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Autoreneintrag · Hans Henny Jahnn
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Porträt Hans Henny Jahnn
Hans Henny Jahnn
1894 – 1959
– Autorenporträt –

Hans Henny Jahnn

1894 – 1959 · 64 Jahre

Der Schriftsteller und Orgelbauer Hans Henny Jahnn gilt als einer der großen Außenseiter der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts – seine drastischen Bilder von Sexualität und Gewalt machten ihn zeitlebens umstritten.

Kurzporträt

Als einer der großen produktiven Außenseiter der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts gilt Hans Henny Jahnn (1894–1959). Der aus einer Hamburger Familie von Schiffs- und Instrumentenbauern stammende Schriftsteller war zugleich Orgelbauer, Musikverleger und politischer Publizist. Sein Werk erregte Anstoß und Bewunderung: Weil er Sexualität und Gewalt drastisch und grenzüberschreitend darstellte, blieb er zeitlebens heftig umstritten. Zu seinen Hauptwerken zählen der Roman Perrudja und die mehr als zweitausend Seiten umfassende Romantrilogie Fluß ohne Ufer. Jahnn verstand sich als Antimilitarist und Pazifist, lehnte jede Doktrin ab und trat gegen Rassenhass, Todesstrafe und Gewalt gegen Tiere ein.


Biografie

Geboren wurde Hans Henny August Jahn am 17. Dezember 1894 in einem Vorort von Hamburg. In der Forschung gibt es dazu unterschiedliche Angaben: Wikidata und die Deutsche Nationalbibliothek nennen als Geburtsort Stellingen, während die Deutsche Biographie ebenfalls „Stellingen bei Hamburg“ verzeichnet; in anderen Darstellungen erscheint Langenfelde als Geburtsort. Sein Vater Gustav William Jahn war Schiffszimmerer, die Familie stammte aus einer Linie von Schiffs- und Instrumentenbauern. Ab 1904 besuchte er eine Realschule in St. Pauli, ab 1911 die Oberrealschule Kaiser-Friedrich-Ufer in Hamburg-Eimsbüttel, wo er 1914 das Abitur ablegte. Noch in der Schulzeit lernte er Gottlieb Harms kennen, den späteren Musikverleger, der sein lebenslanger Freund und Gefährte wurde.

Um dem Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg zu entgehen, emigrierte Jahnn 1915 gemeinsam mit Harms nach Norwegen. Beide lebten in Aurland am Aurlandsfjord. Diese Jahre bezeichnete Jahnn selbst als eine harte Schule, in der er die Welt durchschaut habe. In Norwegen reiften die Pläne für ein groß angelegtes utopisches Projekt. Ende 1918 kehrten die beiden Freunde nach Hamburg zurück.

Nach der Rückkehr zog Jahnn für kurze Zeit aufs Land nach Eckel in der Lüneburger Heide und lebte dort mit Harms und dem Bildhauer Franz Buse zusammen. Gemeinsam entwarfen sie eine Künstler-, Religions- und Lebensgemeinschaft, die sie Ugrino nannten. Jahnn konstruierte eine eigene Religion, die sich ästhetischen Regeln unterwarf, Bestattungsriten vorschrieb und ihren Ausdruck in besonderen Bauten finden sollte. Er zeichnete Kultbauten in der Tradition der mittelalterlichen Bauhütten und erwarb mit Hilfe wohlhabender Förderer große Grundstücke. Das Projekt scheiterte an den gewaltigen Kosten und an den utopischen Plänen. Der 1921 mit Harms gegründete Ugrino-Verlag überdauerte das Gemeinschaftsprojekt um zwei Jahrzehnte; in ihm erschien historische Orgelliteratur, darunter Werke von Vincent Lübeck, Samuel Scheidt und Dietrich Buxtehude.

