1867 – 1916
Rubén Darío
Kurzbiografie↑
Als nicaraguanischer Dichter, Journalist und Diplomat zählt Rubén Darío zu den prägenden Gestalten der spanischsprachigen Literatur um die Wende zum 20. Jahrhundert. Er wurde am 18. Januar 1867 im nicaraguanischen Metapa geboren. Der Ort wurde ihm zu Ehren später in Ciudad Darío umbenannt. Eigentlich trug er den Namen Félix Rubén García y Sarmiento. Mit seinem 1888 erschienenen Buch Azul begründete er den lateinamerikanischen Modernismo. Diese literarische Strömung erschloss der spanischen Versdichtung neue Klänge und Themen. Er gilt als einer der ersten mittelamerikanischen Schriftsteller, die ihrem Volk eine international hörbare Stimme gaben. Darío starb am 6. Februar 1916 in León.
Biografie↑
Rubén Darío wurde als erstes Kind von Manuel García und Rosa Sarmiento geboren. Die beiden hatten am 26. April 1866 in León geheiratet. Als Cousin und Cousine brauchten sie für ihre Ehe eine päpstliche Dispens. Die Verbindung war schon vor seiner Geburt zerrüttet, weil der Vater dem Alkohol und den Prostituierten zu sehr zugesprochen hatte. Die schwangere Rosa ging nach Metapa und brachte dort ihren Sohn zur Welt. Als sie mit einem Geliebten nach Honduras zog, ließ sie das Kind bei ihrer Tante Bernarda Sarmiento und deren Mann zurück, dem Coronel Félix Ramírez Madregil. So wuchs Rubén bei Großtante und Großonkel auf. Er entstammte einer kreolischen Mittelstandsfamilie. Seinen Künstlernamen nahm er zu Ehren von Vorfahren an, die Los Daríos genannt wurden.
Er besuchte verschiedene Schulen in León, darunter 1879/80 ein Jesuitengymnasium. Nach eigenen Angaben lernte er schon mit drei Jahren lesen. Früh galt er als dichterisches Wunderkind, als poeta niño. Ein 1879 geschriebenes Sonett ist erhalten. Mit 13 Jahren erschien seine Elegie Una lágrima in der Zeitung El Termómetro. Geprägt wurde er in dieser Zeit vor allem von spanischen Dichtern wie José Zorrilla y Moral, Ramón de Campoamor, Gaspar Núñez de Arce und Ventura de la Vega, später auch von Victor Hugo und Juan Montalvo.
In den 1880er Jahren verließ Darío Nicaragua. 1882 ging er nach El Salvador. Dort führte Francisco Gavidia ihn in die französische Sprache und Literatur ein und regte ihn an, den Alexandriner an die spanische Metrik anzupassen. Trotz der Protektion durch Präsident Rafael Zaldívar litt er unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Nach einer Pockenerkrankung kehrte er 1883 noch genesend nach Nicaragua zurück. Sein erstes Buch Epístolas y poemas wurde 1885 gedruckt, aber erst drei Jahre später ausgeliefert. 1886 zog er nach Chile. Dort arbeitete er als freier Mitarbeiter bei Zeitungen wie La Época, El Heraldo und La Nación und fand in Pedro Balmaceda Toro, dem Sohn des Präsidenten, einen Freund. 1887 erschien der Gedichtband Abrojos, ein Jahr später Azul.
1889 kehrte er nach Mittelamerika zurück. Am 21. Juni 1890 heiratete er in San Salvador Rafaela Contreras. Einen Tag später kam es zu einem Staatsstreich, vor dem Darío nach Guatemala floh. 1890 erschien eine zweite, erweiterte Auflage von Azul mit zwei Briefen des spanischen Schriftstellers Juan Valera als Vorwort. Das Paar zog nach Costa Rica. Dort kam am 12. November 1891 der erste Sohn zur Welt, Rubén Darío Contreras. Zum 400. Jahrestag der Entdeckung Amerikas gehörte Darío einer offiziellen Delegation an, die Nicaragua bei den Feierlichkeiten in Spanien vertrat. Auf der Überfahrt lernte er in Havanna den Dichter Julián del Casal kennen. In Spanien verkehrte er mit Intellektuellen wie Emilia Pardo Bazán und Marcelino Menéndez Pelayo.
Bald nach der Rückkehr erkrankte seine Frau schwer und starb am 23. Januar 1893. Darío vermählte sich kurz darauf mit Rosario Murillo. Im selben Jahr wurde er zum Honorarkonsul Kolumbiens in Buenos Aires ernannt. Auf dem Weg dorthin lernte er in New York José Martí kennen. In Paris hatte er ein eher enttäuschendes Zusammentreffen mit dem von ihm verehrten Paul Verlaine. Am 13. August 1893 erreichte er Buenos Aires. Der in Nicaragua geborene Sohn Darío Darío starb wenige Wochen nach der Geburt an Tetanus. In Buenos Aires arbeitete Darío als Korrespondent für Zeitungen wie La Prensa, La Tribuna und El Tiempo. 1895 starb seine Mutter, was ihn schwer traf. 1896 erschienen dort zwei seiner wichtigsten Bücher: Los raros, eine Sammlung von Artikeln über verschiedene Schriftsteller, und Prosas profanas y otros poemas.
