1928 – 2012
Carlos Fuentes
Kurzbiografie↑
Der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes wurde 1928 in Panama-Stadt geboren und starb 2012 in Mexiko-Stadt. Als Sohn eines Diplomaten wuchs er in mehreren Ländern Amerikas auf und war zunächst selbst im diplomatischen Dienst tätig, bevor er sich ab 1959 ganz dem Schreiben widmete. In Romanen, Erzählungen und Essays beschäftigte er sich mit dem Alltag und der Geschichte Mexikos und Lateinamerikas, besonders mit den Unabhängigkeitsbewegungen und Revolutionen des Kontinents. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen der Roman Landschaft in klarem Licht, die Novelle Aura und der weitgespannte Roman Terra Nostra. Er erhielt unter anderem den Premio Rómulo Gallegos und den Premio Cervantes.
Biografie↑
Geboren wurde Carlos Fuentes Macías am 11. November 1928 in Panama-Stadt. Sein Vater war mexikanischer Diplomat und in den 1930er Jahren unter anderem Botschafter in Washington. Der Sohn lernte deshalb schon als Heranwachsender zahlreiche Länder Mittel- und Südamerikas kennen, dazu die Vereinigten Staaten mit ihrer Kultur und Literatur. Er erhielt eine sehr privilegierte Schulbildung.
Bei seinen ersten literarischen Versuchen stand Fuentes vor allem unter dem Einfluss von Pablo Neruda. Mit sechzehn Jahren ging er dauerhaft nach Mexiko und schloss seine höhere Schulausbildung in Mexiko-Stadt ab. In dieser Zeit arbeitete er an der Zeitschrift Hoy mit. Vom Colegio Francés Morelos erhielt er einen ersten Literaturpreis. Anschließend studierte er Wirtschaftswissenschaften in Genf und Jura an der Nationalen Autonomen Universität in Mexiko-Stadt.
Nach dem Studium trat Fuentes zunächst in die Fußstapfen des Vaters und arbeitete als Diplomat in Chile und Argentinien. Ab 1959 lebte er ausschließlich als Schriftsteller und Drehbuchautor. Sein erster Erzählungsband Verhüllte Tage war bereits 1954 erschienen und wurde in Mexiko ein großer Erfolg. Ebenso erging es 1958 seinem ersten Roman Landschaft in klarem Licht, der ein umfassendes Bild des modernen Mexiko-Stadt zeichnete und die Entwicklung der nachrevolutionären Generation nachzeichnete. Bald leitete Fuentes auch Zeitschriften, darunter die Revista Mexicana de Literatura und El Espectador.
In den 1960er Jahren lebte er in Paris, Venedig, London und Mexiko-Stadt. 1962 erschien La muerte de Artemio Cruz, deutsch als Nichts als das Leben: darin kritisierte er den mexikanischen Nationalismus und die aus seiner Sicht geringe Reife Mexikos zur Demokratie. Im selben Jahr kam die Novelle Aura heraus, die später auch verfilmt wurde. 1975 folgte der umfangreiche Roman Terra Nostra, in dem er in kunstvoller Montage das Mexiko der Gegenwart mit der Kolonisationsgeschichte des Landes verwebt. Für dieses Buch erhielt er 1977 den Premio Rómulo Gallegos.
In den 1970er Jahren arbeitete Fuentes am Woodrow Wilson International Center for Scholars in Washington. Von 1975 bis 1977 vertrat er sein Land als Botschafter in Frankreich. Diesen Posten gab er wieder auf, als der frühere Präsident Gustavo Díaz Ordaz zum Botschafter Mexikos in Spanien ernannt wurde.
Politisch verstand sich Fuentes im Allgemeinen als links. Die kubanische Revolution begrüßte er anfangs, und in seinen Werken vertrat er oft die Sache des „kleinen Mannes“ und der Gewerkschaften. Später nahm er konservativere Positionen ein und entwickelte eine differenzierte Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten. Unversöhnlich blieb er gegenüber George W. Bush, mit dem er in der 2004 erschienenen Aufsatzsammlung Contra Bush abrechnete. Zum Verhältnis von Politik und Literatur äußerte er sich schon 1979 in Mein Freund Kundera.
