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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew
Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew
1803 – 1873
– Autorenporträt –

Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew

1803 – 1873 · 69 Jahre

Russischer Dichter und Diplomat, dessen formvollendete Gedichte vom Symbolismus neu entdeckt wurden – vierzehn Jahre verbrachte er an der Gesandtschaft in München.

Kurzporträt

Zu den großen russischen Lyrikern des 19. Jahrhunderts zählt Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew (1803–1873). Er führte zugleich ein langes Berufsleben als Diplomat. Vierzehn Jahre verbrachte er an der russischen Gesandtschaft in München. Dort begegnete er Friedrich Schelling und Heinrich Heine. Seine Gedichte wurden erst spät gesammelt veröffentlicht. Sie gelten als formvollendet und gedankentief. Über sein lyrisches Werk hinaus übersetzte er deutsche Dichter ins Russische. Zudem prägte er ein bis heute zitiertes Wort über das russische Wesen.


Biografie

Tjuttschew wuchs auf dem Familiensitz auf. Dessen Name wird in den Quellen unterschiedlich wiedergegeben: Wikidata nennt ihn Owstug, die Deutsche Biographie schreibt Ovstug. Der Ort lag im damaligen Gouvernement Orjol, heute Oblast Brjansk. Erzogen wurde er zu Hause unter Anleitung des Gelehrten Semjon Raitsch (1792–1855). Schon im Alter von zwölf Jahren übersetzte er die Oden des Horaz.

Nach einem Studium in Moskau erhielt er 1822 eine Stelle im Außenministerium in Sankt Petersburg. Von dort wurde er an die russische Gesandtschaft in München geschickt. Vierzehn Jahre blieb er in der bayerischen Hauptstadt. In dieser Zeit lernte er Friedrich Schelling und Heinrich Heine kennen. Auch verliebte er sich unglücklich in Amalie von Lerchenfeld. Von Ende 1837 bis Mitte 1838 war Tjuttschew als russischer Gesandter in Turin tätig.

Sein Familienleben war von früh einsetzenden Verlusten geprägt. Seine erste Frau war Eleonore Gräfin von Bothmer, geboren 1800. Er hatte sie 1826 geheiratet, und sie starb 1838. Mit ihr hatte er drei Töchter. Die älteste, Anna, heiratete den Schriftsteller Iwan Sergejewitsch Aksakow. 1839 schloss Tjuttschew eine zweite Ehe mit Ernestine von Pfeffel, einer Großnichte des elsässischen Schriftstellers Gottlieb Konrad Pfeffel.

In der höfischen und staatlichen Laufbahn stieg er stetig auf. 1835 wurde er zum Kammerherrn ernannt. 1844 wurde er der Person des Reichskanzlers attachiert. 1857 wurde er mit dem Präsidium des Komitees für auswärtige Zensur in Petersburg betraut. Dieses Amt hatte er bis zu seinem Tod inne. Seit 1858 war er korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg.

Tjuttschew starb 1873. Auch hier weichen die Quellen voneinander ab: Wikidata gibt als Sterbeort Puschkin an, die Deutsche Biographie nennt Zarskoje Selo. Begraben wurde er auf dem Nowodewitschi-Friedhof in St. Petersburg.


Literarische Merkmale

Gedankentiefe, Wärme des Gefühls und Formvollendung gelten als die Kennzeichen seiner Lyrik. Diese erschien gesammelt 1868 in Petersburg. Bemerkenswert ist seine Metrik. Sie nimmt nach verbreiteter Einschätzung viele Neuerungen des 20. Jahrhunderts vorweg. Neben dem eigenen Dichten machte sich Tjuttschew als Übersetzer einen Namen. Er übertrug deutsche Dichter wie Heinrich Heine, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller ins Russische.

Über sein lyrisches Werk hinaus ist Tjuttschew durch ein vielzitiertes Bonmot bekannt geworden. Es beschreibt den angeblichen Nationalcharakter des russischen Volkes. Sinngemäß sagte er 1866: „Verstehen kann man Russland nicht, und auch nicht messen mit Verstand. Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land.“


Rezeption

Eine Wiederentdeckung erfuhr Tjuttschews Werk durch den Symbolismus. Der russische Religionsphilosoph Nikolai Berdjajew griff auf seine Gedichte zurück. Er wollte damit seine Prophetie vom Neuen Mittelalter veranschaulichen. Dieser zufolge seien die geistigen Prinzipien der Neuzeit erschöpft.

Auch in der jüngeren Zeit wirken seine Texte fort, teils in politischen Zusammenhängen. Ende Januar 2023 verlas Dmitri Anatoljewitsch Medwedew im russischen Staatsfernsehen zustimmend einen Auszug aus Tjuttschews Brief an Gustav Kolb, den Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung, aus dem Jahr 1844. Darin deutete Tjuttschew die russischen Erfolge und Eroberungen im frühen 19. Jahrhundert als organisch und legitim, als Wiederherstellung eines ursprünglichen russischen Prinzips.

In der Kunst hat sein Werk ebenfalls Spuren hinterlassen. Björk und Anohni verwendeten eine englische Übersetzung eines seiner Gedichte für ihr gemeinsames Duett The dull Flame of Desire. Dasselbe Gedicht fand auch Aufnahme in den Film Stalker von Andrej Tarkowski.

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