1883 – 1957
Nikos Kazantzakis
Kurzporträt↑
Nikos Kazantzakis war einer der bedeutendsten griechischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er verband erzählerische Wucht mit einer unermüdlichen Suche nach Freiheit und religiösem Sinn. Sein bekanntester Roman Alexis Sorbas erschien 1946. Michael Cacoyannis verfilmte ihn 1964 mit Anthony Quinn in der Hauptrolle. Geprägt wurde Kazantzakis von Lehrern wie Henri Bergson und von Friedrich Nietzsche, über den er promovierte. Im Lauf seines Lebens durchlief er viele weltanschauliche Stationen, ohne sich endgültig festlegen zu lassen. Seine Auseinandersetzung mit der Gestalt Christi brachte ihm die Verurteilung der katholischen wie der orthodoxen Kirche ein. Auf seinem Grab in seiner Geburtsstadt steht die von ihm gewählte Inschrift: „Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei."
Biografie↑
Geboren wurde Nikos Kazantzakis in Megalo Kastro, dem heutigen Iraklio (Heraklion) auf Kreta. Die Stadt gehörte damals zum Osmanischen Reich. Über sein Geburtsjahr gehen die Quellen auseinander: Wikidata und Wikipedia nennen 1883, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen 1885. Das genaue Jahr ist somit nicht eindeutig belegt. Er wuchs als Sohn eines Kaufmanns auf. Sein Vater kämpfte gegen die türkischen Besatzer, seine Mutter stammte aus einer Bauernfamilie.
Von 1902 bis 1906 studierte Kazantzakis Rechtswissenschaften an der Universität Athen. Schon in dieser Zeit entstanden erste Werke. Mit dem Roman Der Tag bricht an (1907) wurde er in ganz Griechenland bekannt. Sein Studium schloss er mit „sehr gut" ab. Danach erlaubte ihm der strenge Vater eine dreimonatige Reise durch Griechenland, die ihn nachhaltig prägte. 1907 ging er nach Paris, um am Collège de France Staatswissenschaften bei Henri Bergson zu hören. Bergson zählte er später zu seinen wichtigsten Lehrern. Sein Studium schloss er mit einer Dissertation über Friedrich Nietzsche ab, dessen Freigeist ihm zum Vorbild wurde. Im selben Jahr wurde Kazantzakis Freimaurer. 1909 kehrte er nach Griechenland zurück. Er lernte die Intellektuelle Galateia Alexiou kennen und heiratete sie 1911. Die Ehe scheiterte, 1926 wurde sie geschieden.
Es folgte eine unstete Phase. Kazantzakis bereiste unter anderem Deutschland, Österreich, die Schweiz, Russland, China, Japan, Italien, Ägypten, Palästina und Spanien. Zeitweise ließ er sich nieder, etwa von 1920 bis 1923 in Berlin. Er arbeitete als Journalist, Auslandskorrespondent, Übersetzer und Autor. Von 1916 bis 1917 versuchte er sich gemeinsam mit seinem Freund Georgios Sorbas als Pächter eines Bergwerks auf der Halbinsel Mani. Das Unternehmen scheiterte. Drei Jahrzehnte später lieferte es ihm aber die Vorlage für Alexis Sorbas, in dem er dem Freund ein literarisches Denkmal setzte. Nach dem Scheitern der Bergbaupläne engagierte er sich in der Politik. 1919/1920 war er einige Monate Generaldirektor im Ministerium für Soziales unter Venizelos. In dieser Funktion organisierte er die Rückführung von 150.000 sogenannten Pontosgriechen aus dem Kaukasus.
In diese Jahre fielen wichtige Übersetzungen, darunter Dantes Göttliche Komödie und Goethes Faust. Hinzu kamen das Werk Askitiki (Asketik) sowie zahlreiche Reiseberichte. Kazantzakis bereiste mehrfach die Sowjetunion und begeisterte sich für Kommunismus und Sozialismus. Er schrieb Drehbücher, Essays und Artikel für die Prawda. Wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er in Griechenland kurzzeitig verhaftet. Später wandte er sich enttäuscht vom Kommunismus ab. Über die vielen Ideale, für die er sich leidenschaftlich eingesetzt hatte, sagte er selbst: „Ich war ein Küfer, ein Anwalt der Katharévousa, ein Nationalist, ein Anwalt der Dimotikí, ein Intellektueller, ein Poet, ein religiöser Fanatiker, ein Atheist, ein Ästhet – und nichts davon kann mich je wieder täuschen." Zwischen 1928 und 1932 hielt er sich für mehrere Monate im erzgebirgischen Ort Försterhäuser (Myslivny) in der Tschechoslowakei auf, um in Ruhe arbeiten zu können.
