1852 – 1912
Ion Luca Caragiale
Kurzbiografie↑
Als bedeutendster Dramatiker Rumäniens gilt Ion Luca Caragiale (1852–1912) bis heute in seiner Heimat. In wenigen Jahren schuf er Komödien, die das Kleinbürgertum, den politischen Betrieb und die nationalistische Enge seiner Zeit mit Satire und Ironie verspotteten. Seine Stücke zählen zu den herausragenden Beispielen des rumänischen kritischen Realismus. Nach 1890 wandte er sich dem Erzählen und der Skizze zu. Verletzt durch einen Plagiatsvorwurf, verließ er Rumänien und lebte bis zu seinem Tod im freiwilligen Berliner Exil.
Biografie↑
Geboren wurde Caragiale am 13. Februar 1852. Bei seinem Geburtsort weichen die Quellen voneinander ab: Die Deutsche Biographie nennt Ploieşti, während Wikidata den Ort unter dem heutigen Namen I. L. Caragiale führt. Laut Wikipedia kam er in Haimanale im Kreis Prahova in der Walachei zur Welt; das Dorf heißt heute nach ihm I. L. Caragiale und liegt im Kreis Dâmbovița.
Er stammte aus einer Theaterfamilie. Seine Eltern waren ein Schauspielerehepaar, und auch zwei Onkel väterlicherseits standen als Darsteller auf der Bühne. So war er von früh an dem Theater eng verbunden. Er arbeitete als Souffleur, Theaterkopist und Korrektor, später als Theaterleiter: Ab 1888 leitete er das Nationaltheater Bukarest, das erst 1952 postum nach ihm benannt wurde. Daneben verdiente er sein Brot als Zeitungsredakteur, Lehrer, Schulinspektor und Gastwirt.
Erste Geschichten und Gedichte veröffentlichte er bereits 1872 in Zeitschriften. Sein dramatisches Hauptwerk entstand in der kurzen Spanne zwischen 1879 und 1890. In den Jahren 1893 und 1901 gab er außerdem die satirische Zeitschrift Moftul român heraus, die den „rumänischen Kleinkram“ kritisch beleuchtete.
Im Jahr 1901 wurde Caragiale in der Zeitschrift Revista literară des Plagiats beschuldigt. Unter dem Pseudonym Caion erschienen zwei Artikel, die behaupteten, sein Stück Năpasta (deutsch Missgeschick) sei ein Plagiat des Stückes Nenorocul des ungarischen Schriftstellers István Kemény. Caragiale fand heraus, dass der Schriftsteller C. Al. Ionescu hinter den verleumderischen Artikeln stand. Er zog vor Gericht und gewann den Prozess problemlos, war aber so verletzt, dass er ins Ausland ziehen wollte. Möglich wurde ihm das erst 1904, nachdem er ein beachtliches Erbe angetreten hatte. Noch im selben Jahr zog er nach Berlin.
In Berlin verhängte er zunächst ein selbstauferlegtes Schreibverbot über sich. 1907 entstand dort dennoch das Essay 1907 din primăvară până'n toamnă (deutsch 1907 vom Frühjahr bis zum Herbst), in dem er die Ursachen und den Verlauf des Bauernaufstands schilderte. Teile davon erschienen vorab in der Wiener Zeitschrift Die Zeit; das ganze Essay veröffentlichte er anschließend anonym in Berlin, unterzeichnet mit „Ein rumänischer Patriot“.
Caragiale lebte bis zu seinem Tod in Berlin. 1911 oder 1912 besuchte ihn dort noch der rumänische Schriftsteller Panait Istrati. Er starb am 9. Juni 1912 in Berlin. Sein Leichnam wurde nach Bukarest überführt und am 22. November 1912 im Rahmen einer großen Trauerfeier auf dem Bellu-Friedhof beerdigt. Um dem Publikum die Teilnahme zu ermöglichen, wurde der Fahrpreis auf allen Bahnen des Landes um 50 Prozent ermäßigt. In Berlin erinnern eine Gedenktafel am Hohenzollerndamm 201 in Wilmersdorf und eine Stele in Pankow an ihn. Am 28. Oktober 1948 wurde er postum als Ehrenmitglied in die Rumänische Akademie aufgenommen. Sein Sohn Mateiu wurde ebenfalls ein wichtiger rumänischer Schriftsteller.
