1763 – 1828
Kobayashi Issa
Kurzbiografie↑
Kobayashi Issa war ein japanischer Haiku-Dichter, der von 1763 bis 1828 lebte. Er zählt zu den „Großen Vier“ der japanischen Haiku-Dichtkunst, gemeinsam mit Matsuo Bashō, Buson und Shiki. Geboren wurde er in Kashiwabara in der Provinz Shinano, dem heutigen Stadtteil von Shinano in der Präfektur Nagano; dort starb er auch. Seinen Dichternamen Issa wählte er selbst: Er bedeutet so viel wie „ein Tee“ oder „ein Schluck Tee“ und drückt Bescheidenheit und Einfachheit aus. Seine Verse wenden sich mit warmem Humor den kleinsten Geschöpfen zu und machten das Haiku für einfache Menschen zugänglich.
Biografie↑
Geboren wurde Kobayashi Issa am 15. Juni 1763 in Kashiwabara in der Provinz Shinano. Sein bürgerlicher Name lautete Kobayashi Nobuyuki, als Kind hieß er Kobayashi Yatarō. Er kam in armen Verhältnissen zur Welt, und aus diesen Verhältnissen sollte er sich zeit seines Lebens nicht befreien können.
Als Fünfzehnjähriger verließ er als verstoßenes Stiefkind sein Elternhaus und ging zur Ausbildung nach Edo, dem heutigen Tokio. Später hielt er sich in Kyōto, Ōsaka und anderen Zentren der japanischen Kultur auf; diese Aufenthalte sind nachgewiesen. Danach kehrte er in seine Heimat zurück.
Mit fünfundzwanzig Jahren begann er, Haikus zu schreiben. Sein Leben blieb von schweren Verlusten gezeichnet. Seine Frau und mehrere seiner Kinder starben, und diese Schicksalsschläge prägten ihn nachhaltig. Erst in späteren Jahren besserten sich seine Lebensumstände etwas, als er eine kleine Erbschaft antreten konnte.
Seine Armut wurde er nie los, und so machte er sie zum Thema seiner Dichtung. Verbitterung oder Traurigkeit sucht man darin allerdings vergebens. Stattdessen bestimmen Fröhlichkeit, buddhistische Genügsamkeit und Zufriedenheit seine Werke. Am 5. Januar 1828 starb Issa in Kashiwabara, dem Ort seiner Geburt.
Literarische Merkmale↑
Auffällig an Issas Haikus ist, dass sie die nach Bashō erstarrte Versform aus fünf, sieben und fünf Silben oft durchbrechen. Sie leben von einer tiefen Liebe zur Natur, und diese Liebe gilt selbst den kleinsten und unbedeutendsten Wesen. Weinbergschnecken, Frösche, Schwalben, Spatzen, Mäuse oder Heuschrecken treten in seinen Versen wie selbstverständlich auf. Aus ihnen spricht Respekt und Achtung vor diesen Mitgeschöpfen.
Damit führte Issa das Haiku aus einer elitären und hochkomplizierten Kunst heraus. Er machte es zu einer Ausdrucksform, die auch einfache Menschen verstehen und die zu Herzen geht.
Getragen werden seine Verse von einem liebevollen Humor, der die eigene Person nicht schont. In feiner Selbstironie vergleicht er sich mitunter sogar mit Vogelscheuchen am Wegesrand. Eines seiner bekanntesten Haikus lautet in deutscher Übersetzung: „Die kleine Schnecke / ganz langsam steigt sie hinauf / auf den Berg Fuji.“
Rezeption↑
Weit über Japan hinaus haben Issas Verse Spuren hinterlassen. J. D. Salinger erinnert in seinen Werken an ihre Wirkung. Für ihn zwingt uns Issa zu nichts: Wir müssen uns selbst auf die Erfahrung einlassen. Darin liegt ein Grundgedanke des Verfassers von Der Fänger im Roggen.
Arkadi und Boris Strugatzki entnahmen den Titel ihres Buches Die Schnecke am Hang dem Fuji-Haiku, das in einer anderen Übersetzung lautet: „Ja, kleine Schnecke / Besteige den Berg Fuji / Aber ganz langsam.“ Für die Brüder Strugatzki spricht aus diesem Bild die Unbeirrbarkeit, auch wenn das Ziel unerreichbar scheint.
Auf dasselbe Haiku geht der Titel von Jan Snelas Roman Ja, Schnecke, ja zurück. Die Handlung enthält Züge einer Issa-Biografie, die der Hauptfigur als gelesenes Buch begegnet. Auch formal greift der Roman auf Issa zurück, indem er die Gattungen Haibun und Haiku nachahmt, die den ästhetischen Rahmen für Issas Werk bilden. Issa erscheint dort zugleich als historische Person und als erfundene Figur.
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