Nach der Niederlage Spaniens im Spanisch-Amerikanischen Krieg sandte ihn die Zeitung La Nación 1898 als Korrespondenten nach Spanien. Am 22. Dezember traf er in Barcelona ein. Seine Chroniken erschienen 1901 als Buch unter dem Titel España Contemporánea. Er förderte junge Dichter wie Juan Ramón Jiménez, Ramón María del Valle-Inclán und Jacinto Benavente. 1899 lernte er Francisca Sánchez del Pozo kennen, eine analphabetische Bäuerin. Sie wurde seine Lebensgefährtin der letzten Jahre. Von 1900 bis 1908 lebten sie in Paris. Mehrere ihrer Kinder starben früh. 1905 erschien in Spanien sein Hauptwerk Cantos de vida y esperanza. 1906 nahm Darío an der dritten panamerikanischen Konferenz in Rio de Janeiro teil.
Sein hoher Alkoholkonsum führte zu schwerer Krankheit. Von 1908 bis 1910 war er als nicaraguanischer Botschafter in Madrid tätig. Dieses Amt beendete er aber wegen seiner Erkrankung. 1910 reiste er nach Mexiko. Dort weigerte sich Präsident Porfirio Díaz, ihn zu empfangen, während das einfache Volk ihn umjubelte. Auf der Weiterreise unternahm Darío in Havanna einen Selbstmordversuch. 1912 bereiste er Lateinamerika und verfasste seine Autobiografie La vida de Rubén Darío escrita por él mismo sowie eine Historia de mis libros. 1913 begann er auf Mallorca die autobiografisch gefärbte Erzählung El oro de Mallorca. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs reiste er nach Amerika, um sich für den Pazifismus einzusetzen. 1914 kehrte er nach Nicaragua zurück. Dort starb Rubén Darío am 6. Februar 1916 in León an den Folgen einer Leberzirrhose. Diese war durch jahrzehntelangen Alkoholkonsum entstanden.
Literarische Merkmale↑
Rubén Darío gilt als Begründer des Modernismo in Lateinamerika. Geprägt wurde sein Werk durch die symbolistischen und parnassischen Dichter Paul Verlaine und Jean Moréas, aber auch durch Victor Hugo. Seinerseits übte er prägenden Einfluss auf die spanische Generation von 98 aus, darunter Juan Ramón Jiménez, Antonio Machado und Valle-Inclán. Er war einer der ersten mittelamerikanischen Schriftsteller, die ihrem Volk eine international hörbare Stimme gaben.
Schon sein Erstlingswerk Azul sicherte ihm die Anerkennung der zeitgenössischen Kritik. Die Gedicht- und Prosasammlung zeichnet sich durch subtile Sinnes- und Klangreize sowie durch ungewohnte Themen und Motive aus. Die Sprache entwickelt sie weit über den Alltagsgebrauch hinaus. Darío experimentierte mit Vokalen und Konsonanten, mit Metrik und Rhythmus. Häufig arbeitete er mit Alliterationen und Wiederholungen und erzeugte so eine große Intensität und Sensibilität. Die Farbe azul, das Blau, ist dabei das Leitmotiv, das ins Unendliche führt.
Zu Lebzeiten fand er besonders in Paris und Europa nicht die gewünschte Beachtung. Weltruhm erlangte er erst nach seinem Tod durch die Gedichtbände Prosas profanas und Cantos de vida y esperanza. Im Vorwort der Prosas profanas entwarf er die Programmatik des lateinamerikanischen Modernismo. Dieser löste sich damit vom europäischen Symbolismus und den Parnassiens. Klang und Rhythmus gestaltete er völlig neu und experimentierte mit Konsonanzen und Dissonanzen. Die traditionellen Vers- und Strophenformen wandelte er zu virtuosen, teils frivolen Klangerlebnissen.
Sein wohl reifstes Werk, Cantos de vida y esperanza, zählt zu den repräsentativsten Schöpfungen des Modernismo. Hier wird Darío sich des spanisch geprägten Amerika immer bewusster und bekennt sich zum kulturellen Erbe Spaniens. Er entwickelte eine Grundhaltung des L'art pour l'art als Gegenstück zum utilitaristischen Denken und zum US-amerikanischen Materialismus. In seinem Gedicht A Roosevelt spricht er den US-Präsidenten Theodore Roosevelt direkt an und warnt vor künftigen Invasionen des spanischsprachigen Amerika. Die Sprache orientiert sich dabei an Walt Whitman ebenso wie an der Bibel. Seine journalistische Arbeit übte er seit seinem 18. Lebensjahr aus. Sie fand weit weniger Aufmerksamkeit als seine Dichtung, ermöglichte ihm aber seinen aufwändigen Lebensstil. In Peregrinaciones sind solche Zeitungsartikel gesammelt. In der Essay-Sammlung Los raros begründete er den Modernismo auch literaturtheoretisch und setzte sich mit dem Vorwurf der Dekadenz auseinander.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten erfuhr Rubén Darío vor allem in Paris und Europa nicht die Beachtung, die er sich gewünscht hatte. Sein Buch Azul sicherte ihm zwar früh die Anerkennung der zeitgenössischen Kritik. Der eigentliche Weltruhm stellte sich aber erst nach seinem Tod ein, getragen von den Gedichtbänden Prosas profanas und Cantos de vida y esperanza. Die Prosas profanas gelten bis heute als sein populärstes Buch in der spanischsprachigen Welt.
Für eine Reihe jüngerer spanischer Dichter war er ein großes Vorbild, darunter Juan Ramón Jiménez, Ramón María del Valle-Inclán und Jacinto Benavente. Sein Einfluss reichte über die Versdichtung hinaus, denn er verschaffte der Literatur Mittelamerikas eine international wahrnehmbare Stimme. Als sichtbares Zeichen seines Nachlebens trägt seine Geburtsstadt heute den Namen Ciudad Darío. 1999 wurde ein Asteroid nach ihm benannt.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (4 weitere Titel)