1885 – 1948
Egon Erwin Kisch
Kurzporträt↑
Als „rasender Reporter“ ist Egon Erwin Kisch in die Geschichte des Journalismus eingegangen. Geboren 1885 in Prag, gestorben 1948 ebenda, gilt er als einer der bedeutendsten Reporter überhaupt und als wichtiger Vertreter der Prager deutschen Literatur. Er begann als österreichischer, später tschechoslowakischer Schriftsteller und Journalist. Sein Beiname stammt vom Titel eines seiner Reportagebände. Zeit seines Lebens verband Kisch die literarische Reportage mit einem entschiedenen politischen Bekenntnis zum Kommunismus.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Kisch in einer deutschsprachigen jüdischen Familie in Prag. Er war der zweite von fünf Söhnen des Tuchhändlers Hermann Kisch und seiner Frau Ernestine, geborene Kuh. Die Familie wohnte im Renaissancehaus „Zu den zwei goldenen Bären“ in der Melantrichgasse, in dessen Erdgeschoss sich die Tuchhandlung befand. Der Vater war ein literaturbegeisterter Mann und Mitglied der „Concordia“, des Vereins deutscher Schriftsteller und Künstler in Böhmen. So kam der Sohn früh mit bekannten Journalisten und Schriftstellern in Kontakt. Eigentlich hieß er nur Egon Kisch; den zweiten Vornamen Erwin nahm er erst später als literarisches Pseudonym an.
Seine ersten Schuljahre verbrachte Kisch in privaten Schulen in katholischen Klöstern, ab 1895 besuchte er die Realschule. Der Vater starb 1901. Mit finanzieller Unterstützung der Mutter machte Kisch 1903 seine erste weite Reise durch Österreich und Bayern. Im selben Jahr begann er ein Studium an der Technischen Hochschule in Prag, wechselte aber nach einem Semester an die deutschsprachige Karl-Ferdinands-Universität. Später brach er das Studium ab. 1904 leistete er seinen Militärdienst bei der k.u.k. Armee als Einjährig-Freiwilliger. Wegen seiner aufsässigen Haltung geriet er häufig mit seinen Vorgesetzten in Konflikt und verbrachte einen großen Teil des Jahres im Arrest, wo er erstmals mit linksorientierten Gegnern des Systems in Kontakt kam.
Seine ersten literarischen Versuche stammen aus der Schulzeit. Um die Jahreswende 1899/1900 veröffentlichte er ein Gedicht in einer Prager Zeitung, das er mit Erwin Kisch unterschrieb. Sein Buchdebüt war der Gedichtband Vom Blütenzweig der Jugend, der 1905 in Dresden erschien. 1906 folgte in Berlin der Erzählband Der freche Franz und andere Geschichten. Nach kurzem Studium an einer privaten Journalistenhochschule in Berlin kehrte er nach Prag zurück. Zunächst arbeitete er kurz als Volontär beim Prager Tagblatt, dann ab April 1906 als Lokalreporter bei der renommierten Prager Tageszeitung Bohemia. Hier begann seine eigentliche Karriere als Reporter. Bei der Bohemia arbeitete er sieben Jahre lang, von 1906 bis 1913, und führte in den Jahren 1910–1911 eine Rubrik unter dem Titel Prager Streifzüge. Durch seinen Beruf hatte er oft mit der Prager Halb- und Unterwelt zu tun. Diese Erfahrungen verarbeitete er später in Reportagebänden wie Aus Prager Gassen und Nächten und Abenteuer in Prag sowie in seinem einzigen Roman Der Mädchenhirt von 1914, der vom Milieu der Prager Dirnen und Zuhälter erzählt.
In dieser Zeit lernte er das literarische Milieu Prags kennen, das deutsche wie das tschechische. Zu den Schriftstellern, denen er begegnete, zählten Paul Leppin, Rainer Maria Rilke, Max Brod, Franz Kafka und Jaroslav Hašek. Mit Hašek verband ihn eine langjährige Freundschaft. Während seiner Zeit bei der Bohemia unternahm Kisch mehrere Auslandsreisen. 1911 interviewte er den amerikanischen Erfinder Thomas Alva Edison bei dessen Besuch in Prag. Eine seiner größten Leistungen als Reporter war die Aufdeckung der Affäre um den Obersten Alfred Redl, der als russischer Spion enttarnt wurde und am 25. Mai 1913 Selbstmord beging. Der Generalstab wollte den Fall vertuschen, doch Kischs Veröffentlichung machte ihn öffentlich. Seine Recherchen beschrieb er später im Buch Der Fall des Generalstabschefs Redl, das 1924 erschien.