Untrennbar mit Ugrino verbunden war Jahnns Arbeit als Orgelbauer. Er bewahrte kostbare Schnitger- und Silbermann-Orgeln vor dem Verfall und baute oder erneuerte selbst etwa hundert Instrumente, darunter die große Orgel des Deutschlandsenders in Berlin. Mit Unterstützung des Thomaskantors Günther Ramin wurde er zu einem der wichtigen Initiatoren und Experten der um 1920 neu einsetzenden Orgelbewegung.

Sein literarischer Durchbruch kam 1919 mit dem Drama Pastor Ephraim Magnus, für das er 1920 den Kleist-Preis erhielt; die Uraufführung folgte 1923. 1925 entstand die Tragödie Medea, die 1926 erstmals inszeniert wurde. Weil seine Stücke extreme Gefühlslagen und Handlungen zeigten, wurden sie teils heftig abgelehnt, teils hoch gelobt, etwa von Thomas Mann. 1926 heiratete Jahnn Ellinor Philips, die sich dem Ugrino-Kreis angeschlossen hatte; 1929 wurde die Tochter Signe geboren. In der Literatur heißt es überwiegend, dass Jahnn von Jugend an homosexuelle Beziehungen unterhielt, unter anderem zu Harms, der als seine große Liebe gilt; öffentlich bekannte er sich nie dazu, da Homosexualität nach § 175 strafbar war.

1929 erschien der Roman Perrudja, den Jahnn nach der Lektüre von James Joyce' Ulysses überarbeitet hatte. Alfred Döblin und Heinrich Mann urteilten wohlwollend, andere lehnten das Werk vehement ab. Obwohl Jahnn seit Beginn der 1930er Jahre vor der NSDAP gewarnt hatte und der Radikaldemokratischen Partei beigetreten war, wollte er nicht endgültig emigrieren, um den Kontakt zu Deutschland und seine Existenz als Schriftsteller nicht zu verlieren. Als Verfasser seiner Stücke wurde er in der Presse als „Kommunist und Pornograph“ beschimpft, seine Wohnung mehrfach durchsucht. Kurz nach der Machtübergabe verließ er 1933 Deutschland und fand zunächst bei dem Literaturhistoriker Walter Muschg in Zürich Aufenthalt.

Seit 1934 lebte Jahnn auf der dänischen Insel Bornholm, wo er einen Bauernhof bewirtschaftete und sich als Landwirt und Pferdezüchter betätigte. In einer kleinen Kate namens „Granly“ schrieb er den größten Teil seines Hauptwerks, der Romantrilogie Fluß ohne Ufer mit den Bänden Das Holzschiff und Die Niederschrift des Gustav Anias Horn nachdem er 49 Jahre alt geworden war. Dort begann er auch die Tragödie Thomas Chatterton und überarbeitete das Drama Armut, Reichtum, Mensch und Tier, das erst 1948 aufgeführt werden konnte. Auf Bornholm lebte er zeitweise mit der jüdisch-ungarischen Fotografin Judit Kárász zusammen.

1950 kehrte Jahnn nach Hamburg zurück und bewohnte bis zu seinem Tod das Kavaliershaus im Hirschpark. Er engagierte sich als Pazifist gegen die Entwicklung von Kernwaffen, gegen die Wiederbewaffnung und gegen Tierversuche; auch die zivile Nutzung der Kernenergie lehnte er ab. Er war Mitbegründer und erster Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg und erhielt 1954 den Niedersächsischen Literaturpreis sowie 1956 den Lessing-Preis der Stadt Hamburg. Am 29. November 1959 erlag er in einem Blankeneser Krankenhaus einem Herzleiden. Sein Grab auf dem Nienstedtener Friedhof gestaltete er nach den Vorgaben der Ugrino-Satzung. Postum erschienen der unvollendete Roman Jeden ereilt es und der Epilog der Trilogie.


