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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Gerhard Bronner
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Porträt Gerhard Bronner
Gerhard Bronner
1922 – 2007
– Autorenporträt –

Gerhard Bronner

1922 – 2007 · 84 Jahre

Wiener Kabarettist, Komponist und Textdichter, der 1938 als Fünfzehnjähriger allein aus Österreich floh und nach seiner Rückkehr das österreichische Kabarett prägte – mit Liedern wie „Der g'schupfte Ferdl“ und „Der Papa wird's schon richten“.

Kurzbiografie↑

Gerhard Bronner wurde 1922 in Wien-Favoriten geboren und starb 2007 in Wien. Er war Komponist, Autor, Musiker und Kabarettist. Als Fünfzehnjähriger musste er 1938 allein aus Österreich flüchten; seine Eltern und ein Bruder wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Nach der Rückkehr nach Wien prägte er über Jahrzehnte das österreichische Kabarett – als Textdichter, Komponist, Bühnenleiter und Fernsehmacher. Von ihm stammen Lieder wie Der g'schupfte Ferdl und Der Papa wird's schon richten.


Biografie↑

Aufgewachsen ist Gerhard Bronner in der Favoritener Senefeldergasse, in bescheidenen Verhältnissen. Seine Eltern Jakob und Rosa Bronner waren jüdische Proletarier: der Vater Tapezierer, die Mutter Näherin. Bronner war das dritte Kind und ein Nachzügler. Er hatte zwei ältere Brüder, Emil und Oskar; der zehn Jahre ältere Oskar zog ihn praktisch groß. Nach eigener Aussage lernte Bronner erst in der Mittelschule Hochdeutsch, zuvor sprach er nur den Favoritner Dialekt.

Emil und Oskar waren engagierte Sozialdemokraten und beim Schutzbund tätig. Emil wurde im Bürgerkrieg 1934 getötet. Über seine Brüder lernte Bronner als Kind Bruno Kreisky kennen, damals Jungsozialist und später österreichischer Bundeskanzler. Ein Schulfreund war der spätere Schauspieler Otto Tausig. Seine ersten musikalischen Gehversuche machte Bronner bei den Roten Falken, zu denen ihn Oskar brachte. In der musikalischen Abteilung, den „Pfeiferlbuben“, spielte er zunächst Trommel, später etwas Gitarre. Durch Zufall kam er als Fünfjähriger zu einem eigenen Klavier und erhielt kurze Zeit Unterricht. Zwei Jahre später sah er einen Auftritt des Kabarettisten Hermann Leopoldi und beschloss, Musikhumorist zu werden. Zur jüdischen Kultur bekannte sich Bronner stets, religiös lebte er nicht.

Bis 1935 besuchte er das Gymnasium, das er mit fünf „Nicht genügend“ im Wintersemester verlassen musste. 1938, nach dem „Anschluss Österreichs“, verlor er seine Lehrstelle als Schaufensterdekorateur. Vater und Bruder wurden im Konzentrationslager Dachau inhaftiert; für diese Haft musste die Familie wöchentlich zwanzig Reichsmark aufbringen. Im Mai 1938 verließ der Fünfzehnjährige Österreich allein und ging über die grüne Grenze in die Tschechoslowakei. Im selben Jahr starb sein Bruder Oskar in Dachau. Der Vater wurde im Sommer wieder entlassen.

Zunächst lebte Bronner in Brünn und verdingte sich als Fensterputzer, Kofferträger und Straßensänger. Als seine Aufenthaltsgenehmigung ablief, brachte man ihn an die Grenze zurück. Ein gutmütiger Polizist ließ ihn laufen, weil ihm klar wurde, welches Schicksal den Jungen im Deutschen Reich erwartete. Bronner kehrte nach Brünn zurück; die Liga für Menschenrechte stellte ihm eine zweite Aufenthaltsgenehmigung aus, lautend auf den Namen Harry Braun. Mit dem Münchner Abkommen mussten alle Flüchtlinge das Land verlassen. Bronner reiste ohne gültige Papiere weiter. Unter anderem durchschwamm er unbemerkt die Donau, um nach Constanța zu gelangen, und schaffte es von dort auf ein Schiff nach Palästina. Einer seiner Freunde aus dieser Zeit, der ihm mehrmals weiterhalf, war Erich Lessing.

