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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Paul Celan
Paul Celan
1920 – 1970
– Autorenporträt –

Paul Celan

1920 – 1970 · 49 Jahre

Überlebender des Holocaust, der nach 1945 bewusst auf Deutsch weiterschrieb – Lyriker der „Todesfuge" und einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts.

Kurzporträt

Zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern des 20. Jahrhunderts zählt Paul Celan. Er wurde 1920 in Czernowitz als Paul Antschel geboren und starb 1970 in Paris. Celan überlebte den Holocaust, in dem seine Eltern in einem Zwangsarbeiterlager umkamen. Nach 1945 entschied er sich, weiter in deutscher Sprache zu schreiben. Sein Werk ist von der Erfahrung der Shoah geprägt. Es kreist um die Frage, ob Sprache das Erlebte bewahren und bezeugen kann – am bekanntesten in dem Gedicht Todesfuge. Seine Dichtung entwickelte sich von noch traditionellen Formen hin zu einer immer knapperen, verschlüsselten Sprache. Daneben war Celan ein gefragter Übersetzer fremdsprachiger Lyrik ins Deutsche.


Biografie

Celan wurde am 23. November 1920 in der Hauptstadt der Bukowina geboren. Diese gehörte damals zum Königreich Rumänien. Den Namen seines Geburtsorts geben die Quellen unterschiedlich an: Wikidata nennt ihn „Czernowitz", die Deutsche Biographie führt die rumänische Form „Cernăuţi". Gemeint ist dieselbe Stadt, das heutige Tscherniwzi in der Ukraine. Er war das einzige Kind von Leo Antschel-Teitler und dessen Frau Friederike, genannt „Fritzi", geborene Schrager. Die Familie war deutschsprachig und jüdisch. Sie bewohnte eine kleine Wohnung in der Wassilkogasse. Celan besuchte zunächst eine deutsche, dann eine hebräische Grundschule, danach rumänischsprachige Gymnasien. Am letzten legte er 1938 das Abitur ab. Im selben Jahr begann er ein Medizinstudium im französischen Tours. Nach einem Jahr kehrte er zurück, um in Czernowitz Romanistik zu studieren.

Mitte 1940 besetzte die Sowjetunion die nördliche Bukowina. Celan konnte sein Studium fortsetzen. Als im Juni 1941 rumänische und deutsche Truppen die Stadt einnahmen, wurden die Juden in ein Ghetto gezwungen. Celans Eltern wurden im Juni 1942 deportiert, zunächst in einen Steinbruch, dann in ein Zwangsarbeiterlager. Der Vater starb dort wenige Monate später an Typhus, die Mutter wurde erschossen. Der Tod der Eltern hinterließ tiefe Spuren. Celan litt für den Rest seines Lebens unter dem Gefühl, sie im Stich gelassen zu haben. In seinen Gedichten finden sich zahlreiche Verweise auf dieses Trauma der Überlebensschuld. Er selbst entging der Deportation, indem er sich im Juli 1942 zum Arbeitsdienst meldete. Bis Februar 1944 leistete er in einem Lager Zwangsarbeit im Straßenbau. Nach der Einnahme von Czernowitz durch die Rote Armee kehrte er Ende 1944 zurück. Er nahm sein Studium nun in Anglistik wieder auf und arbeitete als Helfer in einer psychiatrischen Klinik. Im April 1945 übersiedelte er nach Bukarest. Dort war er als Übersetzer und Lektor des Verlags Cartea rusă tätig.

Vor der stalinistischen Umgestaltung Rumäniens floh Celan im Dezember 1947 über Ungarn nach Wien. Dort erschien sein erster Gedichtband Der Sand aus den Urnen. Wegen zahlreicher Satzfehler ließ er die Auflage jedoch einstampfen. Von nun an verwendete er das Pseudonym Celan, ein Anagramm der rumänisierten Namensform Ancel. Im Juli 1948 zog er nach Paris weiter. Dort lernte er den surrealistischen Maler Edgar Jené kennen. Dieser regte ihn zu dem Prosatext Edgar Jené und der Traum vom Traume an. Bald jedoch wandte sich Celan vom Surrealismus ab. Er immatrikulierte sich an der Sorbonne und erwarb dort einen Abschluss in Deutscher Philologie. Im Mai 1948 begegnete er in Wien Ingeborg Bachmann. Es begann eine schwierige, immer wieder unterbrochene Liebesbeziehung. Sie ist durch Tagebücher und den postum unter dem Titel Herzzeit veröffentlichten Briefwechsel bezeugt.

Im November 1951 lernte Celan in Paris die Künstlerin Gisèle Lestrange kennen. Er heiratete sie am 23. Dezember 1952 und arbeitete zeitweise künstlerisch mit ihr zusammen. 1952 erschien bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart der Band Mohn und Gedächtnis mit der vielbeachteten Todesfuge. Diese hat den Mord an den europäischen Juden zum Thema. 1955 erhielt Celan die französische Staatsbürgerschaft. Im selben Jahr wurde sein Sohn Eric geboren. Ab September 1959 lehrte er als Lektor für deutsche Sprache an der École Normale Supérieure.