Literarische Merkmale

Schon die frühen, ungedruckten Werke des frühreif-genialischen Jahnn standen im Zeichen elementarer Auflehnung gegen eine als unwahrhaftig empfundene Umwelt. Nach Angaben der Deutschen Biographie stehen diese Arbeiten dem Expressionismus nahe. Bereits hier finden sich Motive, die sein ganzes Schaffen bestimmen sollten: die Diskrepanz zwischen einem harmonikalen und einem brutalen Weltgeschehen, das Problem der Versöhnung von Leib und Seele, von Schönheit und Verwesung, von Ordnung und Chaos. Diese Gegensätze suchte er durch Kult, Ritual und sakrale Musik zu mythisieren und in der Vorstellungswelt Ugrinos aufzuheben.

In seinem erzählerischen Werk setzte der Roman Perrudja diese Utopie fort. Das Bahnbrechende liegt laut der Deutschen Biographie in der künstlerischen Form, besonders in der Verwendung des inneren Monologs, den Jahnn ganz auf die seelische Struktur seines „Nichthelden“ richtete – hierin parallel zu Joyce und Döblin. Wiederkehrende Bilder sind die Liebe zum Pferd als Ausdruck der Sehnsucht nach Verschmelzung mit der Natur und die Gestalt des unschuldigen Knaben als Spiegelung des Vollkommenen. Seine Sprache ist bewusst ursprünglich, sinnlich-farbig und von hoher Musikalität und Rhythmik; dem Roman sind mehrfach Partituren beigegeben.

In der Romantrilogie Fluß ohne Ufer wandelte sich der Ton. Jahnn machte weniger die Handlung als den Handelnden zum Schauplatz der Ereignisse, um die Substanz des Menschlichen freizulegen und den Ort des Menschen im Raum der Schöpfung neu zu bestimmen. Die rauschhaft-sinnliche Sprache des Perrudja wurde nun gemäßigt durch den Willen zur Deutung des Seienden. In der Niederschrift des Gustav Anias Horn verwirklichte er eine eigenartige, auf einer „Inversion der Zeit“ beruhende Erzählstruktur, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dem Leser gleichzeitig wahrnehmbar machen sollte. In der Emigration reifte Jahnn und neigte zunehmend zu schwermütiger Trauer, Resignation und fatalistischen Zügen einer heidnisch-mythischen Religiosität.


Rezeption

Umstritten war Hans Henny Jahnn sein Leben lang. Weil seine Dramen extreme Handlungen wie Inzest, Homosexualität und Verstümmelung zeigten, lehnten manche Presseorgane sie entschieden ab, während andere sie hoch lobten. Schon das frühe Drama Pastor Ephraim Magnus brachte ihm 1920 den Kleist-Preis ein. Sein Roman Perrudja wurde von Alfred Döblin und Heinrich Mann positiv beurteilt, in den Medien jedoch vehement angegriffen. Die Nationalsozialisten beschimpften ihn in der Presse als „Kommunist und Pornograph“.

Nach seiner Rückkehr aus dem Exil erfuhr Jahnn öffentliche Anerkennung. Er erhielt 1954 den Niedersächsischen Literaturpreis und 1956 den Lessing-Preis der Stadt Hamburg. Er wurde Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur sowie korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie der Künste in Berlin. 1950 gründete er die Freie Akademie der Künste in Hamburg mit und wurde ihr erster Präsident. Eine Freundschaft verband ihn mit dem sehr viel jüngeren Schriftsteller Hubert Fichte.

Jahnns literarisches Werk entzieht sich gängigen Klassifizierungen und blieb lange nur unvollständig erschlossen. Es wurde hochgelobt und zugleich kritisch beleuchtet. Die Sozialgeschichte der deutschen Literatur zählte ihn 1981 zu den „großen produktiven Außenseitern des Jahrhunderts“. Der Schriftsteller Werner Helwig setzte ihm mit den romanhaften Erinnerungen Die Parabel vom gestörten Kristall ein Denkmal. Sein Nachlass mit bislang unveröffentlichten Briefen wird in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek bewahrt.

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