1859 – 1919
Peter Altenberg
Kurzporträt↑
Peter Altenberg, mit bürgerlichem Namen Richard Engländer, war ein österreichischer Schriftsteller, der 1859 in Wien geboren wurde und 1919 ebenda starb. Bekannt wurde er vor allem für seine kurzen, impressionistischen Prosaskizzen, in denen er flüchtige Eindrücke, Begegnungen und mitgehörte Gespräche festhielt. Als stadtbekannte Figur der Wiener Kaffeehäuser zählt er zu den sogenannten Wiener Originalen. Sein erster Skizzenband Wie ich es sehe erschien 1896. Kritisch diskutiert wird heute seine offen zur Schau gestellte Neigung zu jungen Mädchen.
Biografie↑
Geboren wurde Richard Engländer am 9. März 1859 in Wien als Sohn von Moritz Engländer, einem jüdischen Kaufmann, und dessen Frau Pauline, geborene Schweinburg. Die Familie stammte, wie es in der Neuen Deutschen Biographie heißt, aus einer angesehenen Wiener Kaufmannsfamilie. Sein Pseudonym wählte er nach der dreizehnjährigen Bertha Lecher, die er in Altenberg an der Donau kennenlernte und die von ihren Brüdern „Peter“ gerufen wurde.
Seine Ausbildung blieb ohne Abschluss. Er studierte zunächst Jura, dann Medizin, brach beides ab und begann eine Buchhändlerlehre bei der Hofbuchhandlung Julius Weise in Stuttgart. Auch diese Lehre gab er auf, ebenso einen erneuten Versuch, Jura zu studieren. Nach einigen fehlgeschlagenen Anläufen zu einem geregelten Berufsleben bescheinigte ihm ein Arzt wegen einer „Überempfindlichkeit des Nervensystems“ die Unfähigkeit, einen Beruf auszuüben. Von da an führte er das Leben eines Bohemiens und verbrachte die meiste Zeit in Kaffeehäusern.
Um 1895 verfasste Altenberg erste literarische Arbeiten. Durch den Kontakt mit Karl Kraus kam es ab 1896 zu Veröffentlichungen; im selben Jahr erschien der Skizzenband Wie ich es sehe. Nach einer kurzen Zeit in München kehrte er nach Wien zurück, wo er schon zu Lebzeiten eine stadtbekannte Figur war, um die sich Legenden rankten. Im Frühjahr 1900 trat er aus der israelitischen Religionsgemeinschaft aus, blieb zehn Jahre konfessionslos und ließ sich 1910 in der Karlskirche taufen. Sein Taufpate war der Architekt Adolf Loos.
Trotz seiner Erfolge blieb Altenberg von Spenden abhängig, zu denen seine Freunde aufriefen, unter ihnen Karl Kraus und Adolf Loos. Seine letzten sechs Lebensjahre wohnte er in einem Zimmer im Graben-Hotel in der Dorotheergasse im Stadtzentrum. In seinen letzten zehn Lebensjahren war er häufig in Alkoholentzugs- und Nervenheilanstalten. Am 8. Jänner 1919 starb er an den Folgen einer Lungenentzündung im Wiener Allgemeinen Krankenhaus. Bestattet wurde er am 11. Jänner 1919 auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem später ehrenhalber gewidmeten Grab. Karl Kraus schloss seine Grabrede mit den Worten: „Wehe der Nachkommenschaft, die Dich verkennt!“
Zu den dunklen Seiten seiner Biografie gehört ein Vorfall von 1904: Altenberg riet dem achtzehnjährigen Heinz, dem Sohn Marie Langs, der sich nach dem Ende einer Liebesbeziehung an ihn gewandt hatte, sich umzubringen – was dieser dann tat. Arthur Schnitzler verarbeitete den Vorfall in dem unvollendet gebliebenen Stück Das Wort.