Ab 1960 verschärften sich die Krisen. Claire Goll, die Witwe des Dichters Yvan Goll, erhob unbegründete Plagiatsvorwürfe gegen Celan. Die sich anschließende „Goll-Affäre" wurde in den westdeutschen Feuilletons lebhaft und teils mit antisemitischen Untertönen diskutiert. Die Verletzungen verfolgten Celan bis an sein Lebensende. Er wurde mehrmals in psychiatrische Kliniken eingewiesen, einmal, nachdem er im Wahn seine Frau hatte töten wollen. 1967 entschieden beide, getrennt zu wohnen, blieben aber in Verbindung. Im selben Jahr begegnete Celan in Freiburg dem Philosophen Martin Heidegger. Er besuchte dessen Hütte in Todtnauberg und hielt dies im Gedicht Todtnauberg fest. Vom 30. September bis 17. Oktober 1969 unternahm er seine einzige Reise nach Israel. Die Umstände und das Datum seines Todes sind nicht geklärt. Sein Leichnam wurde am 1. Mai 1970 aus der Seine geborgen. Vermutlich hatte er sich am 20. April 1970 in den Fluss gestürzt. Beigesetzt wurde er am 12. Mai 1970 auf dem Cimetière parisien de Thiais.


Literarische Merkmale

Schon als Schüler verfasste Celan Gedichte in traditionellen Formen, die an Rainer Maria Rilke geschult waren. Der Aufenthalt in Frankreich und das Romanistikstudium brachten ihn mit der französischen Moderne in Berührung. Die sowjetische Besatzung der Bukowina brachte ihn mit der russischen in Berührung. Erst Gedichte wie die Todesfuge, entstanden 1944/45, zeigen die Wahrnehmung der aktuellen Wirklichkeit und eine stilistische Neuorientierung. Im Umfeld des Nachkriegssurrealismus in Bukarest und Wien entwickelte er seine Sprache weiter. Als surrealistisch sind seine Gedichte aber nicht einzuordnen.

Über die Jahrzehnte veränderte sich Celans Gedichtsprache erheblich. In Von Schwelle zu Schwelle behandelte er offen politische Themen. In Sprachgitter zeigte sich eine Tendenz zur Verknappung. In Die Niemandsrose wandte er sich jüdischen und russischen Stoffen zu. Seit Atemwende prägten zwei Züge seine Gedichte: das Einarbeiten von Zitaten und die Zunahme ungewöhnlicher, nicht im Wörterbuch verzeichneter Wortzusammensetzungen. Diese späten Texte wurden häufig als hermetisch und sprachlich problematisch kritisiert. Gelegentlich wurden sie auch als Ausdruck einer gefährdeten Persönlichkeit gelesen. Hans-Georg Gadamer beschrieb die Spätphase als „atemlose Stille des Verstummens im kryptisch gewordenen Wort". Bei aller Schwierigkeit blieb seine Gedichtsprache, wie die Deutsche Biographie betont, immer regelkonform.

Celan lebte zeitlebens in fremdsprachiger Umgebung. Seine deutsche Muttersprache pflegte er durch ausgedehnte Lektüre: literarische und wissenschaftliche Werke ebenso wie die deutschsprachige Presse, aus der er zitierend in seine Gedichte schöpfte. Auch seine Übertragungen verstand er als genuinen Teil seines Werks. Er übersetzte unter anderem Arthur Rimbaud und Alexander Blok, später auch William Shakespeare und Giuseppe Ungaretti ins Deutsche.


Rezeption

Paul Celan war einer der wichtigsten Lyriker der in Westdeutschland veröffentlichten Nachkriegsliteratur, dazu ein prominenter Übersetzer. Sein öffentlicher Weg begann schwierig. Ein erster größerer Auftritt fand im Mai 1952 auf einer Tagung der Gruppe 47 in Niendorf statt und geriet zum Misserfolg. Celans pathetische Vortragsweise stieß auf Unverständnis. Einer der Zuhörer spottete, er lese „wie in einer Synagoge". Bei der Abstimmung über den Preisträger landete er, wie der Autor Helmut Böttiger anmerkt, dennoch auf dem dritten Platz von 21 Teilnehmern. Immerhin wurde dort der Cheflektor der Deutschen Verlags-Anstalt auf ihn aufmerksam. Diese brachte noch im selben Jahr Mohn und Gedächtnis heraus. An weiteren Treffen der Gruppe nahm Celan nicht mehr teil.

Auf die deutschsprachige Lyrik übte Celan, vor allem nach seinem Tod, durch seinen kreativen Umgang mit der Sprache erheblichen Einfluss aus. Sein Werk ist in viele Sprachen übersetzt. Das internationale Forschungsinteresse daran ist groß. Editionen trieben die Celan-Forschung voran, darunter die Historisch-kritische Ausgabe ab 1990 und die Kommentierte Gesamtausgabe von 2003. Seit 2000 stehen besonders seine Übertragungen, die philosophischen Hintergründe seiner Dichtung sowie sein Verhältnis zu Deutschland im Zentrum der Forschung.

Auch Künstler anderer Sparten setzten sich früh mit Celan auseinander. Komponisten vertonten seine Texte und ließen sich zu rein instrumentalen Werken anregen. Heute zählt er zu den meistvertonten Dichtern des 20. Jahrhunderts. Peter Ruzicka schuf die Oper Paul Celan. In der bildenden Kunst begann Anselm Kiefer um 1980, Gemälde mit Versen aus Celans frühen Gedichten zu versehen.

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