1889 – 1973
Taha Hussein
Kurzbiografie↑
Der ägyptische Schriftsteller und Gelehrte Taha Hussein zählt zu den einflussreichsten arabischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Als Kleinkind erblindet, stieg er aus einfachen Verhältnissen zum ersten Absolventen der Universität Kairo auf und promovierte später ein zweites Mal an der Sorbonne. Mit seiner Untersuchung Über die vorislamische Dichtung löste er 1926 einen Skandal aus, der ihn vor Gericht und in Lebensgefahr brachte. Sein autobiografischer Roman Die Tage wurde dagegen zu einem großen Verkaufserfolg und in sieben Sprachen übersetzt. Zwischen 1949 und 1969 war Hussein dreizehnmal für den Nobelpreis für Literatur nominiert, wie erst später bekannt wurde.
Biografie↑
Geboren wurde Taha Hussein am 14. November 1889 in Ägypten, das damals zum Osmanischen Reich gehörte. In der Forschung uneinheitlich ist der Geburtsort: genannt werden sowohl al-Minya als auch Maghāghah. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Ein Augenleiden wurde in seiner frühen Kindheit unsachgemäß behandelt, und er erblindete.
Sein Studium begann er an der traditionsreichen Azhar, damals der einzigen Universität des Landes. Abschließen konnte er es nicht: Er fiel durch die Prüfungen, vermutlich weil er mit den konservativen Professoren aneinandergeriet. Er wechselte an die eben erst gegründete Universität Kairo. Dort kam er auch mit europäischen Professoren in Berührung. 1914 wurde er mit einer Arbeit über Abu al-'Ala al-Ma'arri promoviert, einen blinden Dichter der arabischen Klassik, der von 973 bis 1057 lebte. Damit war Hussein der erste Absolvent der Universität Kairo.
Anschließend setzte er seine akademische Laufbahn in Frankreich fort. Vier Jahre studierte er dort und wurde an der Sorbonne ein zweites Mal promoviert, diesmal über die soziologische Betrachtungsweise Ibn Chaldūns. In dieser Zeit lernte er Suzanne Brisseau kennen, die er später heiratete. Die Ehe mit einer katholischen Französin war für einen Mann seines Standes höchst ungewöhnlich und machte ihn zur Zielscheibe religiös konservativer Kreise in seiner Heimat.
1919 kehrte er nach Ägypten zurück. An der Universität Kairo lehrte er zunächst alte Geschichte, später arabische Literatur. In seinen Veröffentlichungen versuchte er, die in Frankreich erlernten wissenschaftlichen Methoden auf die arabische Überlieferung anzuwenden. 1923 geriet er darüber in eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem syrischen Intellektuellen Rafīq Bey al-ʿAzm (1865–1925). Anlass war eine Folge von Aufsätzen zur Geschichte der arabischen Literatur. Darin hatte Hussein die Zeit, in der das Umayyadenreich zerfiel und das Abbasidenreich entstand, als „ein Zeitalter des Zweifels, der Frivolität und des Zynismus“ bezeichnet. ʿAzm warf ihm voreilige und ungerechte Urteile über die ersten Jahrhunderte der islamischen Geschichte vor, auf die die Araber stolz sein müssten.
Husseins Antwort war grundsätzlich. Er hielt ʿAzm entgegen, viele Gelehrte im Orient begegneten der islamischen Geschichte mit religiöser Verehrung, und diese Haltung mache eine kritische, wirklich wissenschaftliche Betrachtung unmöglich. Übertriebene Heldenverehrung sei ein typisches Zeichen von Zeiten des Niedergangs. Für das Verständnis von Geschichte empfahl er zwei Regeln Ibn Chaldūns: dass die Menschen einander alle ähnlich seien, wie verschieden Zeit und Ort auch sein mögen, und dass sie zugleich alle voneinander verschieden seien, wie stark die äußeren Ähnlichkeiten auch wirken. Wer das begriffen habe, wisse, dass auch das Zeitalter der Abbasiden Ernst und festen Glauben ebenso gekannt habe wie Scherz und Zweifel.
Weit heftiger fiel die Reaktion auf sein Buch Über die vorislamische Dichtung aus, in dem er die alten Texte mit den Denkmitteln des Cartesianismus untersuchte. Die Al-Azhar verbot das Buch zunächst, und gegen Hussein wurde ein Prozess geführt. Die Presseberichte über das Verfahren machten ihn im ganzen Land bekannt. Er erhielt Morddrohungen und ließ sich fortan von bewaffneten Wachleuten schützen. Die Untersuchung der vorislamischen Literatur erschien 1926.
In Frankreich entstand sein autobiografischer Roman Die Tage. Der erste Band schildert das dörfliche Leben seiner Kindheit und Jugend. Das Buch wurde ein Verkaufserfolg und in sieben Sprachen übersetzt. Wendungen daraus gingen auch außerhalb Ägyptens in den festen Wortschatz der arabischen Sprache ein. Das ägyptische Fernsehen verfilmte den Roman später als Serie.
In den folgenden Jahren setzte sich Hussein für eine Reform des ägyptischen Bildungswesens ein. Er forderte unter anderem kostenlose Ausbildung und die Förderung von Studien im Ausland. Von 1950 bis 1952 war er Erziehungsminister. Daneben arbeitete er als Übersetzer und Literaturkritiker. Taha Hussein starb am 28. Oktober 1973 in Kairo. Im selben Jahr wurde ihm postum der Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen verliehen.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Husseins Arbeiten ist der Versuch, moderne wissenschaftliche Methoden aus Europa auf die arabische Überlieferung anzuwenden. In Über die vorislamische Dichtung untersuchte er die alten Texte mit den Denkmitteln des Cartesianismus. Geschichte wollte er auf Kritik und echte Forschung gestützt sehen, nicht auf Verehrung.
Anders sein Erzählen: In Die Tage schildert er sein eigenes Leben, und der erste Band zeichnet den Alltag eines ägyptischen Dorfes nach, wie ihn das blinde Kind erlebte. Einzelne Wendungen aus dem Buch wurden über Ägypten hinaus zu festen Begriffen der arabischen Sprache.
Rezeption↑
Taha Hussein gilt als einer der bedeutendsten und einflussreichsten arabischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Seine Wirkung war von Anfang an umstritten. Über die vorislamische Dichtung brachte ihm den Zorn fundamentalistischer Kreise ein, wurde von der Al-Azhar verboten und führte zu einem Gerichtsverfahren. Die Presseberichte darüber machten ihn zu einer landesweit bekannten Figur, doch er erhielt auch Morddrohungen und musste sich bewachen lassen. Schon zuvor hatte seine Ehe mit einer katholischen Französin religiös konservative Kreise in Ägypten gegen ihn aufgebracht.
Anders wurde sein autobiografischer Roman Die Tage aufgenommen: Er verkaufte sich sehr gut, wurde in sieben Sprachen übersetzt und später vom ägyptischen Fernsehen als Serie verfilmt.
Nagib Mahfuz, der erste arabische Träger des Literatur-Nobelpreises, sagte, Taha Hussein hätte den Preis vor ihm verdient. Tatsächlich war Hussein zwischen 1949 und 1969 dreizehnmal nominiert, was erst später bekannt wurde. 1973 erhielt er postum den Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen.
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