1924 – 1998
Zbigniew Herbert
Kurzbiografie↑
Zbigniew Herbert war ein polnischer Lyriker, Dramatiker und Essayist. Er wurde 1924 in Lemberg geboren und starb 1998 in Warschau. Sein Werk kreist um die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und um das Leben unter einer Diktatur, die er in einer klaren, oft ironischen Sprache behandelt. Als sein wichtigstes Buch gilt der Gedichtband Pan Cogito von 1974, in dem er eine Kunstfigur namens Herr Cogito auftreten lässt. Herbert gehört zu den meistübersetzten Schriftstellern Polens.
Biografie↑
Geboren wurde Zbigniew Herbert am 29. Oktober 1924 in der Stadt, die damals zu Polen gehörte und heute in der Ukraine liegt. Die Namensform ist in den Nachschlagewerken uneinheitlich: Wikidata führt den Geburtsort als Lwiw, die Deutsche Nationalbibliothek als Lemberg; im Polnischen heißt die Stadt Lwów. Sein Vater war Bankier.
Der Zweite Weltkrieg fiel in Herberts Jugend- und Studienjahre. Er begann im Untergrund ein Studium der Polonistik und erhielt in der Polnischen Heimatarmee eine militärische Ausbildung. Während der deutschen Besatzung verdiente er sein Geld unter anderem als sogenannter Läusefütterer in Rudolf Weigls Institut für Fleckfieber- und Virusforschung. 1944, vor dem Einmarsch der Roten Armee, verließ er die Stadt und ging nach Krakau. Dort absolvierte er ein Studium an der Handelsakademie.
1948 trat er dem Verband der Polnischen Literaten bei und veröffentlichte erste Texte in einer Zeitschrift. Im folgenden Jahr zog er nach Toruń, studierte Jura und arbeitete als Journalist. 1950 wechselte er nach Warschau, um Philosophie zu studieren. Hier erschienen seine ersten Gedichte, unter anderem in der Zeitschrift Tygodnik Powszechny. Viel veröffentlichen konnte er zunächst nicht, denn seine Texte entsprachen nicht dem sozialistischen Realismus, der als verbindliche Kunstdoktrin galt. Als dieser proklamiert wurde, trat Herbert wieder aus dem Schriftstellerverband aus.
Die Wende kam 1956. Mit dem Polnischen Oktober begann in der Volksrepublik Polen eine Phase der kulturellen Lockerung, und Herbert konnte endlich seinen ersten Gedichtband Struna światła herausbringen, im Deutschen unter Titeln wie Die Saite des Lichts bekannt. Weil er in den Jahren zuvor viel geschrieben, aber wenig gedruckt hatte, folgte schon im Jahr darauf der zweite Band Hermes, pies i gwiazda, auf Deutsch Hermes, Hund und Stern.
Ab 1958 reiste Herbert häufig nach Westeuropa und in die Vereinigten Staaten, anfangs als Stipendiat des polnischen Ministeriums für Kunst und Kultur. In den sechziger Jahren wuchs sein internationales Ansehen. 1963 gehörte er zu den ersten Preisträgern des Kościelski-Preises. Czesław Miłosz übertrug seine Werke ins Englische, Karl Dedecius ins Deutsche. Von 1967 bis 1970 lebte er in West-Berlin und nahm dort am Kulturleben teil. 1968 heiratete er in Paris Katarzyna Dzieduszycka. In den folgenden Jahrzehnten wechselte er immer wieder zwischen Polen und Westeuropa. Als Gastwissenschaftler war er unter anderem an der California State University in Los Angeles, an der West-Berliner Akademie der Künste und an der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München tätig.
1975 unterzeichnete er den sogenannten Brief der 59, eine Protestaktion gegen geplante Verfassungsänderungen. Diese hätten unter anderem die führende Rolle der kommunistischen Partei und die ewige Freundschaft mit der Sowjetunion festgeschrieben. Die Jahre danach verbrachte Herbert überwiegend im Ausland, vor allem in Deutschland, Österreich und Italien. 1981 kehrte er nach Polen zurück und arbeitete für mehrere Zeitschriften aus dem Umfeld der Solidarność. Ab 1986 folgte ein letzter längerer Auslandsaufenthalt; 1992 ging er endgültig nach Polen zurück.
Am 28. Juli 1998 starb Zbigniew Herbert im Alter von 73 Jahren in Warschau. Beigesetzt wurde er auf dem Powązki-Friedhof. An der Beerdigung nahmen unter anderem die beiden Literaturnobelpreisträger Czesław Miłosz und Wisława Szymborska teil.
Literarische Merkmale↑
Sein dichterisches Werk wird gewöhnlich in drei Abschnitte geteilt. Von 1956 bis 1974 verarbeitete Herbert vor allem die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und den Terror, der mit dem Aufbau der sozialistischen Diktatur einherging. Die Jahre von 1974 bis 1983 stehen im Zeichen der Suche nach der eigenen Identität, die mit seiner literarischen Kunstfigur Pan Cogito, also Herr Cogito, zum Abschluss kommt. Die letzte Phase von 1983 bis zu seinem Tod ist von der politischen Entwicklung in Polen sowie von seiner Krankheit und dem nahenden Tod bestimmt.
Herbert schrieb über den Krieg nicht als bloßer Chronist, sondern maß das Erlebte an ethischen Maßstäben. Seine Sprache ist ironisch, seine Bilder waren für die polnische Lyrik seiner Zeit neuartig. Bei aller inhaltlichen und sprachlichen Erneuerung hielt er sich in Form und Klang jedoch an die überlieferten Muster der polnischen und der europäischen Dichtung. Das Neue steht bei ihm also in einem alten Gefäß.
Als sein wichtigstes Buch gilt der 1974 erschienene Gedichtband Pan Cogito. Die Titelfigur verkörpert, wie es heißt, „die Zerrissenheit zwischen dem Empfinden der Wirklichkeit und der Sehnsucht nach Ruhm“. Die ersten Gedichte des Bandes handeln von der Suche nach der eigenen Identität und vom Verlust der Heimatstadt. In den letzten beiden Texten gibt Herbert dagegen klare Anweisungen, wie man sich in einem autoritären System verhalten soll. Er fordert den Leser auf, Zeugnis abzulegen, macht sich aber keine Hoffnung, dass dies je Erfolg haben wird.
Rezeption↑
Anerkennung fand Herbert schon zu Lebzeiten weit über Polen hinaus. Mit Beginn der sechziger Jahre wuchs sein internationales Ansehen; 1963 zählte er zu den ersten Preisträgern des Kościelski-Preises. Zur Verbreitung seiner Gedichte trugen zwei prominente Übersetzer bei: Czesław Miłosz übertrug sie ins Englische, Karl Dedecius ins Deutsche. Heute gehört Herbert zu den meistübersetzten Schriftstellern Polens.
Wie hoch man ihn in seinem Heimatland schätzte, zeigte sich bei seiner Beerdigung auf dem Warschauer Powązki-Friedhof, an der mit Czesław Miłosz und Wisława Szymborska zwei Literaturnobelpreisträger teilnahmen.
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