In Palästina hielt sich Bronner zunächst mit Gelegenheitsarbeiten und als Barpianist über Wasser. Später arbeitete er als Musiker und Produzent für den Rundfunk. Als die Briten 1948 abzogen, ging er als Musiker nach London. Auf dem Weg dorthin besuchte er auf Betreiben seiner damaligen Gattin kurz Wien. Bleiben wollte er in dieser Stadt nicht. Er betrachtete sie nicht mehr als seine Heimat. Doch es fanden sich schnell Aufgaben, vom Barpianisten bis zum Musikredakteur im Rundfunk. Er begann beim Sender „Rot-Weiß-Rot“. So wurde die Weiterreise erst aufgeschoben und dann abgesagt. Aus dieser Zeit stammt auch die Freundschaft mit Hans Weigel. Dieser riet ihm ebenfalls zum Bleiben. Über die Israelitische Kultusgemeinde erfuhr Bronner nach seiner Rückkehr erstmals, was aus seinen Eltern geworden war. Sie wurden 1942 deportiert und im Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk ermordet.

Am 12. November 1952 hatte die Kabarettrevue Brettl vorm Kopf Premiere. Die fünfzehn Nummern stammten von Gerhard Bronner, Michael Kehlmann, Carl Merz und Helmut Qualtinger. Danach kam eine Spielpause: Bronner und Kehlmann gingen nach Hamburg, wo der Nordwestdeutsche Rundfunk gerade das Fernsehen aufbaute und beide im neuen Medium arbeiten wollten. Bis 1955 war Bronner musikalischer Leiter der Unterhaltungsabteilung beim NDR. Dort brachte er auch die hochdeutsche Fassung des „g'schupften Ferdl“ unter dem Titel Der blasse Gustav heraus, die von vielen heute kaum noch bekannten Gruppen nachgespielt wurde.

1955 kehrte er nach Wien zurück und pachtete die „Marietta-Bar“. Sie wurde bald ein beliebter Künstlertreff. Dort engagierte er unter anderen Peter Wehle und später Georg Kreisler. 1956 pachtete er mit Kreisler das „Intime Theater“ in der Liliengasse. Dort brachte das „namenlose Ensemble“ das Programm Blattl vorm Mund und weitere heraus. Zu dem Ensemble gehörten Bronner, Merz, Qualtinger, Kehlmann, Kreisler, Wehle, Louise Martini und andere. Als der Vertrag 1958 gekündigt wurde, spielte die Gruppe das nächste Programm Spiegel vorm Gsicht im Fernsehen des ORF. Gesendet wurde zunächst aus dem „Bürgertheater“, später aus dem „Stadttheater“. 1959 übernahm Bronner das „Neue Theater am Kärntnertor“ mit dem Programm Dachl überm Kopf. 1961 löste sich die Gruppe auf, besonders durch den Weggang Qualtingers. Er wollte von nun an Theater spielen. Bronner bildete mit dem Programm Wedel sei der Mensch ein neues Ensemble, dem unter anderen Felix Dvorak angehörte. Das Theater führte er bis 1966 weiter.

Die Travnicek-Dialoge mit Helmut Qualtinger, geschrieben von Merz und Qualtinger, gingen in die österreichische Kabarettgeschichte ein. Viele Lieder, die man Qualtinger zuschreibt, stammen aus Bronners Feder. In den 1960er Jahren hatte er mit der Fernsehserie Das Zeitventil: Das aktuelle Fernsehbrettl großen Erfolg; er führte dabei auch Regie. Auftreten durften unter anderen Peter Wehle, Kurt Sobotka, Max Böhm, Ernst Stankovski, Peter Orthofer, Heinz Holecek und Dolores Schmidinger. Bronner entdeckte auch junge Talente und schrieb ihnen Lieder: Marianne Mendt wurde mit Wie a Glock'n … bekannt, für das Bronner den Text schrieb. Von 1979 bis 1988 leitete er das Kabarett Fledermaus, die frühere Marietta-Bar.