Das erzählerische Werk wuchs beständig weiter. 1985 erschien Der alte Gringo, ein Roman über den Autor Ambrose Bierce; er wurde 1989 unter dem Titel Old Gringo verfilmt. Christoph, Ungeborn von 1987 beschrieb das Mexiko der 1980er und 1990er Jahre. Später kamen unter anderem Diana oder Die einsame Jägerin, Die Jahre mit Laura Diaz und Das gläserne Siegel hinzu. Daneben schrieb Fuentes Essays und Sachbücher wie Der vergrabene Spiegel über die Geschichte der hispanischen Welt sowie mehrere Theaterstücke. Auch fürs Kino arbeitete er, etwa als Drehbuchautor von Zeit zu sterben nach Gabriel García Márquez.
Ab 1990 lebte Fuentes in Europa, vor allem in London, zeitweise auch in den USA, wo er einen Lehrauftrag an der Harvard University erhielt. Ehrungen begleiteten sein Spätwerk: 1985 wurde er in die American Academy of Arts and Letters gewählt, 1986 in die American Academy of Arts and Sciences, 1987 erhielt er den Premio Cervantes. 1999 folgte die Medalla Belisario Domínguez des mexikanischen Senats, 2004 die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin und 2006 der Four Freedoms Award in der Kategorie Meinungsfreiheit.
Privat war Fuentes von 1959 bis 1969 mit der Schauspielerin Rita Macedo verheiratet, ab 1973 bis zu seinem Tod mit der Journalistin Silvia Lemus. Er hatte drei Kinder. Sein Sohn Carlos Fuentes Lemus starb 1999 an den Folgen einer Bluterkrankheit; ihm ist der Roman Das gläserne Siegel gewidmet. Carlos Fuentes starb am 15. Mai 2012 in Mexiko-Stadt und wurde auf dem Cimetière Montparnasse in Paris beigesetzt, wo auch seine Kinder beerdigt sind.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Fuentes ist der weite historische Blick. Er verfolgte die Identität Zentralamerikas bis in die vorkolumbianische Zeit zurück und ebenso bis zu den römischen Wurzeln der hispanischen Zivilisation. Geschichte ist bei ihm kein Hintergrund, sondern Gegenstand des Erzählens selbst.
Mit wechselnden erzählerischen Mitteln stellte er die inneren Konflikte und die Zerrissenheit junger mexikanischer Intellektueller dar. Besonderes Augenmerk galt der Emanzipation der Frau. In späteren Romanen widmete er sich dem Verhältnis zwischen Europa und Amerika und nahm auch zum Nord-Süd-Konflikt Stellung.
Wie kunstvoll er bauen konnte, zeigt Terra Nostra: dort verschränkt eine sorgfältig gefügte Montage das Mexiko der Gegenwart mit der Kolonialgeschichte des Landes. Sein Werk umfasst neben Romanen auch Novellen, Erzählungen, Essays, Theaterstücke und Drehbücher. Die stilistische Vielfalt seines Spätwerks führte allerdings dazu, dass gelegentlich der rote Faden verloren ging.
Rezeption↑
Bereits sein erster Erzählungsband Verhüllte Tage von 1954 wurde in Mexiko ein Bestseller, und der Erfolg setzte sich mit dem Romandebüt Landschaft in klarem Licht fort. Fuentes gilt als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Vertreter der mexikanischen Gegenwartsliteratur. Stilistisch wirkte er prägend auf jüngere Autoren Mexikos.
Die Anerkennung reichte weit über Lateinamerika hinaus. Der Premio Rómulo Gallegos 1977 und der Premio Cervantes 1987 bestätigten seinen Rang im spanischsprachigen Raum, die Wahl in die American Academy of Arts and Letters und in die American Academy of Arts and Sciences seine Geltung in den USA. In Deutschland ehrte ihn 2004 die Freie Universität Berlin mit der Ehrendoktorwürde; 2005 hielt er die Eröffnungsrede zum internationalen Literaturfestival in Berlin.
Fast sein gesamtes erzählerisches Werk liegt auf Deutsch vor, vielfach übersetzt von Maria Bamberg und später von Ulrich Kunzmann, Sabine Giersberg und anderen. Auch die Literaturwissenschaft hat sich seiner ausführlich angenommen, mit Studien zu seiner Erzähltechnik, zum Phantastischen in seinen Texten und zu seiner Auseinandersetzung mit Europa. Gesine Müller ordnete ihn in einer Untersuchung gemeinsam mit García Márquez, Vargas Llosa und Donoso den Autoren des lateinamerikanischen „Boom“ zu. Über die Literatur hinaus wirkte er als öffentliche Stimme: Sein Roman Der alte Gringo wurde 1989 verfilmt, und seine Dokumentationsreihe Der vergrabene Spiegel über die spanische Zivilisation erreichte ein Fernsehpublikum.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (48 weitere Titel)