1886 – 1965
Tanizaki Jun’ichirō
Kurzbiografie↑
Der japanische Schriftsteller Tanizaki Jun'ichirō wurde 1886 in Tokio geboren und starb 1965. Er gehört zu den bekanntesten Erzählern Japans im 20. Jahrhundert und schrieb gegen die vorherrschende naturalistische Mode seiner Zeit an: Statt getreuer Wirklichkeitsabbildung suchte er die Freude am Erfinden und an der schönen Form. Seine Romane und Erzählungen kreisen immer wieder um Begehren, Macht und Hörigkeit, oft verbunden mit einer eigentümlichen Mischung aus Schönheit und Grausamkeit. Sein Werk umfasst 119 Titel; die großen Romane stellen den Zusammenprall von japanischer Tradition und westlicher Moderne dar und wurden in viele Sprachen übersetzt. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen Die Schwestern Makioka, Naomi oder Eine unersättliche Liebe und der Essay Lob des Schattens.
Biografie↑
Geboren wurde Tanizaki am 24. Juli 1886 in Nihonbashi in der Stadt Tokio, einem Stadtteil, der heute zum Bezirk Chūō gehört. Beide Elternteile stammten aus alten Kaufmannsfamilien. Der Großvater hatte ein Vermögen aufgebaut, der Vater brachte es durch. Die Familie litt deshalb häufig unter Geldnot. Dennoch verlebte Tanizaki eine unbeschwerte Kindheit. Schon in der Schule fiel er durch seine sprachliche Begabung auf. Er nahm Privatunterricht in Englisch und in klassischem Chinesisch.
1908 bestand er die Aufnahmeprüfung an der Kaiserlichen Universität Tokio. Dort studierte er englische und japanische Literatur. In dieser Zeit begann er selbst zu schreiben. 1910 gründete er zusammen mit Kommilitonen die Zeitschrift Shinshichō, zu Deutsch „Neue Strömung“. Dort erschien auch seine erste Erzählung Tätowierung. Einen Studienabschluss machte er nicht, sondern entschied sich für die Schriftstellerlaufbahn. Seine ersten Erzählungen hatten sogleich großen Erfolg.
1915 heiratete er Chiyo Ishikawa. Die Ehe wurde ihm bald lästig, und er lebte eine Zeitlang mit seiner Schwägerin zusammen. Dieses Arrangement lieferte später den Stoff für den Roman Naomi oder Eine unersättliche Liebe. Zweimal reiste Tanizaki nach China, 1918 und 1926. Nach der großen Erdbebenkatastrophe von 1923 zog er mit Frau und Tochter nach Westjapan. Ständige Wohnungswechsel und knappe Kassen belasteten die Ehe. 1930 wurde sie geschieden. Im Jahr darauf heiratete er die Verlagslektorin Tomiko Furukawa; auch diese Ehe hielt nur zwei Jahre. Seine erste Frau und deren drei Schwestern dienten ihm später als Vorlage für Die Schwestern Makioka, entstanden zwischen 1944 und 1948.
Tanizaki war zeit seines Lebens außerordentlich fleißig. Er veröffentlichte 119 Werke. Bereits 1921 erschien eine erste Gesamtausgabe in fünf Bänden. Neben der Prosa arbeitete er um 1920 auch fürs Kino und schrieb mehrere Drehbücher für Filme unter der Regie von Kurihara Kisaburō, darunter Amateur Klub und Die Liebe einer Schlange.
Sein Schaffen erstreckt sich über drei Epochen der japanischen Geschichte: die Meiji-, die Taishō- und die Shōwa-Zeit. In den 1920er Jahren prägte die Faszination für den Westen sein Werk, in den 1930er Jahren die Suche nach der eigenen japanischen Tradition. In den 1940er Jahren verstrickte auch er sich, wie nahezu alle schreibenden Zeitgenossen, in die Propaganda des Militarismus.
Nach dem Krieg wurde er vielfach geehrt. 1947 erhielt er den Mainichi-Kulturpreis für Die Schwestern Makioka, im Jahr darauf für dasselbe Buch den Asahi-Preis (vereinzelt wird auch 1949 als Verleihungsjahr genannt). 1964 wurde er Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters. Er gehörte der Kaiserlichen Akademie und der japanischen Akademie der Künste an und trug den Kulturorden. Für den Nobelpreis für Literatur war er im Gespräch.
