Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Max Brod
Eingang · Autoren · Max Brod
Porträt Max Brod
Max Brod
1884 – 1968
– Autorenporträt –

Max Brod

1884 – 1968 · 84 Jahre

Ein Prager Schriftsteller und Kritiker, der die Werke seines Freundes Franz Kafka bewahrte, herausgab und deutete – und selbst Dichter wie Franz Werfel und Komponisten wie Leoš Janáček förderte.

Kurzbiografie↑

Max Brod wurde 1884 in Prag geboren und starb 1968 in Tel Aviv. Er war ein deutschsprachiger Schriftsteller, Theater- und Musikkritiker und besaß im Laufe seines Lebens die österreichische, die tschechoslowakische und schließlich die israelische Staatsbürgerschaft. Bekannt ist er vor allem dafür, dass er die Werke seines Freundes Franz Kafka bewahrte, herausgab und deutete. Darüber hinaus war er Mentor des jungen Friedrich Torberg und förderte die Komponisten Leoš Janáček und Jaromír Weinberger. Er gilt zudem als Entdecker des Dichters Franz Werfel.


Biografie↑

Aufgewachsen ist Max Brod in einer alten, gut situierten deutsch-jüdischen Prager Familie. Sein Vater war Bankbeamter. Beide Eltern waren begeisterte Opernfreunde und förderten die Liebe des Sohnes zur Musik. Der Vater schätzte unter anderem Richard Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg und sang zu Hause Opernarien. Die Mutter soll von Giuseppe Verdis La traviata beeindruckt gewesen sein. Max Brod wuchs mit seinem Bruder Otto und seiner Schwester Sophie in kultiviert-jüdischer bürgerlicher Atmosphäre auf. Er erhielt früh Klavierunterricht. In Kindheit und Jugend war er häufig krank.

Brod besuchte das Stephansgymnasium in Prag. An der deutschen Karl-Ferdinands-Universität nahm er ein Jurastudium auf und wurde dort 1907 zum Doktor der Rechtswissenschaften promoviert. Er trat der Studentenverbindung Akademische Landsmannschaft Hercynia zu Prag bei. Neben Jura studierte er auch Musikwissenschaft, Komposition und Klavier.

Während der Studienzeit, am 23. Oktober 1902, begegnete Brod in der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag Franz Kafka. Brod hielt dort einen Vortrag über Arthur Schopenhauer. Kafka begleitete ihn anschließend nach Hause. Es war der Anfang einer lebenslangen Freundschaft. Die beiden trafen sich fortan häufig, oft täglich, und blieben bis zu Kafkas Tod befreundet. Kafka war öfter Gast im Elternhaus der Brods und lernte dort 1912 seine spätere Verlobte Felice Bauer kennen, eine Cousine von Brods Schwager Max Friedmann. Zusammen mit Brods engem Freund Felix Weltsch bildeten sie den sogenannten „engeren Prager Kreis“. An der Prager Universität lernte Brod auch Albert Einstein kennen; dieser wurde zum Vorbild für die Figur des Johannes Kepler in Brods Roman Tycho Brahes Weg zu Gott, der 1915 erschien.

Nach der Promotion arbeitete Brod zunächst als Justiz-, Finanz- und Postbeamter. Später wurde er Theater- und Musikkritiker sowie Feuilletonredakteur beim Prager Tagblatt. Mit 24 Jahren veröffentlichte er bereits sein viertes Buch, den Roman Schloß Nornepygge. Vor allem in Berliner Literaturkreisen wurde er begeistert als Meisterwerk des Expressionismus gefeiert. Durch dieses und weitere Werke wurde Brod zu einer bekannten Persönlichkeit der deutschsprachigen Literatur. Ab 1912 erschienen seine Bücher im Kurt Wolff Verlag. Am 2. Februar 1913 heiratete er die Übersetzerin Elsa Taussig; er blieb bis zu ihrem Tod mit ihr zusammen.

Als sich nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 die Tschechoslowakei bildete, wurde Brod kurzfristig Vizepräsident des Jüdischen Nationalrates. Nachdem er seine Tätigkeit als Beamter im Postdienst aufgegeben hatte, arbeitete er als Kunstkritiker und freier Autor. Um 1920 gehörte er zu den viel gelesenen Autoren; besonders erfolgreich war der Roman Tycho Brahes Weg zu Gott.