Für den ORF und den Süddeutschen Rundfunk moderierte Bronner die Sendung „Schlager für Fortgeschrittene“, außerdem wirkte er im Radiokabarett „Der Guglhupf“ mit. Dort und auf der Bühne in der „Fledermaus“ trat er mit Wehle auf, dabei war auch Lore Krainer, die er aus Graz holte. Bekannt wurde er zudem als Übersetzer der Satiren Ephraim Kishons. 1969 schuf er eine Wiener Fassung von My Fair Lady und bearbeitete das Musical Cabaret.

Ende der 1980er-Jahre übersiedelte Bronner in die USA und ließ sich in Florida nieder. In Wiener Zeitungen war kurz darauf zu lesen, er sei ein Steuerflüchtling. In seinen Memoiren begründete er den Schritt anders. Nach dem Tod seines langjährigen Partners und Freundes Peter Wehle im Mai 1986 habe er sich furchtbar allein gefühlt. Vorher waren schon Friedrich Torberg, Robert Gilbert und Carl Merz gestorben. Mit der Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten im Juni 1986 sei der offene Antisemitismus in Österreich wieder salonfähig geworden. Antisemitische Zuschriften hatte er immer bekommen. Doch nun waren sie nicht mehr anonym. Freunde, Kollegen und Bewunderer sammelten schließlich Geld und beglichen seine Steuerschulden. 1993 kehrte er nach Wien zurück und trat wieder auf. Am 31. Dezember 2006 stand er im Wiener Theater Akzent auf der Bühne und sang seine großen Erfolge. Der Auftritt wurde aufgezeichnet. Gerhard Bronner starb am 19. Jänner 2007 vierundachtzigjährig in einem Wiener Krankenhaus an den Folgen eines Schlaganfalls. Beigesetzt wurde er in einem Ehrengrab der alten israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs, neben Arthur Schnitzler und Friedrich Torberg. Bundespräsident Heinz Fischer würdigte ihn nach seinem Tod.


Literarische Merkmale↑

Bronners Arbeit lebte vom Lied. Er schrieb Texte und Musik, begleitete am Klavier und stellte die Nummern selbst auf die Bühne. Seine bekanntesten Stücke sind in Wiener Mundart gehalten, etwa Der g'schupfte Ferdl oder Der Papa wird's schon richten. Dass dieser Dialekt kein Kostüm war, zeigt seine Herkunft aus Favoriten: Hochdeutsch lernte er erst in der Mittelschule. Für den deutschen Markt fertigte er auch hochdeutsche Fassungen an; aus dem „g'schupften Ferdl“ wurde Der blasse Gustav.

Zum Kern seiner Kabarettarbeit gehörte der Griff zur Tagespolitik. Im Fernsehbrettl Das Zeitventil nahm sich das Ensemble die österreichische Politik vor, bei Bedarf sehr bissig. Dazu kam die Arbeit am fremden Text: Bronner übertrug die Satiren Ephraim Kishons ins Deutsche, schuf eine Wiener Fassung von My Fair Lady und bearbeitete Cabaret. Lieder schrieb er auch für andere – für Helmut Qualtinger, dem manches davon heute noch zugeschrieben wird, und für Marianne Mendt.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten war Bronner im österreichischen Rundfunk und auf der Kabarettbühne eine feste Größe. Die Fernsehserie Das Zeitventil war überaus erfolgreich; ORF III strahlte 2012 einige dieser Sendungen erneut aus. Seinen letzten Auftritt vom 31. Dezember 2006 sendete der ORF unter dem Titel Ein Abend mit Gerhard Bronner.

Dass er als Künstler hoch geachtet war, zeigt sein Begräbnis: Bronner erhielt ein ehrenhalber gewidmetes Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof, in der alten israelitischen Abteilung neben Arthur Schnitzler und Friedrich Torberg. Bei der Trauerfeier sprach Bundespräsident Heinz Fischer.

Zwiespältig blieb das Verhältnis zu seinem Land. Als Bronner 1988 nach Florida ging, meldeten Wiener Zeitungen, er sei ein Steuerflüchtling; er selbst nannte den wieder offen auftretenden Antisemitismus als Grund. Zugleich war es ein Freundeskreis, der ihm mit einer Spendenaktion die Rückkehr ermöglichte. Ab 1993 stand er in Wien wieder auf der Bühne.

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