1874 – 1938
Leopoldo Lugones
Kurzbiografie↑
Leopoldo Lugones war ein argentinischer Dichter und Essayist. Er wurde 1874 in Villa de María del Río Seco in der Provinz Córdoba geboren und nahm sich 1938 in Tigre bei Buenos Aires das Leben. Sein Werk umfasst Lyrik, Erzählungen und Essays; mit den phantastischen Geschichten in Las fuerzas extrañas und Cuentos fatales begründete er die Tradition der argentinischen Kurzgeschichte, die im 20. Jahrhundert große Bedeutung erlangen sollte. Ebenso bekannt wie sein literarisches Schaffen waren seine politischen Kehrtwendungen: Sie führten ihn vom Sozialismus über Liberalismus und Konservatismus bis zum Faschismus. 1926 erhielt er den Argentinischen Staatspreis für Literatur.
Biografie↑
Geboren wurde Leopoldo Lugones am 13. Juni 1874 in der Provinz Córdoba als erster Sohn von Santiago Lugones und Custodia Argüello. Die Mutter unterrichtete ihn zunächst selbst und sorgte für eine sehr strenge katholische Erziehung. In seiner Kindheit zog die Familie nach Santiago del Estero, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, und bald darauf in die Kleinstadt Villa Ojo de Agua im Süden dieser Provinz.
Später schickten ihn die Eltern auf das Colegio Nacional in Córdoba. Dort wohnte er bei seiner Großmutter mütterlicherseits. 1892 zog die Familie ebenfalls nach Córdoba. In diesen Jahren sammelte Lugones seine ersten journalistischen und literarischen Erfahrungen. Er arbeitete für die Zeitschrift El Pensamiento Libre, die als atheistisch und anarchistisch galt, und beteiligte sich an der Gründung des ersten sozialistischen Zentrums der Stadt. Seine frühen Gedichte veröffentlichte er unter dem Pseudonym Gil Paz.
1896 ging er nach Buenos Aires und heiratete dort Juana González. In der Hauptstadt schloss er sich einer Gruppe sozialistischer Intellektueller an, zu der unter anderen José Ingenieros, Alberto Gerchunoff, Manuel Ugarte und Roberto Payró gehörten. Er schrieb gelegentlich für verschiedene Blätter, darunter die sozialistische Zeitung La Vanguardia und Tribuna. In dieser Zeit lernte er Rubén Darío kennen, der großen Einfluss auf sein literarisches Schaffen ausüben sollte und ihm den Zugang zur Tageszeitung La Nación eröffnete.
1897 wurde sein einziger Sohn Polo Lugones geboren. Dieser brachte es später unter der Diktatur von José Félix Uriburu zum Polizeichef und gelangte zu traurigem Ruhm, weil er die sogenannte „Picana“ als elektrische Foltermethode einführte. Im selben Jahr 1897 erschien Lugones' erstes Buch, Las montañas del oro. Sein Stil war darin noch von der französischen Romantik geprägt.
1903 wurde Lugones aus der sozialistischen Partei ausgeschlossen. Der Grund war seine Unterstützung für die Präsidentschaftskandidatur des Konservativen Manuel Quintana. Zwei Jahre später veröffentlichte er den Gedichtband Los crepúsculos del jardín, der dem literarischen Modernismo und dem französischen Symbolismus nahestand. Diese Richtung verstärkte sich in Lunario sentimental von 1909. Ebenfalls in diesen Jahren erschien der Erzählband Las fuerzas extrañas, in dem er mit Gruselgeschichten und phantastischen Stoffen experimentierte. 1906 und 1911 reiste er nach Europa; solche Reisen galten damals in der argentinischen Elite als unerlässlicher Teil der Bildung.
Nach der Rückkehr aus Europa veröffentlichte er 1911 den Essay Historia de Sarmiento. 1913 hielt er im Teatro Odeón eine Vortragsreihe unter dem Titel „El Payador“. Ihr Hauptthema war das Gaucho-Epos Martín Fierro; darin verherrlichte er die Figur des Gaucho als Inbegriff der argentinischen Nationalität.