Nach der Machtübernahme in Deutschland wurden seine Bücher 1933 verbrannt und verboten. Brod stand damit auf der Liste der verbotenen Autoren. Als Redakteur am Prager Tagblatt nahm er in jenen Jahren zahlreiche Artikel und Kurzgeschichten exilierter deutscher Journalisten und Schriftsteller an. Ihm war klar, dass er sie niemals alle veröffentlichen konnte. Die bar ausgezahlten Honorare waren geringe Beträge. Für viele Emigranten bedeuteten sie dennoch eine wichtige Überbrückungshilfe. Eine Zeit lang arbeitete auch die Autorin Maria Treben für ihn.

Unter dem Einfluss Martin Bubers hatte sich Brod früh dem Zionismus zugewandt. Als die Verfolgung durch die Nationalsozialisten drohte, bemühte er sich zunächst vergeblich um ein Visum für die USA; schließlich ging er nach Palästina. Am Abend vor der deutschen Besetzung Prags am 15. März 1939 emigrierte das Ehepaar Brod gemeinsam mit Felix Weltsch im letzten freien Flüchtlingszug. Brods Bruder Otto war ebenfalls Schriftsteller. Er wurde im Dezember 1941 in das Ghetto Theresienstadt und im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Nach dem Krieg erfuhr Max Brod vom Schicksal seines Bruders. Danach beschäftigte er sich wieder verstärkt mit theologischen Themen. Vor allem ging es um die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele. Dazu kam eine zweite Frage: Wie lässt sich das Leiden der Welt mit dem Glauben an einen allmächtigen und allgütigen Gott vereinbaren?

Von 1938 bis 1947 publizierte Brod fast nichts. In diese Jahre fiel auch der Tod seiner Frau im Jahr 1942. Wichtig war ihm in dieser Zeit die enge Freundschaft zu Felix Weltsch in Jerusalem. Sie drückte sich in einem umfangreichen Briefwechsel aus. Die Verbindung der beiden hielt von der Piaristenschule bis zu Weltschs Tod 75 Jahre lang. In Tel Aviv lebte und arbeitete Brod bis zu seinem Tod 1968 als freier Autor, Journalist und Dramaturg am Nationaltheater Habimah.


Literarische Merkmale↑

Johannes Urzidil nannte Max Brod einen ungemein vielseitigen Poeta doctus, also einen gelehrten Dichter. Diese Vielseitigkeit prägt sein Werk: Brod schrieb Romane, arbeitete als Übersetzer, Komponist und Publizist und veröffentlichte mehrere umfangreiche philosophische Werke. Sein Roman Schloß Nornepygge wurde in Berliner Literaturkreisen als Meisterwerk des Expressionismus gefeiert. In Tycho Brahes Weg zu Gott verarbeitete er persönliche Begegnungen literarisch: Albert Einstein, den er an der Prager Universität kennengelernt hatte, wurde zum Vorbild für die Figur des Johannes Kepler.

Eine eigene Kunstfertigkeit verlangten Brods Operntexte. Für Leoš Janáček verfasste er deutschsprachige Libretti und musste dabei seinen Text mit einer Musik in Einklang bringen, die ganz auf der Sprachmelodie des Tschechischen beruhte. Das erforderte Zugeständnisse und Anpassungen auch vom Komponisten, weshalb etwa die deutschsprachige Jenůfa nicht notengetreu mit dem tschechischen Operntext übereinstimmt.

Auch als Komponist war Brod tätig, bis in die 1950er Jahre. Er schuf im Wesentlichen kammermusikalische Werke, darunter allein 14 Liederzyklen. Sein Kompositionslehrer war ein Schüler von Antonín Dvořák, dessen Musik sein Schaffen deutlich prägte. Erst in den 1940er Jahren zeigten sich Einflüsse der zeitgenössischen Musik; auch die israelische Folklore hinterließ Spuren in seinem Werk.


