1896 – 1944
Milena Jesenská
Kurzbiografie↑
Milena Jesenská war eine tschechoslowakische Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Geboren wurde sie 1896 in Prag, gestorben ist sie 1944 im Konzentrationslager Ravensbrück. Laut der Deutschen Biographie zählt sie in ganz Mitteleuropa zu den wichtigsten Journalisten der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Als Höhepunkte ihrer Arbeit gelten ihre sozialen Feuilletons aus dem Wien der Nachkriegsjahre und ihre politischen Reportagen aus dem Sudetenland. Sie übersetzte als Erste Texte Franz Kafkas in eine fremde Sprache. Mit ihm stand sie in einem Briefwechsel, der sie im Westen lange überschattete. Erst die Sammlungen ihrer Feuilletons und Reportagen haben ihr eigenes Werk wieder sichtbar gemacht.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Milena Jesenská in einem tschechischen Prager Elternhaus. Ihr Vater Jan Jesenský (1870–1947) war Professor für Zahnmedizin und Kieferchirurg an der Karlsuniversität. Ab 1907 besuchte sie die Minerva, das erste tschechische Mädchengymnasium der Monarchie. Bis zum Tod ihrer schwerkranken Mutter 1913 half sie bei deren Pflege. 1915 legte sie die Matura ab.
Auf Wunsch des Vaters begann sie ein Medizinstudium, das sie 1917 abbrach. Danach war sie kurze Zeit am Prager Konservatorium. In diesen Jahren gehörte sie zu den regelmäßigen Gästen des Café Arco, eines Treffpunkts Prager jüdischer Intellektueller und deutschsprachiger Literaten. Dort lernte sie unter anderen Max Brod und Franz Werfel kennen. 1916 begegnete sie dem Bohemien und Literaturkenner Ernst Pollak (1886–1947). Um die Beziehung zu verhindern, ließ ihr Vater sie in die Nervenheilanstalt Prag-Veleslavín einweisen, wo sie längere Zeit festgehalten wurde. Volljährig wurde man damals erst mit 24 Jahren. Schließlich willigte der Vater im März 1918 in die Heirat ein, verlangte aber, dass das Paar Prag verließ.
Die Eheleute zogen nach Wien und wurden Stammgäste der Literaturcafés Central und Herrenhof. Pollak nahm sein Bohemeleben wieder auf; den Lebensunterhalt verdiente vor allem Jesenská. Sie unterrichtete Tschechisch und arbeitete als Journalistin, zunächst als eine Art Wiener Korrespondentin der Prager Tageszeitung Tribuna. Dazu kamen Übersetzungen literarischer Texte, besonders aus dem Französischen. Für die Tribuna schrieb sie eine Serie von Reportagen über die soziale Lage in Wien, die sie als Journalistin bekannt machte.
1919 nahm sie Kontakt zu Franz Kafka (1883–1924) auf, dessen Texte sie ins Tschechische übertragen wollte. Im Frühjahr 1920 hielt sich Kafka zur Kur in Meran auf, von dort schrieb er ihr die ersten erhaltenen Briefe. Aus dem brieflichen Austausch entwickelte sich eine Liebesbeziehung, die fast nur aus Briefen und wenigen Begegnungen bestand. Als Höhepunkt der Beziehung gilt das Treffen in Wien Ende Juni 1920 auf Kafkas Rückreise. Ein gemeinsames Leben schlossen beide aus. Im November 1920 beendete Kafka die Beziehung, und der Briefwechsel brach abrupt ab. Der Kontakt riss jedoch nicht ganz ab. 1921 übergab Kafka ihr seine Tagebücher. 1922 und 1923 wechselten die beiden noch einzelne Briefe.
Die Ehe mit Pollak wurde geschieden. Sie freundete sich mit der Schriftstellerin Alice Rühle-Gerstel (1894–1943) an. Um 1924 lebte sie ein Jahr lang mit Franz Xaver von Schaffgotsch (1890–1979) bei Rühle-Gerstel und ihrem Mann Otto Rühle in Friedewald-Buchholz bei Dresden. Dort schrieb sie für deren Zeitschriften mit.
Zurück in Prag verkehrte sie in den Kreisen der linken tschechischen Avantgarde und wurde Mitglied der Gruppe Devětsil (Pestwurz). Zu diesem Umfeld gehörten die Dichter Vítězslav Nezval (1900–1958) und Jaroslav Seifert (1901–1986), der Theoretiker Karel Teige (1900–1951) und eine Reihe junger Architekten. Sie arbeitete an der Frauenseite der Tageszeitung Národní listy und 1926 kurz an der Illustrierten Pestrý týden (Bunte Woche) mit. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeiten war das Zusammenleben von Tschechen, Deutschen und Juden in der Tschechoslowakei. 1925 erschien Mileniny recepty (Milenas Rezepte), 1926 die Anthologie Cesta k jednoduchosti (Der Weg zur Einfachheit) und 1927 Člověk dělá šaty (Der Mensch macht die Kleider). Daneben übersetzte sie Texte von Franz Werfel, Gustav Landauer und Rosa Luxemburg.
1927 heiratete sie den Architekten Jaromír Krejcar (1895–1950), eine führende Figur der Prager Avantgarde. 1928 kam die Tochter Jana Krejcarová (1928–1981) zur Welt. In der Schwangerschaft erlitt Jesenská eine Entzündung im Kniegelenk, die zu Unbeweglichkeit und einer bleibenden Gehbehinderung führte. Zur Schmerzlinderung erhielt sie Morphin, von dem sie bald abhängig wurde. Ein einjähriger Krankenhausaufenthalt kostete sie die Arbeitsstelle, und der Kampf gegen die Sucht blieb zunächst erfolglos. Ihre Tochter sah sie in dieser Zeit kaum. Krejcar ging nach Russland, damit endete die Ehe; die Trennung wird auf 1933 datiert.
1931 trat Jesenská der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei bei. Wegen kritischer Äußerungen über den Stalinismus kam es zum Bruch mit der Partei. Die Quellen beschreiben ihn teils als Ausschluss 1936, teils als Distanzierung um 1935. In einem Brief an Olga Scheinpflugová schrieb sie dazu: „die Menschen aus dem kommunistischen Apparat sind das schlimmste, was ich auf der Welt kenne … jeder, der selbständig denken will – wird sofort beseitigt.“ Man stempelte sie als Trotzkistin und Renegatin ab. Mit ihrem Lebensgefährten Evžen Klinger (1906–1981) lebte sie in prekären Verhältnissen. Sie arbeitete als freie Journalistin und Übersetzerin. 1937 bekam sie eine feste Stelle bei der liberal-demokratischen Kulturzeitschrift Přítomnost (Gegenwart). In einer ihrer ersten Reportagen dort, „Gestrandete Menschen“, schilderte sie die Ankunft deutscher Flüchtlinge in Prag. Sie freundete sich mit dem Exilanten und Journalisten William S. Schlamm an und übersetzte seine Texte für die Zeitschrift. 1938 gelang es ihr, von der Morphiumsucht loszukommen.
Nach dem Münchner Abkommen vom September 1938 besetzte die deutsche Wehrmacht am 15. März 1939 den Rest der Tschechoslowakischen Republik. Přítomnost wurde verboten. Jesenská schloss sich dem antifaschistischen Widerstand an, arbeitete illegal für die Zeitschrift V boj (In den Kampf) und organisierte die Flucht jüdischer und nichtjüdischer Emigranten, unter ihnen Klinger. Auch Funktionären der Kommunistischen Partei half sie, sich vor der Gestapo zu verstecken. Im November 1939 wurde sie verhaftet, nach Verhören im Prager Gestapo-Sitz Palais Petschek nach Dresden gebracht und dort vor Gericht gestellt. Zum Ausgang gibt es unterschiedliche Angaben: teils ist von einem Freispruch die Rede, teils von einer Einstellung des Verfahrens 1940 aus Mangel an Beweisen. Entlassen wurde sie nicht, sondern in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. Dort trug sie die Nummer 4714 und erhielt deshalb den Spitznamen „4711 – Kölnisch Wasser“. In Ravensbrück lernte sie Margarete Buber-Neumann (1901–1989) kennen, ihre spätere Biografin. Am 17. Mai 1944 starb Milena Jesenská im Alter von 47 Jahren an Nierenversagen. Als Grabstätte nennt die Deutsche Biographie das Massenaschegrab im Schwedtsee bei Ravensbrück.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Jesenskás journalistische Arbeiten sind laut der Deutschen Biographie soziale Empathie, Gefühl für den Menschen und Klarheit des Denkens. Ihre Form war das Feuilleton und die Reportage; über ihre ganze Laufbahn verfasste sie fast 1200 solcher Texte. Mit ihrem Werk durchbrach sie die damalige Festlegung weiblicher Journalistik auf die Mode und wurde in den 1930er Jahren zur politischen Journalistin.
Ihre Laufbahn begann 1919 mit Übersetzungen für die Tageszeitung Tribuna, unter anderem von Texten von Charles Péguy, Romain Rolland, Francis Jammes und Franz Werfel. Danach wandte sie sich den Feuilletons und sozialen Reportagen über das Nachkriegswien zu. Als Übersetzerin blieb sie ihr Leben lang tätig, auch für Werke von Leonhard Frank, Robert Louis Stevenson und Otto Rühle. Ihre Übertragungen Kafkas ins Tschechische waren die ersten Übersetzungen aus seinem Werk in eine fremde Sprache: 1920 erschienen in der Literaturzeitschrift Kmen (Stamm) die Erzählung Der Heizer und sechs kurze Texte, in der Tribuna Der Unglückliche und Ein Bericht für eine Akademie, 1922 in der Zeitschrift Cesta (Straße) Das Urteil. Die Deutsche Biographie sieht ein Echo der Beziehung zwischen Kafka und Jesenská in seinem Roman Das Schloss und in ihrem Feuilleton Der Teufel am Herd.
Bei der Tageszeitung Národní listy etablierte sie sich mit Beiträgen auf der Frauenseite. Ihren Leserinnen vermittelte sie den Lebensstil der Moderne. Im Frühjahr 1929 wechselte sie zur Lidové noviny (Volkszeitung). Im Sommer 1930 entließ sie dort ein neuer Chefredakteur, dem ihr Konzept der Frauenseite nicht gefiel. Danach arbeitete sie frei, vor allem für die Wochenzeitung Tvorba.
Als Höhepunkt ihres journalistischen Werks gelten ihre politischen Reportagen aus der Zeit bei Přítomnost über die deutschen und jüdischen Emigranten in der Tschechoslowakei und über die Lage im Sudetengebiet. Sie beschrieb die Verhältnisse in den Orten, die sie besuchte, die Spannungen in den Familien, das Verhalten der Henleinjugend und die Republiktreue der antifaschistischen Sudetendeutschen. Sie war dabei um Gerechtigkeit bemüht und kritisierte auch die Versäumnisse der tschechischen Politik. Mit diesen Reportagen stieg die Auflage von Přítomnost auf wöchentlich 30.000 Exemplare.
Rezeption↑
In der tschechischen Tradition galt Jesenská nie bloß als Kafkas Freundin Milena. Für die Kommunistische Partei war sie bis in die 1960er Jahre eine Trotzkistin und Renegatin, von der man nicht sprach. Im Westen wurde sie dagegen durch den Titel der Biografie von Margarete Buber-Neumann zu „Kafkas Freundin Milena“ – so die Deutsche Biographie. Deren Buch Milena, Kafkas Freundin erschien 1977. Es beschreibt die Freundschaft der beiden Frauen und ihre letzten Monate in Ravensbrück. Damit erfüllte Buber-Neumann den letzten Wunsch Jesenskás.
Erschwert wurde die Wahrnehmung dadurch, dass ihr journalistisches Werk über viele Zeitungen verstreut und lange nicht in seinem ganzen Umfang bekannt war. Eine eingehendere Beschäftigung setzte im Gefolge der zweiten Frauenbewegung ab den 1970er Jahren ein, die den Beitrag von Frauen an der europäischen Kultur entdeckte und bekannt machte. Die Historikerin Marie Jirásková fand in Prag rund 1200 Texte Jesenskás in tschechischen Zeitungen und veröffentlichte 2016 fast 400 davon auf Tschechisch unter dem Titel Křižovatky (Kreuzungen). Diese Auswahl erlaubt es, Stil und Qualität der Texte genauer zu beurteilen. 2012 entdeckte die polnische Bohemistin Anna Militz in einem Prager Archiv 14 Briefe und Kassiber aus der Haft an die Familie.
Auch im deutschen Sprachraum wurden ihre Texte in Sammlungen zugänglich, etwa Alles ist Leben mit Feuilletons und Reportagen der Jahre 1919–1933 und Prager Hinterhöfe im Frühling mit Arbeiten von 1919 bis 1939. Die zweite Sammlung kam im Februar 2021 auf den zweiten Platz der internationalen deutschsprachigen Sachbuch-Bestenliste. Nach dem Urteil der Rezensentin des Deutschlandfunks bekräftigt der Band den Eigenwert der Prager Journalistin jenseits aller Bezugnahmen auf Kafka. Kafkas Briefe an Milena erschienen 1987; mit ihnen ordnet die Deutsche Biographie das Verhältnis der beiden in die großen Liebesbeziehungen der europäischen Kulturgeschichte ein. Die Kölner Künstlerin Tanya Ury erinnerte in der Videoinstallation Kölnisch Wasser an die Lagergeschichte um Jesenskás Häftlingsnummer.
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