Literarische Merkmale↑
Ausschließlich aus kurzen Prosatexten besteht das Werk Altenbergs, die meist als Prosaskizzen oder Prosagedichte eingeordnet werden. Es sind Momentaufnahmen: flüchtige Eindrücke und Begegnungen sowie zufällig mitgehörte Gespräche, die das gesellschaftliche Leben der Wiener Moderne als sogenannte Kaffeehausliteratur festhalten. Seine Kunst besteht darin, mit wenigen „literarischen Pinselstrichen“ und teils „zwischen den Zeilen“ ein ganzes Netz von Beziehungen anzudeuten. Dabei versucht er nicht, das Leben auf einen Nenner zu bringen, sondern zeigt es in seiner widersprüchlichen Vielfalt. Sinnliche Eindrücke wie Farben und Gerüche spielen eine wichtige Rolle. Altenberg gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Impressionismus.
Seinen Arbeitsprozess beschrieb er selbst in einem Brief an Arthur Schnitzler: „Ganz frei, ganz ohne Bedenken. Nie weiß ich mein Thema vorher, nie denke ich nach. Ich nehme Papier und schreibe.“ Er verließ sich ganz auf den Augenblick; kam nichts heraus, so war eben nichts Tiefes darin gewesen, und auch das machte für ihn nichts.
Die Neue Deutsche Biographie urteilt, Altenberg sei „unfähig zu jeder großen Form“ gewesen und habe kleinste Begegnungen des täglichen Lebens zu meisterhaften impressionistischen Einzelbildern umgestaltet. Sein Werk sei ohne innere Entwicklung geblieben, eine bloße Aufhäufung von Skizzen, die er willkürlich zu Bänden zusammenfasste. Alle seine Dichtungen seien Aphorismen, „Extrakte des Lebens“ im Telegrammstil, in der Kürze oft bis zur affektierten Manier übertrieben.
Manche seiner kurzen Texte eigneten sich für die Bühne. Die nur zwei Buchseiten umfassende Szene Masken für neun Sprecherinnen und Chor wurde 1907 im Kabarett Fledermaus aufgeführt. Der befreundete Schriftsteller Egon Friedell trug immer wieder Texte Altenbergs vor und gab später Das Altenbergbuch heraus. Einige seiner Texte wurden von Alban Berg und Hanns Eisler vertont.
Rezeption↑
Zu seiner Zeit wurde Altenberg nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie „maßlos überschätzt“; sein Prosastil beeinflusste die Jugend vor und nach dem Ersten Weltkrieg. An seinem Grab bat Karl Kraus die Nachwelt, ihn nicht zu verkennen. In Wien wurde 1929 im Bezirk Döbling die Peter-Altenberg-Gasse nach ihm benannt. Im Café Central wurde er als lebensgroße Figur an einem Kaffeehaustisch aufgestellt, und auch im Büro des Wiener Bürgermeisters befindet sich eine ähnliche Figur, die ihn Zeitung lesend zeigt. 2024 erwarb das Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek einen bedeutenden Teilnachlass.
Zunehmend kritisch wird heute Altenbergs Nähe zur Pädophilie diskutiert. In der Forschungsliteratur wird seine Neigung zu jungen Mädchen wiederholt offen benannt. Andrew Barker schreibt von „Altenbergs schamlose[r] Leidenschaft für knabenhafte Mädchen“; für Barker und Leo A. Lensing ist er ein „ewiger Anbeter von pubertären Mädchen“. Evelyne Polt-Heinzl wies 2008 und 2011 ausführlich auf diese „bedenkliche Neigung“ hin und kritisierte, dass Altenbergs problematische Nähe zum Kindesmissbrauch in der Forschung ein Tabu darstelle. Im Nachlass finden sich mehrere Aktbilder junger Mädchen, und in seinem Zimmer im Graben-Hotel hingen zahlreiche Fotos halbwüchsiger Mädchen. Oliver Pfohlmann schrieb in der Neuen Zürcher Zeitung, die „schamlose Begeisterung“, mit der Altenberg in seinen Skizzen und Briefen seiner Pädophilie freien Lauf lasse, verschlage einem schlicht die Sprache.
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