Im Juni 1913 zog Kisch nach Berlin, wo er beim Berliner Tageblatt arbeitete und kurz als Dramaturg am Berliner Deutschen Künstlertheater tätig war. Bei Kriegsausbruch wurde er zur österreichischen Armee eingezogen. Als Korporal nahm er 1914 am Feldzug gegen Serbien teil und wurde im März 1915 an der russischen Front schwer verwundet. Sein Kriegstagebuch erschien 1922 unter dem Titel Soldat im Prager Korps und ist heute unter dem 1929 geänderten Titel Schreib das auf, Kisch! bekannt. Ab 1916 arbeitete er als Zensor in Ungarn. Im Verlauf des Krieges entwickelte er sich zum Antimilitaristen und Revolutionär. 1917 wurde er ins Kriegspressequartier in Wien abkommandiert. Dort verstärkte sich seine Hinwendung zum Kommunismus. 1918 beteiligte er sich an den Januarstreiks, wurde Mitglied illegaler Soldatenräte und im November Führer der Roten Garde in Wien.
Nach dem Eintritt in die neugegründete KPÖ, aus der er 1925 in die KPD übertrat, und der Ausweisung aus Wien kehrte Kisch zunächst nach Prag zurück. 1921 siedelte er erneut nach Berlin über. Als weiterhin tschechischer Staatsbürger lebte er dort bis 1933 als freier Schriftsteller und entfaltete eine reiche publizistische Tätigkeit. In den Jahren der Weimarer Republik unternahm er ausgedehnte Reisen: durch Mitteleuropa und Nordafrika, in die Sowjetunion sowie, jeweils mit gefälschten Pässen, in die USA und nach China. Aus diesen Reisen gingen Reportagebände hervor, darunter Der rasende Reporter von 1925, Zaren, Popen, Bolschewiken, Paradies Amerika und China geheim. Zugleich engagierte er sich in zahlreichen linken Organisationen. 1929 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller.
Einen Tag nach dem Reichstagsbrand 1933 wurde Kisch verhaftet und später nach Prag abgeschoben. Von dort emigrierte er nach Paris. 1934/35 reiste er unter abenteuerlichen Umständen illegal nach Australien, um an einem Antifaschistenkongress teilzunehmen; darüber schrieb er das Buch Landung in Australien. 1937/38 wirkte er im spanischen Bürgerkrieg. Bei Kriegsbeginn floh er über Südfrankreich und die USA nach Mexiko. Dort war das kulturelle Leben der deutschen Emigration rege. 1941 wurde er zum Vizepräsidenten des Heinrich-Heine-Klubs gewählt, dessen Präsidentin Anna Seghers war. In Mexiko erschienen sein autobiografisches Buch Marktplatz der Sensationen und 1945 sein letztes Buch, der Reportageband Entdeckungen in Mexiko. Im Exil wurde Kisch, wie es im Material heißt, zu einem „verblendeten Stalinist“. Er schwieg über seine von Stalin ermordeten Genossen.
Kisch verließ Mexiko-Stadt im Februar 1946 und kehrte im März nach Prag zurück. Während des Krieges waren zwei seiner Brüder umgekommen: Arnold 1942 im Ghetto Litzmannstadt, Paul 1944 im Konzentrationslager Auschwitz. Ein dritter Bruder, Wolfgang, war bereits 1914 im Ersten Weltkrieg gefallen. In der Tschechoslowakei engagierte sich Kisch weiter politisch und befürwortete die neue kommunistische Ordnung, obwohl sie für seine deutschsprachigen Freunde die Vertreibung bedeutete. Seine Gesundheit verschlechterte sich rasch. Im November 1947 erlitt er einen ersten Schlaganfall, im März 1948 folgte ein zweiter. Egon Erwin Kisch starb am 31. März 1948 in einer Prager Klinik, betreut von seiner Frau Gisela. Er ist auf dem Friedhof Vinohrady in Prag begraben. Er blieb kinderlos.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für Kisch ist die enge Verbindung von Journalismus und Literatur. Seine ersten Reportagen veröffentlichte er in der Feuilletonserie Prager Streifzüge, in der er aus dem Milieu der Armenviertel und der Bohème schrieb. Die Elendsquartiere und Randgruppen der niedergehenden Habsburgermonarchie standen auch im Mittelpunkt seiner ersten belletristischen Arbeiten, etwa im Roman Der Mädchenhirt von 1914.
