1822 – 1886
Leopold Kompert
Kurzbiografie↑
Leopold Kompert wurde 1822 in Münchengrätz in Böhmen geboren, dem heutigen Mnichovo Hradiště. Er wuchs in der kleinen Stadt auf und machte das Leben der böhmischen Juden zum Stoff seiner Erzählungen. Mit den Geschichten aus dem Ghetto von 1848 gilt er als einer der ersten deutschen Verfasser solcher Ghettoerzählungen. Neben dem Schreiben arbeitete er als Journalist, Erzieher und Redakteur; in Wien bekleidete er später Ämter in der Schulverwaltung und in der Israelitischen Kultusgemeinde. Kompert starb 1886 in Wien.
Biografie↑
Als Sohn eines Wollhändlers kam Kompert am 15. Mai 1822 in Münchengrätz zur Welt, einem Städtchen in der Nähe von Jungbunzlau. Seine ersten Jahre verbrachte er im Elternhaus. Von 1832 bis 1836 besuchte er das Piaristengymnasium in Jungbunzlau. Dort fand er in Moritz Hartmann und Isidor Heller Freunde.
1836 ging Kompert nach Prag. 1838 begann er an der Prager Universität ein Philosophiestudium. Sein Vater hatte den größten Teil des Vermögens verloren, das Geld reichte nicht lange. Bald darauf wanderte er zu Fuß nach Wien. Dort verdiente er als Hofmeister sein Brot. Er verkehrte in einem Künstlerkreis. Dazu zählten auch Hartmann und Julius Schindler.
1840 brach Kompert nach Ungarn auf und hielt sich längere Zeit dort auf. Die Puszta und das Leben auf dem Land prägten seine ersten Arbeiten. In Preßburg kam er mit der Presse in Berührung. Dort schrieb er für die „Preßburger Zeitung“ und ihr Beiblatt „Pannonia“, wo seine ersten Artikel erschienen. Seine Bilder aus dem Leben in der Puszta fanden Anklang und wurden ins Ungarische übersetzt. Ludwig August Frankl lud ihn ein, für die Wiener „Sonntagsblätter“ zu schreiben. Dort erschien 1846 mit Der Schnorrer seine erste Schilderung jüdischen Lebens. Von 1843 bis 1847 war Kompert Erzieher der Kinder des Grafen Andrássy.
1847 kehrte er nach Wien zurück, um Medizin zu studieren. Die Revolution von 1848 lenkte ihn zurück in den Journalismus. Im selben Jahr erschienen seine Ghettoerzählungen. Die Revolution begrüßte er begeistert und forderte im „Österreichischen Centralorgan“ für die Juden „Recht, nicht Rechte“. Die antijüdischen Ausschreitungen jener Monate enttäuschten ihn tief; danach empfahl er den Juden die Auswanderung in die Vereinigten Staaten. Damit stand er nicht allein: Mehrere bekannte jüdische Schriftsteller Mitteleuropas rieten in dieser von Antisemitismus geprägten Zeit zur Auswanderung nach Amerika. Von 1848 bis 1852 war Kompert Feuilletonredakteur und Herausgeber des „Österreichischen Lloyd“. 1852 gab er die Redaktion auf.
Ab 1852 lebte Kompert fünf Jahre als Erzieher im Haus des preußischen Konsuls Goldschmidt in Pest. Von dort pflegte er weitreichende Verbindungen zu literarischen und künstlerischen Kreisen in Deutschland und Österreich. 1857 heiratete er Marie, geborene Levi. Kurze Zeit arbeitete Kompert danach bei der Credit-Anstalt in Wien. Seit 1861 lebte er in Wien als freier Schriftsteller.
Im öffentlichen Leben Wiens gewann Kompert Ansehen. 1870 wurde er Bezirksschulrat, 1876 Landesschulrat für Niederösterreich. Kompert setzte sich stark für die Deutsche Schillerstiftung ein und gründete ihren Wiener Zweigverein mit. Seit 1873 gehörte er dem Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien an. 1875 stand er dem Verein der Literaturfreunde vor. Als Mitglied des Wiener Gemeinderats von 1873 bis 1881 und als ehrenamtlicher Leiter des Schulbereichs der jüdischen Gemeinde warb er für Assimilation und Integration. Zu seinem Freundeskreis zählten Heinrich Laube, Ferdinand Kürnberger und Emil Kuh.
