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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Higuchi Ichiyō
Higuchi Ichiyō
1872 – 1896
– Autorenporträt –

Higuchi Ichiyō

1872 – 1896 · 24 Jahre

Japanische Erzählerin des späten 19. Jahrhunderts, die in nur vierzehn Monaten Werke wie „Takekurabe“ schuf und mit vierundzwanzig Jahren starb – heute ziert ihr Bildnis die 5000-Yen-Banknote.

Kurzbiografie↑

Higuchi Ichiyō gehört zu den bekanntesten japanischen Schriftstellerinnen der Meiji-Zeit. Geboren 1872 in Tokio, starb sie bereits 1896 im Alter von vierundzwanzig Jahren an Tuberkulose. Ihre eigentliche schriftstellerische Blütezeit umfasste kaum mehr als vierzehn Monate, in denen Erzählungen wie Takekurabe, Nigorie und Jūsan'ya entstanden. Daneben hinterließ sie eine große Zahl literarisch bedeutsamer Tagebücher. Seit November 2004 ist ihr Porträt auf der 5000-Yen-Banknote der japanischen Zentralbank abgebildet.


Biografie↑

Am 2. Mai 1872 kam sie in Tokio zur Welt, im Gebiet des heutigen Bezirks Chiyoda. Ihr eigentlicher Name war Higuchi Natsu. Der Vater hieß Higuchi Tamenosuke, die Mutter Ayame stammte aus der Familie Furuya. Natsu war die zweite Tochter; sie hatte eine ältere Schwester namens Fuji und die älteren Brüder Sentarō und Toranosuke. Später kam noch die jüngere Schwester Kuni hinzu.

Die Familie lebte in mittelständischen Verhältnissen. Schon früh zeigte das Mädchen ein auffälliges Interesse am Lesen. Erzählungen zufolge soll sie mit sieben Jahren Nansō Satomi Hakkenden von Kyokutei Bakin vollständig gelesen haben. 1877 wurde sie in die Hongō-Grundschule eingeschult, musste sie aber wegen ihres geringen Alters wieder verlassen. Danach besuchte sie die Yoshikawa-Privatschule. 1881 kam es zum Bruch mit dem Bruder Toranosuke, dessen ausschweifende Lebensweise die Familie belastete. Im selben Jahr zog die Familie in das Viertel Okachimachi im Bezirk Shitaya, und Natsu wechselte auf die Aoumi-Schule in Ueno. Noch bevor sie die höheren Klassen erreichte, nahm die Mutter sie von der Schule. Die Leistungen waren hervorragend, doch die Mutter hielt so viel Bildung für ein Mädchen nicht für nötig.

Der Vater dagegen erkannte das literarische Talent seiner Tochter. Er schickte sie zu seinem Bekannten Wada Shigeo, der sie in klassischer Waka-Dichtung unterrichten sollte. 1886 wurde sie Schülerin an Nakajima Utakos Dichtkunstschule Haginoya. Dort lernte sie neben der Waka-Dichtung auch japanische Kalligraphie und klassische Literatur. Ihre ersten eigenen Arbeiten orientierten sich am Genji Monogatari und an anderen klassischen Werken. An der Haginoya-Schule schloss sie Freundschaft mit Itō Natsuko und Tanabe Tatsuko; später unterrichtete sie dort selbst als Hilfslehrerin.

Die Familie wechselte häufig den Wohnort, insgesamt zwölfmal. 1888 starb der ältere Bruder Sentarō, im Juli des folgenden Jahres auch der Vater. Damit wurde die erst Siebzehnjährige zum Familienoberhaupt und musste für den Unterhalt sorgen. 1890 wohnte sie als Schülerin der Haginoya zunächst im Hause Nakajima und zog im September nach Hongō-Kikuzaka. Dort verdienten sie, ihre Mutter und die ältere Schwester den Lebensunterhalt mühsam mit Nähen und Waschen. Es heißt allerdings, sie selbst habe harte körperliche Arbeit verachtet und diese ganz den beiden anderen Frauen überlassen.

Den Ausschlag zum Romanschreiben gab eine Nachricht über eine Mitschülerin: Tanabe Kaho hatte für ihren Roman Yabu no Uguisu ein hohes Honorar erhalten. Mit zwanzig Jahren schrieb Higuchi Kare obana-hitomoto und verwendete dafür erstmals das Pseudonym Ichiyō. Sie wollte ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben verdienen und ließ sich von Nakarai Tōsui unterweisen, der als Romanautor für die Asahi-Zeitung arbeitete. In der ersten Ausgabe von Nakarais Zeitschrift Musashino erschien ihr Erstlingswerk Yamizakura. Nakarai kümmerte sich auch weiterhin um sie. Die Verbindung der beiden endete jedoch bald, als Gerüchte über sie in Umlauf kamen. Als Reaktion darauf schrieb Ichiyō den Roman Umoregi, den sie im idealistischen Stil Kōda Rohans hielt und mit dem sie sich stilistisch wie symbolisch von Nakarai löste. Dieses Werk begründete ihre Bekanntheit.

Danach lernte sie Literaten wie Shimazaki Tōson und Hirata Tokuboku kennen, die mit der europäischen Literatur vertraut waren. So kam sie mit der naturalistischen Literatur in Berührung. In der Literaturzeitschrift Bungakukai veröffentlichte sie zahlreiche Arbeiten, darunter Yuki no hi. In dieser Zeit machte ihr früherer Verlobter, der Staatsanwalt Sakamoto Saburō, ihr einen Heiratsantrag, den sie ablehnte. Als ihre Existenznöte eine Wende nahmen, eröffnete sie in Shitaya-Ryūsenjimachi einen kleinen Laden für Haushaltsgeräte und einfache Süßwaren. Er lag nahe dem Tokioter Freudenviertel Yoshiwara. Im Mai 1894 gab sie den Laden wieder auf und zog nach Hongō-Maruyamafukuyamachō. Die Eindrücke aus dieser Zeit verarbeitete sie in Takekurabe.

Im Dezember 1894 erschien Ōtsugomori in der Bungakukai. Ab Januar 1895 folgte Takekurabe in sieben Teilen. Dazwischen veröffentlichte sie Yukukumo, Nigorie, Jūsan'ya und weitere Texte. Für diese kurze, außerordentlich ergiebige Phase hat sich die Bezeichnung „Wunder der 14 Monate“ eingebürgert. Als Takekurabe 1896 im Literaturklub Bungei Kurabu geschlossen in einem Band erschien, lobten Mori Ōgai, Kōda Rohan und andere das Werk sehr. Mori Ōgai würdigte sie in der Literaturzeitschrift Mesamashigusa, und der Austausch mit den Autoren der Bungakukai wurde häufiger.

Am 23. November 1896 starb Higuchi Ichiyō mit vierundzwanzig Jahren an Tuberkulose. Ihre literarische Tätigkeit hatte kaum länger als vierzehn Monate gedauert. 1897, im Jahr nach ihrem Tod, erschien eine Gesamtausgabe ihrer Werke.


Literarische Merkmale↑

Zwei Schulen prägten ihr Schreiben. Die eine war die klassische japanische Tradition: An der Haginoya-Schule lernte sie Waka-Dichtung, Kalligraphie und klassische Literatur, und ihre ersten Arbeiten orientierten sich unmittelbar am Genji Monogatari. Die andere war die zeitgenössische Erzählliteratur der Meiji-Zeit, in die Nakarai Tōsui sie einführte.

Ein deutlicher Wendepunkt war der Roman Umoregi. Ichiyō hielt ihn im idealistischen Stil Kōda Rohans und löste sich damit von Nakarais Vorbild, stilistisch wie symbolisch. Später brachte die Bekanntschaft mit Shimazaki Tōson und Hirata Tokuboku, die die europäische Literatur kannten, sie mit der naturalistischen Richtung in Berührung.

Ihre Stoffe fand sie in der Welt, in der sie selbst lebte. Der Laden nahe dem Freudenviertel Yoshiwara lieferte die Erfahrungen, aus denen Takekurabe entstand. Neben den Erzählungen führte sie über Jahre Tagebuch; diese Aufzeichnungen gelten als literarisch bedeutsam und bilden einen eigenständigen Teil ihres Werks.


Rezeption↑

Bekannt wurde Higuchi Ichiyō zunächst durch den Roman Umoregi. Die Anerkennung durch die literarische Öffentlichkeit kam rasch: Als Takekurabe 1896 gesammelt im Literaturklub Bungei Kurabu erschien, lobten Mori Ōgai, Kōda Rohan und andere das Werk in hohen Tönen. Mori Ōgai würdigte sie in der Zeitschrift Mesamashigusa. In dieser Zeit stand sie in engem Austausch mit den Autoren der Bungakukai, in deren Zeitschrift sie selbst veröffentlichte.

Ihr früher Tod beendete diese Entwicklung abrupt. Schon 1897 erschien eine Gesamtausgabe ihrer Werke. Die kurze, dichte Schaffensphase hat der japanischen Literaturgeschichte den Begriff vom „Wunder der 14 Monate“ eingetragen.

Wie fest ihr Rang im kulturellen Gedächtnis Japans verankert ist, zeigt eine Ehrung mehr als hundert Jahre nach ihrem Tod: Im November 2004 gab die japanische Zentralbank eine neue 5000-Yen-Banknote heraus, die ihr Porträt trägt.

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