Rezeption↑

Wirksam wurde Max Brod vor allem als Entdecker und Förderer anderer. Zu seinen Schützlingen gehörte der Dichter Franz Werfel, den er 1910 mit einer Gedichtvorlesung in Berlin der Öffentlichkeit bekannt machte. Später überwarf er sich zeitweise mit ihm, als Werfel sich vom Judentum löste und dem Christentum zuwandte. Ähnliche Auseinandersetzungen hatte Brod mit dem vom Judentum zum römisch-katholischen Glauben konvertierten Publizisten Karl Kraus. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war Brod von einem gleichgültigen zu einem bewussten Anhänger des Judentums und aktiven Vertreter des Zionismus geworden. Er verstand Juden in erster Linie als Angehörige einer „Rasse und Herkunft“ und lehnte Assimilierung und Mischehen mit Angehörigen anderer Religionen entschieden ab. Brod trug auch dazu bei, dass Jaroslav Hašeks Weltkriegssatire Der brave Soldat Schwejk auf Berliner Bühnen gespielt wurde und der tschechische Autor dadurch im Ausland populär wurde.

In der Musikgeschichte nimmt Brod einen ehrenvollen Platz ein. Mit seinen deutschsprachigen Libretti verhalf er Leoš Janáček zum Durchbruch auf den internationalen Opernbühnen. Aufführungen in tschechischer Sprache fanden damals außerhalb der Länder der Böhmischen Krone kein Publikum. Neben Jenůfa übertrug er die Libretti zu Katja Kabanova, Das schlaue Füchslein, Die Sache Makropulos und Aus einem Totenhaus. Durch zahlreiche Veröffentlichungen und eine erste Biographie trug er zum allmählich einsetzenden Ruhm Janáčeks bei. Seinen Einfluss setzte er ein, um Aufführungen der damals avantgardistischen Werke an europäischen Opernhäusern durchzusetzen.

Vor allem aber wurde Brod zum entscheidenden Förderer der Werke Franz Kafkas. Er unterstützte den an seiner Begabung zweifelnden Freund und drängte ihn, seine Arbeiten zu veröffentlichen. Wahrscheinlich ist es Brod zu verdanken, dass Kafka anfing, ein Tagebuch zu führen. Gemeinsame literarische Projekte verwirklichten sich wegen der unterschiedlichen Arbeitsweisen nicht. 1913 nahm Brod Kafka in das von ihm herausgegebene Jahrbuch für Dichtkunst Arkadia auf.

Kafka starb 1924 im niederösterreichischen Sanatorium Kierling. Er hatte letztwillig verfügt, dass alle seine literarischen Aufzeichnungen zu vernichten seien, und Brod als Nachlassverwalter eingesetzt. Brod setzte sich über diesen letzten Willen hinweg: Er hielt die angeordnete Vernichtung kulturell für nicht verantwortbar und wollte die Manuskripte weiter veröffentlichen. Bis heute führt das zu Auseinandersetzungen um das berühmte und lukrative Erbe. Brod soll sich verpflichtet gefühlt haben, die literarische Welt auf Leben und Denken Kafkas aufmerksam zu machen, den er als den „größten Dichter unserer Zeit“ rühmte. 1925 gab er Der Process heraus, 1926 Das Schloss und 1927 Amerika, heute meist Der Verschollene genannt; in den 1930er Jahren folgten eine sechsbändige Werkausgabe und eine Kafka-Biografie. In zahlreichen Veröffentlichungen wehrte sich Brod gegen eine Deutung der Werke Kafkas, die er für einseitig hielt und die zum Schlagwort „kafkaesk“ geführt hat. 1968 sprach er in einem auf Deutsch geführten Fernsehinterview über seine Freundschaft zu Kafka.

Brods Nachlass verwaltete nach seinem Tod seine ehemalige Sekretärin und Lebensgefährtin Ilse Ester Hoffe. Damit lag auch ein Teil des Kafka-Nachlasses in ihren Händen. Das wurde teils kritisiert und beargwöhnt. Uneinig war man darüber, ob sie und später ihre Töchter als Erbinnen den Nachlass dem Deutschen Literaturarchiv Marbach verkaufen durften. Die Gegenseite sah darin nationales Kulturgut, das in Israel verbleiben müsse. Die israelischen Gerichte gaben durch alle Instanzen der Nationalbibliothek recht, zuletzt im August 2016 am Obersten Gericht.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (52 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten