1897 – 1982
Louis Aragon
Kurzbiografie↑
Louis Aragon zählt zu den bekanntesten französischen Dichtern und Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Geboren 1897 in Paris, begründete er 1924 zusammen mit André Breton und Philippe Soupault den Surrealismus. Später wandte er sich dem sozialistischen Realismus zu, als dessen Vertreter er gilt. Sein Werk umfasst Gedichte und Romane; von ihm stammt der berühmte Ausspruch „Die Frau ist die Zukunft des Menschen“. Aragon starb an Heiligabend 1982 in Paris.
Biografie↑
Zur Welt kam Aragon am 3. Oktober 1897 in Paris als uneheliches Kind des Politikers Louis Andrieux und der Marguerite Toucas-Massillon. Getauft wurde er auf die Namen Louis Marie Alfred Antoine. Das Taufregister vom 3. November 1897 führte ihn jedoch als in Madrid geborenen Sohn von Jean Aragon und dessen Gattin Blanche Moulin. Um einen gesellschaftlichen Skandal zu vermeiden, brachte man ihn in seinen ersten neun Lebensmonaten bei einer Amme in der Bretagne unter. Nach einem Umzug innerhalb von Paris nahm die Familie Toucas ihn zu sich; die Großeltern gaben sich als seine Eltern aus. Erst 1914 wurde ihm eine Geburtsurkunde auf den Namen Louis Aragon ausgestellt.
Schon mit sieben Jahren begann Aragon, Gedichte und Prosa zu schreiben. Der Familie zuliebe nahm er 1916 ein Medizinstudium auf. Ein Jahr später lernte er André Breton kennen, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Gemeinsam mit Breton und Philippe Soupault rief er 1919 die Zeitschrift Littérature ins Leben, in der er auch Texte aus seiner Kindheit veröffentlichte. 1921 wurde er durch seinen Erstlingsroman Anicet ou le panorama als Schriftsteller bekannt.
In diesen Jahren entwickelte sich Aragon zum unermüdlichen Nachtschwärmer und Stammgast in Cafés, Bars und Bordellen. Seine Erlebnisse verarbeitete er in dem 1926 erschienenen Roman Pariser Landleben. 1925 begegnete er Nancy Cunard, einer britischen Reederstochter, mit der er in den folgenden drei Jahren Europa bereiste. Während einer Venedig-Reise im September 1928 verließ sie ihn. Er unternahm daraufhin mit Schlafmitteln einen Selbstmordversuch, wurde aber rechtzeitig aufgefunden. Zurück in Paris lernte er den russischen Schriftsteller Wladimir Majakowski kennen, den dessen Geliebte Lilja Brik begleitete. Bei einem dieser Treffen begegnete Aragon erstmals Elsa Triolet, der Schwester Lilja Briks.
Zu dieser Zeit wurde die enge Gemeinschaft der Pariser Surrealisten um Aragon, Breton, Soupault und Paul Éluard zunehmend brüchig. Seine Affäre mit Cunard warfen ihm die Freunde als Untreue vor; zudem beanspruchte Breton immer stärker die Führungsrolle. Aragon verließ die Wohngemeinschaft mit Breton und zog 1929 mit Triolet zusammen. In den folgenden Jahren verkehrte er immer seltener unter den Surrealisten, auch weil Breton und Triolet ein schwieriges Verhältnis zueinander hatten. 1932 griff Aragon die Surrealisten in seinem Gedicht Rotfront gezielt an, woraufhin die Freundschaft mit Breton endgültig zerbrach. Beide sahen einander nie wieder. Bereits seit 1926 war Aragon Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs. 1934 begann er einen Zyklus sozialistischer Romane, dessen ersten Band er Triolet widmete. Während des Spanischen Bürgerkrieges stand er in Kontakt zur Allianz der antifaschistischen Intellektuellen.
Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde Aragon erneut als Hilfsarzt eingezogen; noch 1939 heiratete er Triolet. Im Juni 1940 aus dem Dienst entlassen, floh das Paar in die noch freie Zone im französischen Süden und ließ sich in Nizza nieder, wo beide für die Résistance arbeiteten. Im Sommer 1942 wurde die gesamte Belegschaft des von Aragon mitbegründeten Résistance-Organs Les Lettres françaises festgenommen und erschossen. Die letzten Kriegsjahre lebten Aragon und Triolet mit gefälschten Papieren in der Provence. Nach der Befreiung von Paris 1944 kehrten sie dorthin zurück. Seine literarische Auseinandersetzung mit dem europäischen Faschismus zeigt sich im Artikel Ne rêvez plus qu'à l'Espagne vom November 1936 und im Gedicht Der Flieder und die Rose, das im September 1940 erstmals in Le Figaro und 1941 in der Sammlung Le Crève-cœur erschien.
Aragons Interesse an russischer Kultur blieb bestehen. Als er 1958 die Kurzgeschichte Dshamilja des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow in einem russischen Literaturmagazin las, entschloss er sich, diese für ihn „schönste Liebesgeschichte der Welt“ ins Französische zu übersetzen. 1972 wurde er als auswärtiges Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters gewählt. 1977 unterzeichnete er, wie etwa sechzig weitere Intellektuelle, einen in Libération und Le Monde erschienenen Appell zur Entkriminalisierung der Pädophilie; Initiator war der Schriftsteller Gabriel Matzneff. Aragon starb an Heiligabend 1982 in Paris. Er ist wie seine Frau im Park ihres Hauses in Saint-Arnoult-en-Yvelines beerdigt.
Literarische Merkmale↑
Prägend für Aragons frühes Werk war der Surrealismus, den er 1924 mit Breton und Soupault begründete. In dieser Phase entstanden Romane wie Pariser Landleben, in denen er seine nächtlichen Streifzüge durch die Stadt verarbeitete. Nach seiner Hinwendung zur Kommunistischen Partei zählt er zu den Vertretern des sozialistischen Realismus; ab 1934 arbeitete er an einem Zyklus sozialistischer Romane. Sein Schaffen war von Charles Dickens, dem Comte de Lautréamont, Leo Tolstoi und Maxim Gorki beeinflusst.
Auch seine Lyrik nahm politische Stoffe auf. Das 1940 veröffentlichte Gedicht Der Flieder und die Rose preist am mittelalterlich-religiösen Symbol zweier Blumen die Zusammenarbeit von Gaullisten und Kommunisten in der Résistance. Mit dem Gedicht Rotfront wiederum griff er 1932 seine früheren surrealistischen Weggefährten unmittelbar an.
Rezeption↑
Wirkung entfaltete Aragons Dichtung vor allem in den Jahren der Résistance. Sein Gedicht Der Flieder und die Rose soll General de Gaulle beim Einzug der französischen Befreier in Paris 1944 auswendig laut deklamiert und, wie Fritz J. Raddatz berichtet, „vor sich her getragen haben wie eine Trikolore“. In der Zeit des Nationalsozialismus zählte Aragon zu den Autoren, deren Schriften verboten wurden; er ist in der Liste der im Nationalsozialismus verbotenen Publikationen und Autoren verzeichnet. 1972 ehrte ihn die American Academy of Arts and Letters mit der Aufnahme als auswärtiges Ehrenmitglied. Das ehemalige Mühlenanwesen des Paares in Saint-Arnoult-en-Yvelines ist in Ralf Nestmeyers Buch Französische Dichter und ihre Häuser ausführlich beschrieben.
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