Ende Juli 1965 starb Tanizaki an akutem Herz- und Nierenversagen. Zum Sterbeort gibt es widersprüchliche Angaben: Wikidata nennt Atami, andere Angaben sein Haus in Yugawara in der Präfektur Kanagawa. Noch im selben Jahr wurde ihm zu Ehren der Tanizaki-Jun'ichirō-Preis gestiftet, der mit einer Million Yen dotiert ist. In Ashiya erinnern eine Gedenkstätte und ein Museum an ihn.
Literarische Merkmale↑
Gegen den japanischen Naturalismus, der sich um 1905 durchgesetzt hatte, setzte Tanizaki auf das genaue Gegenteil. Der Naturalismus verlangte getreue Wirklichkeitsabbildung und führte in Japan zum sogenannten Ich-Roman, einer Form, die einer Selbstentblößung des Autors gleichkam. Tanizaki dagegen liebte den Genuss am schöpferischen Akt und die frei erfundene Geschichte. Damit gehört er zum Ästhetizismus, jener Gegenbewegung, die sich neben dem Naturalismus behauptete.
Seine Bildung war ungewöhnlich breit. Als Kind besuchte er häufig das Kabuki-Theater. Er kannte die japanische, die klassisch chinesische und die europäische Literatur gleichermaßen gut. Mit Begeisterung las er die fantastischen Erzählwerke von Ueda Akinari, Takizawa Bakin und Kōda Rohan. Daneben beschäftigte er sich mit Platon, Schopenhauer, Shakespeare und Carlyle. An seinen Erzählungen ist deutlich der Einfluss der westlichen Symbolisten Poe, Baudelaire und Wilde zu erkennen.
Ein Thema durchzieht sein ganzes Werk: das feine Machtspiel zwischen Herrschen und Beherrschtwerden, die wechselseitige Verstrickung des Begehrens bis hin zur völligen Hörigkeit. Schon die erste Erzählung Tätowierung zeigt das. Darin sticht der Tätowierer Seikichi einer jungen Frau eine Spinne auf den Rücken. „Die Seele des jungen Tätowierers hatte sich in die Tusche hinein aufgelöst; nun sickerte sie in die Haut des Mädchens“, heißt es dort.
Sprachlich arbeitet Tanizaki mit großer Kunstfertigkeit. Er nutzt die Vieldeutigkeit und den Gleichklang der japanischen Wörter, um Anspielungen zu verdichten und vielschichtige Assoziationen zu erzeugen. Genau diese Raffinesse macht ihn für jeden Übersetzer zu einer anspruchsvollen Aufgabe. Die Verbindung von idealisierter Schönheit und körperlicher Grausamkeit hat ihm überdies das Attribut des Diabolischen eingetragen.
Rezeption↑
Schon seine ersten Erzählungen fanden großen Anklang, und der Erfolg blieb ihm über Jahrzehnte treu. Bereits 1921, als Tanizaki Mitte dreißig war, erschien eine erste Gesamtausgabe seiner Werke in fünf Bänden. Nach dem Zweiten Weltkrieg häuften sich die Ehrungen: der Mainichi-Kulturpreis 1947 und der Asahi-Preis 1948, beide für Die Schwestern Makioka, dazu die Mitgliedschaft in der Kaiserlichen und der japanischen Akademie der Künste sowie der Kulturorden. Für den Nobelpreis für Literatur war er im Gespräch. 1964 nahm ihn die American Academy of Arts and Letters als Ehrenmitglied auf.
Seine großen Romane, die den Gegensatz von Tradition und Moderne immer wieder neu durchspielen, wurden in viele Sprachen übersetzt. Auch im deutschen Sprachraum ist er seit Langem präsent. Der Schlüssel erschien 1961 auf Deutsch, Die Schwestern Makioka 1964, Tagebuch eines alten Narren 1966 und Naomi oder Eine unersättliche Liebe 1970. Sein Werk wird bis heute neu übersetzt und wieder aufgelegt, etwa Der Schlüssel in einer Neuübersetzung von 2017 oder Das Geständnis, das 2023 auf Deutsch herauskam. Der Essay Lob des Schattens, ein Entwurf einer japanischen Ästhetik, liegt in deutscher Übersetzung vor und erschien zuletzt 2010.
In Japan wirkt sein Name bis heute im Literaturbetrieb fort. Seit 1965 wird der nach ihm benannte Tanizaki-Jun'ichirō-Preis vergeben, dotiert mit einer Million Yen. In Ashiya erinnern eine Gedenkstätte und ein Museum an ihn.
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