1936 fand Kazantzakis auf der Insel Ägina erstmals eine feste Heimat. Dort lebte er mit seiner langjährigen Weggefährtin Eleni Samiou, die er 1945 heiratete. In dieser produktiven Zeit vollendete er sein Versepos Odyssee. Er begann mit der Niederschrift von Alexis Sorbas, Die letzte Versuchung und Freiheit oder Tod sowie mit der Arbeit an einem Werk über Buddha. Er blieb politisch tätig, reiste und arbeitete ein Jahr lang für die UNESCO. 1945 beauftragte ihn die griechische Regierung, Kriegsverbrechen der deutschen Besatzung auf Kreta zu untersuchen. Nach dem Erscheinen von Alexis Sorbas 1946 konnte er von seiner schriftstellerischen Arbeit leben.
1948 zog Kazantzakis mit seiner Frau nach Antibes. Dort erschienen Die letzte Versuchung Christi und Griechische Passion. Letztere wurde 1958 von Bohuslav Martinů als Oper vertont. Die katholische und die orthodoxe Kirche verurteilten seine Bücher wegen ihrer Auslegung des Lebens Christi und ihrer Kirchenkritik. Papst Pius XII. setzte Die letzte Versuchung Christi 1954 auf den Index der verbotenen Bücher. 1953 wurde bei ihm Leukämie diagnostiziert. In seinen letzten Jahren vollendete er Kapitän Michalis, den autobiografischen Roman Rechenschaft vor El Greco sowie Mein Franz von Assisi. Am 28. Juni 1956 verlieh ihm der Weltfriedensrat in Wien den Internationalen Friedenspreis für das Jahr 1955.
1957 reiste Kazantzakis nach China. Vor der Rückreise über Japan musste er sich in Kanton impfen lassen. Beim Rückflug über den Nordpol brachen heftige Symptome aus. Sein Arm schwoll an der Injektionsstelle an. Er ließ sich in der Universitätsklinik Freiburg behandeln, blieb jedoch geschwächt. Am 26. Oktober 1957 starb er dort im Alter von 74 Jahren. Wegen seiner unorthodoxen Ansichten wurde ihm die Bestattung auf einem kirchlichen Friedhof verweigert. Sein Grab liegt auf der Martinengo-Bastion der venezianischen Stadtmauer von Iraklio.
Literarische Merkmale↑
Geprägt wurde Kazantzakis von zwei Lehrmeistern, die in seinem Werk immer wieder durchscheinen: von Henri Bergson, den er in Paris hörte, und von Friedrich Nietzsche, über den er promovierte und dessen unbeugsamer Freigeist ihm zum Vorbild wurde. Sein Schreiben kreist um große weltanschauliche Fragen – um Freiheit, religiösen Sinn und die Gestalt Christi. Diese Fragen verarbeitete er in Romanen, Dramen, Reiseberichten und in seinem umfangreichen Versepos.
Kennzeichnend ist eine geistige Beweglichkeit, die er selbst beschrieb. Er habe sich nacheinander als Nationalist, Poet, religiöser Fanatiker, Atheist und Ästhet verstanden, ohne sich von einer dieser Haltungen dauerhaft binden zu lassen. Auch im Sprachstreit seiner Zeit bewegte er sich zwischen den Lagern. Einmal nannte er sich Anwalt der gelehrten Katharévousa, einmal Anwalt der volkssprachlichen Dimotikí. Diese Spannung zwischen Tradition und Aufbruch, zwischen Glaube und Auflehnung, durchzieht sein Werk bis hin zur selbst gewählten Grabinschrift: „Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei."
Rezeption↑
Bekannt wurde Kazantzakis weit über Griechenland hinaus vor allem durch Alexis Sorbas. Michael Cacoyannis verfilmte den Roman 1964 mit Anthony Quinn in der Hauptrolle. Seine literarische Auseinandersetzung mit dem Leben Christi rief heftigen Widerspruch der Kirchen hervor. Sowohl die katholische als auch die orthodoxe Kirche verurteilten seine Bücher. Papst Pius XII. setzte Die letzte Versuchung Christi 1954 auf den Index der verbotenen Bücher. Der Stoff der Griechischen Passion wirkte über die Literatur hinaus und wurde 1958 von Bohuslav Martinů als Oper vertont.
Anerkennung fand Kazantzakis auch international. Am 28. Juni 1956 erhielt er vom Weltfriedensrat in Wien den Internationalen Friedenspreis für das Jahr 1955. Wie umstritten seine Person blieb, zeigte sich noch im Tod: Wegen seiner unorthodoxen Ansichten wurde ihm die Bestattung auf einem kirchlichen Friedhof verweigert. Sein Grab auf der venezianischen Stadtmauer von Iraklio ist bis heute mit der Inschrift verbunden, die zum geflügelten Wort wurde: „Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei."
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (44 weitere Titel)