1863 veröffentlichte Kompert im „Jahrbuch für Israeliten“ einen Artikel von Heinrich Graetz über den Messianismus. Daraus erwuchs in Wien der sogenannte Kompert-Prozess, in dem die Rabbiner Mannheimer und Horowitz zugunsten von Graetz auftraten. Kompert wurde als Herausgeber zu einer Geldstrafe verurteilt. Kompert starb am 23. November 1886 in Wien und wurde in der alten israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs begraben. 1955 benannte die Stadt Wien im 22. Bezirk die Kompertgasse nach ihm.
Literarische Merkmale↑
Kompert schöpfte aus dem, was er als Kind in Münchengrätz gesehen hatte. Seine zahlreichen Erzählungen und Geschichten, von denen manche eigene Erlebnisse aufgreifen, schildern das Leben der böhmischen Juden im Ghetto. Die Neue Deutsche Biographie betont, dass er darin für eine Assimilation des Judentums eintrat, getragen von dem Wunsch nach Versöhnung zwischen den Bevölkerungsgruppen. Diese Haltung wird auch praktisch: In Am Pflug von 1855 ermuntert er die Juden zum Ackerbau.
Die Allgemeine Deutsche Biographie beschreibt seine Erzählweise als die eines Dichters, der das Dunkel des Ghettos mit liebevollem Herzen durchwandert. Dort sucht dieser Dichter Freiheit des Geistes und Reinheit der Gefühle. Kompert umgebe das Ghetto mit einem romantischen, geheimnisvollen Zauber. Seine Figuren träten wie aus einer stillen Märchenwelt hervor. Sie führten ein enges, fremdartiges Leben: nach außen armselig und gedrückt, im Inneren reich. Mit der Wirklichkeit habe das wenig zu tun, urteilte Rudolf Wolkan 1906. Kompert habe seinen Gestalten die eigenen Gefühle geliehen.
Seinen frühen Arbeiten lag ein anderer Stoff zugrunde. Die Artikel, die er in Preßburg veröffentlichte, waren vom Erlebnis der Puszta geprägt. Neben den Erzählungen schrieb Kompert für Zeitungen und Zeitschriften. Als Feuilletonredakteur und Herausgeber war er mit der leichteren, zugewandten Form des Zeitungsbeitrags vertraut. In der Revolutionszeit trat er auch mit politischen Wortmeldungen hervor.
Rezeption↑
Erfolg hatte Kompert von Anfang an. Schon seine ersten Bilder aus dem Leben in der Puszta fanden in Preßburg Anklang und wurden ins Ungarische übersetzt. Diese gute Aufnahme entschied laut der Allgemeinen Deutschen Biographie über seinen weiteren Weg. Mit Am Pflug erreichte er nach Auskunft der Neuen Deutschen Biographie besonders die jüdische Jugend Osteuropas und fand dort großen Anklang.
Seine Ghettogeschichten wurden noch zu seinen Lebzeiten in andere Sprachen übertragen; eine englische Ausgabe der Erzählungen Aus dem Ghetto erschien 1882. Von 1882 bis 1887 kamen seine Gesammelten Schriften in acht Bänden heraus, 1883 die Verstreute Schriften. 1906 folgte eine Ausgabe der Sämtlichen Werke in zehn Bänden, der Stefan Hock eine Biografie beigab. Mit den Geschichten aus dem Ghetto von 1848 gilt Kompert als einer der ersten deutschen Verfasser dieser Erzählform.
Seine öffentliche Stellung spiegelt dieses Ansehen. Dazu zählen die Ämter in der Schulverwaltung und der Sitz im Wiener Gemeinderat. Zugleich zog ihn sein Eintreten für eine freiere Auffassung des Judentums vor Gericht. Der Kompert-Prozess machte ihn über Wien hinaus zu einer Figur der innerjüdischen Auseinandersetzung. Beide biografischen Standardwerke des 19. und 20. Jahrhunderts widmeten ihm Artikel: die Allgemeine Deutsche Biographie von 1906 und die Neue Deutsche Biographie von 1980. In der Forschung wurde er als Erzähler des böhmischen Ghettos behandelt. 1955 benannte Wien eine Gasse nach ihm.
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