Literarische Merkmale↑
Vor allem als Dramatiker ist Caragiale bedeutend, und in Rumänien gilt er nicht nur als Begründer des komischen Theaters, sondern auch als einer der wichtigsten Mitbegründer des rumänischen Nationaltheaters. Seine Komödien zählen zu den herausragenden Beispielen des rumänischen kritischen Realismus. In der Schaffensphase zwischen 1879 und 1890 kritisierte er fast ausschließlich in Komödien scharfzüngig die Schwächen seiner Umwelt. Mit den Mitteln der Satire und der Ironie führte er heftige Angriffe gegen die Bourgeoisie und die nationalistische Engstirnigkeit; auch die Schwächen und Fehler des Menschen an sich verspottete er erbarmungslos.
Eine stürmische Nacht (1878) macht sich über das gesellschaftliche und familiäre Leben der Kleinbürger in der Bukarester Vorstadt lustig. Die Furcht des bürgerlichen Emporkömmlings vor jedem revolutionären Ereignis behandelt die Posse Herr Leonida und die Reaktion (1879): Ein Faschingsknallkörper wird mit den Schüssen der Revolution verwechselt. Auch das zeitweise zu den meistgespielten Stücken seiner Heimat gehörende Lustspiel Der verlorene Liebesbrief (1884) zeigt ihn als genauen Beobachter der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Mit seiner ersten Tragödie Die falsche Beschuldigung (1890), die im dörflichen Milieu spielt und einen ungesühnten Mord behandelt, verabschiedete er sich weitgehend vom Theater. Im Berliner Exil entstand noch eine fragmentarische Fortsetzung seiner Lustspiele.
Nach 1890 verlegte er sich auf das Erzählen und Skizzenschreiben. Seine Erzählungen und Novellen greifen häufig märchenhafte, fantasievolle und verspielte Themen auf, die meisten Skizzen sind gesellschaftskritisch. Zu den bekanntesten Erzählungen gehören Herr Goe, Die Kette der Schwächen, Telegramme und Besuch.
Rezeption↑
Bis heute ist Caragiale in Rumänien populär, wovon die fortwährenden Verfilmungen seiner Werke zeugen. In Deutschland ist der Klassiker dagegen ein wenig in Vergessenheit geraten. Den literaturgeschichtlich bedeutendsten Einfluss übte er auf das absurde Theater von Eugène Ionesco aus. Dieser schrieb in seinen Notes et contre-notes: „I.L. Caragiale ist vielleicht der größte unbekannte dramatische Autor“. Vor allem Caragiales Gesellschaftskritik und sein ausgeprägter Sprachhumor sind in den Stücken Ionescos wiederzuerkennen.
In der Bundesrepublik Deutschland galt der 1912 Verstorbene noch Ende der 1950er Jahre als wichtiger Vertreter des modernen Theaters. Die DDR hielt ihn als „geistreichen Kämpfer gegen den bürgerlich-junkerlichen Klassenstaat“ in Ehren und auf dem Spielplan. Der Rundfunk der DDR brachte Hörfassungen seiner Stücke, etwa den Herrn Leonida, der zugleich als Schulunterrichtsmittel diente; noch 1982 entstand eine Hörfunkbearbeitung von Der verlorene Liebesbrief. Heute ist Caragiale auf der Banknote im Wert von 100 rumänischen Lei abgebildet, und die Nationaluniversität der Theater- und Filmkunst in Bukarest trägt seinen Namen. Auf seinen Berliner Spuren drehte der rumänische Filmemacher Alexandru Solomon 2001 den Dokumentarfilm Das Brot des Exils.
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