüdischen Familie stammte. Sie begleitete ihn 62 Jahre lang bis zu ihrem Tod. Kurz nach der Hochzeit zog das Paar nach Paris, wo Márai als Korrespondent der Frankfurter Zeitung und des Prager Tagblatts arbeitete. Er las Flaubert, Stendhal und Balzac im Original und übersetzte Werke von Kafka, Trakl, Benn und Else Lasker-Schüler ins Ungarische, wodurch er sie in seiner Heimat bekannt machte. Eine geplante Übersetzung von Thomas Manns Roman Buddenbrooks fand keinen Verleger. 1925 nahm ihn die literarische Kazinczy-Gesellschaft von Kaschau als Mitglied auf.
Im März 1926 schiffte sich Márai in Marseille ein und bereiste Ägypten, Palästina, Syrien und die Türkei. Seine Reiseeindrücke erschienen 1927 unter dem Titel Auf den Spuren der Götter als Buch, das er selbst einen „Reiseroman“ nannte. Es ist das erste Werk, das er in sein eigenes Werkverzeichnis aufnahm. 1928 kehrte er nach Ungarn zurück; damit begann seine produktivste und erfolgreichste Schaffensperiode. Er schrieb nun Lyrik, Prosa, Dramen und essayistische Werke, darunter Die Schule der Armen (1933). Der stark autobiografisch gefärbte Roman Bekenntnisse eines Bürgers (1934) brachte ihm finanziellen Erfolg. 1942 erschien Die Glut.
Am 28. Februar 1939 wurde sein einziges Kind geboren, das im Alter von kaum sechs Wochen an Hämophilie starb. Diese Erfahrung spiegelt sich in Wandlungen einer Ehe (1941). Nach der deutschen Besetzung Ungarns im März 1944 legte Márai aus Protest die Feder nieder und war nicht bereit, unter der Besatzung zu arbeiten; es erschien kein neues Buch mehr. Lolas Vater und viele ihrer Verwandten kamen im Holocaust um. Als die Front näher rückte, zog das Paar in das Dorf Leányfalu nördlich von Budapest. Ihre Stadtwohnung mit einer 6000 Bände zählenden Bibliothek wurde im Krieg zerstört. Aus dieser unmittelbaren Anschauung entstand der Roman Befreiung, dessen Manuskript aber erst im Jahr 2000 aus dem Nachlass veröffentlicht wurde.
Nach dem Krieg legte man in Ungarn zunächst Wert auf Márais Mitwirkung. Im Juli 1945 wurde er geschäftsführender Generalsekretär des Ungarischen Schriftstellerverbandes, 1947 ordentliches Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Den Vorsitz des Ungarischen P.E.N.-Clubs und einen Posten als Generalkonsul in Bern lehnte er ab, weil er Schriftsteller bleiben wollte. Laut seinem Biografen Ernő Zeltner entschied er sich zunächst für einen Neuanfang in Ungarn; als Indiz gilt die Adoption eines Kindes durch das Ehepaar, über die allerdings mehrere widersprüchliche Versionen bestehen. Später verließ Márai seine Heimat endgültig und führte ein Wanderleben im Exil. Er starb im Februar 1989 in San Diego.
Literarische Merkmale↑
Prägend für Márai war die Zweisprachigkeit seiner Herkunft. Er bezeichnete sich selbst als „Deutscher aus der Zips“, war aber mit Leib und Seele Ungar. Zunächst schrieb er auf Deutsch, ab 1928 veröffentlichte er ausschließlich auf Ungarisch. Sein Werk umfasst mehrere Gattungen: Er verfasste Lyrik, Prosa, Dramen, Essays, Reiseberichte und umfangreiche Tagebücher.
Ein wiederkehrender Zug ist die autobiografische Färbung. Romane wie Bekenntnisse eines Bürgers schöpfen erkennbar aus dem eigenen Leben, und auch persönliche Erfahrungen wie der Tod seines Kindes fanden in Wandlungen einer Ehe literarischen Niederschlag. Sein Biograf Ernő Zeltner nannte den Versuch, Márais Leben nachzuzeichnen, „ein abenteuerliches Unternehmen“, da der Autor sein Schriftstellerleben lang einen wahren „Irrgarten“ angelegt habe, in dem sich Fakten und Erinnerung, Biografie und Fiktion auf sonderbare Weise mischten.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten wurde Márai in Ungarn zunächst als bedeutender Autor geschätzt, geriet nach seiner Emigration im deutschsprachigen Raum jedoch weitgehend in Vergessenheit. Seine große Wiederentdeckung kam erst nach seinem Tod. Die Neuausgabe des Romans Die Glut löste 1998 in Deutschland eine regelrechte Márai-Renaissance aus; das Buch verkaufte sich innerhalb eines Jahres 200.000 Mal.
Auch die literarische Kritik nahm ihn nun als Meister wahr. Die Zeitung Die Zeit schrieb im Jahr 2000, der Literatur des 20. Jahrhunderts sei posthum ein Meister beschert worden. Imre Kertész widmete ihm den Essay „Bekenntnis zu einem Bürger“, und Adam Zagajewski würdigte ihn unter dem Titel „Ein junger Klassiker“. Sein Werk wurde zudem in wissenschaftlichen Beiträgen im Zusammenhang mit den Exiltagebüchern ostmitteleuropäischer Autoren untersucht. 2006 entstand eine Fernsehreportage über den Autor, der eine erstaunliche Renaissance erfuhr.
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