1048 – 1131
Omar Khayyām
Kurzporträt↑
Als persischer Universalgelehrter des 11. und frühen 12. Jahrhunderts verband Omar Khayyām wissenschaftliche Forschung und Dichtung zu einer Lebensleistung von ungewöhnlicher Spannweite. Er wirkte als Mathematiker, Astronom, Astrologe, Kalenderreformer und Philosoph. Er schuf bahnbrechende Arbeiten zur Algebra. Ebenso entwarf er einen Sonnenkalender, der genauer war als der erst Jahrhunderte später eingeführte Gregorianische Kalender. Weltweite Berühmtheit erlangte er jedoch vor allem durch seine Vierzeiler, die Rubāʿīyāt. Das sind knappe, oft skeptische und vom Weltschmerz erfüllte Gedichte. Erst die englische Übersetzung durch Edward FitzGerald in der Mitte des 19. Jahrhunderts machte ihn im Westen bekannt. Von dort strahlte sein Ruhm auf das Heimatland zurück.
Biografie↑
Geboren wurde Omar Khayyām am 18. Mai 1048, gestorben ist er am 4. Dezember 1131. Beide Daten sind durch Wikidata und die Deutsche Nationalbibliothek übereinstimmend belegt. Beim Geburts- wie beim Sterbeort gehen die Quellen dagegen in der Schreibweise auseinander. Wikidata nennt jeweils Nischapur, die Deutsche Biographie schreibt Neyschabur. Gemeint ist dieselbe Stadt in der Region Chorasan, die heute im Iran liegt. Nach übereinstimmender Darstellung kam er dort zur Welt und starb auch ebenda. Der arabische Beiname al-Ḫayyām bedeutet „der Zeltmacher" und leitet sich vom Wort für „Zelt" ab.
Einen Schwerpunkt seines Wirkens bildete die Mathematik. Khayyām fand eine Lösung kubischer Gleichungen, indem er deren Wurzeln geometrisch darstellte. Diesen Weg setzte erst Jahrhunderte später Descartes fort. Er schuf ein lange Zeit maßgebliches Werk der Algebra. Darin löste er sämtliche Fälle einer Gleichung dritten Grades geometrisch mithilfe von Kegelschnittkurven. Diese Fälle musste er unterscheiden, weil er die Koeffizienten nur positiv voraussetzte. Daneben beschäftigte er sich mit dem Parallelenaxiom des Euklid, für das er einen Beweis suchte, sowie mit den irrationalen Zahlen. Auch die Anordnung der Binomialkoeffizienten, heute als Pascalsches Dreieck bekannt, behandelte er.
In der Astronomie trat er als Beauftragter des seldschukischen Sultans Malik Schah I. hervor. Dieser beauftragte ihn 1073 mit dem Bau eines Observatoriums, das Khayyām ab 1074 auch leitete. Zugleich sollte er zu astrologischen Zwecken einen Sonnenkalender erstellen. Der so entstandene Kalender war besonders genau. Der moderne iranische Kalender beruht auf seinen Berechnungen. An ihn erinnern heute der Asteroid (3095) Omarkhayyam, der Mondkrater Omar Khayyam und der 2022 gestartete iranische Satellit Khayyam.
Als Philosoph war Khayyām ein Anhänger der Lehre Avicennas. Mit seinen Schriften erwarb er viel Ansehen, denn er behandelte darin auch islamkritische Themen sachlich. 1080 erschien ein philosophischer Traktat über „Sein und Verpflichtung" beziehungsweise „Sein und Sollen", der die Willensfreiheit behandelte.
Sein dichterisches Werk, die Rubāʿīyāt, zeigt ihn von einer skeptischen, aufklärerischen Seite. Manche seiner Verse wenden sich gegen den Glaubenssatz der Vorherbestimmung. Zu seinen Lebzeiten wurden, wenn überhaupt, nur wenige dieser Verse veröffentlicht. Persische Quellen erwähnen und zitieren seine Gedichte erst ab dem späten 12. Jahrhundert, also nach seinem Tod. Von persischer Seite wurde ihm dichterische Anerkennung lange verweigert. Man zählte ihn nicht zum „Siebengestirn" der persischen Dichter, zu dem Firdausi, Nezami, Anwari, Hafis, Rumi, Saadi und Dschami gerechnet wurden.