Um 1920 wandte sich Lugones zusehends nationalistischen Ideen zu. Sein politisches Credo legte er in Mi beligerancia dar. Im folgenden Jahr erschien El tamaño del espacio, 1922 dann Las horas doradas, mit dem er zur symbolistischen Richtung zurückkehrte. 1926 erhielt er den Argentinischen Staatspreis für Literatur, im selben Jahr erschien der Erzählband Cuentos fatales. 1928 wurde er zum Vorsitzenden des Argentinischen Schriftstellerverbands gewählt.
Zu dieser Zeit war Lugones bereits ein glühender Verfechter faschistischer Ideen. Er gehörte zu den stärksten Befürwortern und Propagandisten des Militärputsches, den Uriburu am 6. September 1930 anzettelte und mit dem der bis dahin herrschende Hipólito Yrigoyen von der Unión Cívica Radical abgesetzt wurde. Seine enge Verstrickung in die Politik seines Landes und seine mit fast religiöser Besessenheit vorgetragene Vorstellung einer geistigen Erneuerung durch das Militär trugen ihm harte Kritik vieler Intellektueller ein.
Frustriert von den politischen Verhältnissen der 1930er Jahre nahm sich Lugones am 18. Februar 1938 in Tigre in der Provinz Buenos Aires das Leben. Er tat es in einem Hotel namens „El tropezón“, indem er eine Mischung aus Blausäure und Whisky trank. Im selben Jahr erschien noch der Gedichtband Romances del Río Seco; Cancionero de Aglaura kam erst nach seinem Tod heraus.
Literarische Merkmale↑
Sein Schreiben hat mehrfach die Richtung gewechselt. Das Frühwerk Las montañas del oro von 1897 war noch von der französischen Romantik geprägt. Mit Los crepúsculos del jardín rückte er dem literarischen Modernismo und dem französischen Symbolismus nahe; in Lunario sentimental trat diese Neigung noch deutlicher hervor. Nach nationalistisch gefärbten Jahren kehrte er 1922 mit Las horas doradas zur symbolistischen Linie zurück.
Neben der Lyrik stand die Prosa. In Las fuerzas extrañas und Cuentos fatales arbeitete er mit Gruselgeschichten und phantastischen Stoffen. In seinen Vorträgen und Essays wandte er sich dagegen dem Eigenen zu: dem Gaucho-Epos Martín Fierro und der Figur des Gaucho, die er zum Inbegriff des argentinischen Wesens erhob.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten löste Lugones in Buenos Aires immer wieder Streit aus. Weniger sein literarisches Werk stand dabei im Mittelpunkt als seine politischen Kehrtwendungen, die ihn vom Sozialismus über Liberalismus und Konservatismus zum Faschismus führten. Seine Unterstützung des Militärputsches von 1930 und seine Vorstellung einer geistigen Erneuerung durch das Militär brachten ihm scharfe Kritik vieler Intellektueller ein. Anerkennung fand er dennoch: 1926 erhielt er den Argentinischen Staatspreis für Literatur, 1928 übernahm er den Vorsitz des Argentinischen Schriftstellerverbands.
Mit seinen phantastischen Erzählungen gilt er als Begründer der argentinischen Kurzgeschichten-Tradition, die für das gesamte 20. Jahrhundert bedeutend wurde, und wird zu den frühen Science-Fiction-Autoren des Kontinents gezählt. Jorge Luis Borges nahm den Erzählungsband Die Salzsäule in seine Reihe „Bibliothek von Babel“ auf. Auf Deutsch liegen darüber hinaus die Sammlungen Die Augen der Pharaonin und Die Entdeckung des Umkreises vor. Auch die spanischsprachige Forschung hat sich mit ihm befasst, etwa mit seiner Rolle im argentinischen Nationalismus und seinem Verhältnis zum Staat.
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