In den Jahren der Weimarer Republik entwickelte Kisch die Gattung der Reportage thematisch und formal kontinuierlich weiter. Der soziale Gehalt seiner Texte verlagerte sich: Aus der Schilderung lumpenproletarischen Elends wurde die Darstellung des kapitalistischen Produktionsprozesses, der Ausbeutungsverhältnisse und der entfremdeten Arbeit. An die Stelle der sensationellen oder kuriosen Lokalbegebenheit trat mehr und mehr das Detail, das für ökonomische und politische Zusammenhänge bezeichnend war. Zugleich wandelte sich sein Verständnis der Reportage. Hatte er sie um 1920 noch als neutrale Tatsachenberichterstattung verstanden, so bekannte er sich später zum Prinzip der Parteilichkeit und zum operativen Charakter der Reportage.
Auch die Form seiner Bücher veränderte sich damit. Aus bloßen Sammlungen einzelner Reportagen wurden zyklisch geordnete, kompositorisch geschlossene Einheiten. In den Bänden über die Sowjetunion und die USA wollte Kisch eine gesellschaftliche Totalität erkennbar machen. 1935 formulierte er auf dem Pariser Kongress zur Verteidigung der Kultur seine Auffassung von der „Reportage als Kunstform und Kampfform“. Seine Milieuschilderungen galten als ebenso informativ wie unterhaltsam.
Rezeption↑
Häufig wird Kisch als Schöpfer der literarischen Reportage bezeichnet. Erfunden hat er sie allerdings nicht, wie er selbst betonte. Er verwies auf Anleihen bei Autoren des 19. Jahrhunderts, etwa bei Jack London oder bei seinem journalistischen Vorbild aus Jugendjahren, Émile Zola. Sein Verdienst liegt vielmehr darin, der Reportage durch seine Milieuschilderungen erste und dauerhafte Anerkennung im Literaturbetrieb verschafft zu haben. Zuvor galt sie als rein journalistische Textsorte.
Schon seit den 1920er-Jahren wurde jedoch immer wieder darauf hingewiesen, dass Kisch Fakten nicht streng objektiv darstellte oder – am Ende des Ersten Weltkriegs und in den Exiljahren – offen als politischer Propagandist auftrat. Zu seiner journalistischen Objektivität äußerte sich bereits 1925 Kurt Tucholsky. Kischs lebenslange Bindung an die kommunistische Bewegung hatte schon zu Lebzeiten wesentlichen Einfluss auf die Gestaltung wie auf die Aufnahme seiner Werke.
Als exponierter Antifaschist wurde Kisch im nationalsozialistischen Deutschland aus dem kollektiven Bewusstsein gelöscht. Seine Bücher wurden 1933 verbrannt, wie die vieler deutschsprachiger Exilautoren. Weil er auch in den Jahren der stalinistischen Herrschaft zu den linientreuen Kommunisten zählte, war die Rezeption seiner Werke nach seinem Tod 1948 zusätzlich erschwert. Westlich des Eisernen Vorhangs blieb der „rasende Reporter“ während des Kalten Krieges jahrzehntelang vergessen. In der DDR dagegen zählte er als sozialistischer Autor zum Kanon. Seine Werke wurden laufend neu aufgelegt, in einer Gesamtausgabe zusammengefasst und standen jahrzehntelang auf den Bestsellerlisten.
Ausgehend von der Wiederentdeckung der Exilautoren in der Bundesrepublik und in Österreich entstand spätestens seit den 1990er Jahren ein differenzierteres Bild. Es zeigt Kisch als sozial engagierten Kosmopoliten, geprägt von der kulturellen Vielfalt und den Widersprüchen der Habsburgermonarchie und traumatisiert von den Schrecken des Ersten Weltkriegs. Er selbst verstand sich spätestens ab den 1930er Jahren als „Weltbürger“.
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