Literarische Merkmale↑
Khayyāms dichterischer Ruhm gründet auf einer einzigen Form, dem Vierzeiler, persisch Rubāʿī. In knappster Gestalt verdichtet er darin eine skeptische, von Weltschmerz durchzogene Lebenshaltung. Wiederkehrende Bilder sind der Wein, der vergehende Augenblick und die Vergänglichkeit des Lebens. Sie stehen oft im scharfen Gegensatz zu religiösen Verheißungen wie dem Paradies. Mehrere Verse wenden sich ausdrücklich gegen den Glaubenssatz der Vorherbestimmung.
Schon zu seiner Zeit war seine Deutung umstritten, und sie ist es geblieben. Eine wörtliche Lesart der Gedichte führt zu einem Bild, das Pessimismus, Nihilismus, Epikureismus, Fatalismus und Agnostizismus verbindet. Diese Sicht haben Iranisten wie Arthur Christensen, H. Schaeder und Richard N. Frye vertreten. Andere haben seine Verse als Teil der Sufi-Dichtung verstanden. Frye betonte 1975 jedoch, dass Khayyām von berühmten Sufi-Mystikern seines Jahrhunderts abgelehnt wurde. Schams-e Tabrizi, der geistige Führer Rumis, bezeichnete ihn als unglücklichen Philosophen, Atheisten und Materialisten. Attar sah in ihm keinen Mystiker, sondern einen freidenkenden Wissenschaftler.
Rezeption↑
Lange blieb Khayyāms Dichtung in seiner Heimat im Schatten der anerkannten persischen Dichter. Die entscheidende Wendung brachte die Übersetzung der Rubāʿīyāt durch den englischen Privatgelehrten Edward FitzGerald in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihre bekannteste Fassung erschien 1859. Sie machte Khayyām im Westen bekannt und in der anglo-amerikanischen Welt berühmt. Sein dortiger Ruhm strahlte schließlich auf das Heimatland zurück.
Im deutschsprachigen Raum folgten umfangreiche Übertragungen um 1880 durch Adolf Friedrich Graf von Schack und Friedrich Bodenstedt. Ab 1912 übersetzte Friedrich Rosen die Verse unter dem Titel Die Sinnsprüche Omars des Zeltmachers. Klabund schuf 1917 eine Nachdichtung unter dem Titel Das Sinngedicht des persischen Zeltmachers. Damit spielte er auf die Bedeutung des Namens „Zeltmacher" an.
An die englische Übersetzung schloss sich eine regelrechte Mode anspruchsvoll illustrierter Ausgaben an. Sie hielt bis in die 1940er Jahre an. An ihr beteiligten sich seit dem Art Nouveau zahlreiche, vor allem englische Illustratoren. Auch Komponisten griffen den Stoff auf. Granville Bantock schrieb 1906 ein Oratorium Omar Khayyām. Friedrich Cerha vertonte ab 1949 zehn der Rubāʿīyāt für gemischten Chor. Fazıl Say bezog sich in seinem 2011 uraufgeführten Konzert Khayyam auf das Leben des Dichters. William Dieterle verfilmte 1956 sein Leben in Sturm über Persien, Kayvan Mashayekh 2005 in Prince of Persia. Die Legende von Omar. Sein Leben steht auch im Mittelpunkt des Romans Samarkand (1988) von Amin Maalouf sowie des Romans Der Trost des Nachthimmels (2016) von Dževad Karahasan. In der arabischen Welt verschaffte ihm in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Lied von Umm Kulthum unter dem Titel Rubaiyat Al-Khayyam neue Bekanntheit.
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