1798 – 1871
Willibald Alexis
Kurzbiografie↑
Unter dem Namen Willibald Alexis schrieb Georg Wilhelm Heinrich Häring (1798–1871) sich in die deutsche Literaturgeschichte ein. Er gilt als Begründer des realistischen historischen Romans in Deutschland – einer Gattung, die später Theodor Fontane zur Vollendung führte. In seinen vielbändigen vaterländischen Romanen zeichnete er die Geschichte Brandenburg-Preußens vom 14. Jahrhundert bis in seine eigene Zeit nach. Seinen Weg in die Literatur begann er mit einem geschickten Trick: Er gab eigene Romane als Übersetzungen von Walter Scott aus. Neben dem Erzähler war Alexis auch Jurist, Redakteur, Reiseschriftsteller und Kriminalfall-Sammler.
Biografie↑
Geboren wurde Alexis am 29. Juni 1798 in Breslau. Seine Familie stammte, so die Überlieferung, von hugenottischen Refugiés namens Harenc aus der Bretagne ab. Der Vater Georg Wilhelm Häring war Kanzleidirektor und Geheimer Kammersekretär bei der Domänenkammer Breslau; er starb bereits 1802. Die Mutter Henriette Juliane Louise Charlotte war eine geborene Rellstab, Tochter eines Berliner Buchhändlers. Als Kind erlebte Alexis die Belagerung Breslaus mit. Nachdem die Franzosen die Stadt 1806 eingenommen hatten, zog er mit der Mutter nach Berlin, wo beide vierzehn Jahre lang bei den Verwandten der Mutter lebten.
In Berlin besuchte der Junge zuerst eine Privatschule und dann das Friedrichwerdersche Gymnasium. Die Kämpfe der Kosaken gegen die in Berlin liegenden Franzosen begeisterten ihn Anfang 1813. Zwei Jahre später, 1815, nahm er als Freiwilliger an den Befreiungskriegen teil. Als Mitglied des Regiments Kolberg belagerte er einige Festungen in den Ardennen. Diese Erlebnisse verarbeitete er später in der Novelle Iblou und im Bericht Als Kriegsfreiwilliger nach Frankreich.
Ab 1817 studierte Alexis in Berlin und Breslau Rechtswissenschaft und Geschichte, unter anderem bei Friedrich Carl von Savigny und Friedrich von Raumer. Im Jahr 1818 wurde er Mitglied der Berliner und der Breslauer Burschenschaft. 1820 trat er als Referendar am Kriminalsenat des Kammergerichts ein. Dort lernte er Julius Eduard Hitzig kennen, einen Freund E. T. A. Hoffmanns, der ihn wiederum mit Friedrich de la Motte Fouqué bekannt machte. Nach dem Erfolg seines ersten Romans gab Alexis die Beamtenlaufbahn auf.
Von 1827 an leitete er in Berlin die Redaktion des Berliner Konversationsblattes, das 1830 mit dem Freimüthigen vereinigt wurde. 1835 legte er die Redaktionsleitung aus Protest gegen die zunehmende Zensur nieder und lebte fortan als freier Schriftsteller und Feuilletonist. Im Mai 1838 heiratete er die englischstämmige Laetitia Perceval; sein Haus wurde zu einem Treffpunkt des literarischen Berlin, zu dessen Gästen auch Ludwig Tieck zählte. Verbindungen knüpfte er unter anderem zu Joseph von Eichendorff, Karl Immermann und Wilhelm Hauff. Ab 1842 gab er zusammen mit Hitzig den Neuen Pitaval heraus, eine erfolgreiche Sammlung von Kriminalfällen.
Alexis war auf vielen Feldern tätig: Er gründete Lesegesellschaften, leitete Buchhandlungen, handelte mit Häusern, war Theaterkritiker der Vossischen Zeitung und reiste durch Frankreich, Skandinavien und Ostpreußen. Er gilt auch als Gründer Heringsdorfs, in dessen Namen sein eigentlicher Name Häring fortlebt.
Im Vormärz wurde er dem preußischen Liberalismus zugerechnet. Weil er an den Ideen der Revolution festhielt, bekam er im Nachmärz den Ruf eines roten Republikaners. Die ständigen Angriffe und seine Enttäuschung über den Ausgang der Revolution von 1848 bewogen ihn, Berlin zu verlassen. Nach einem längeren Aufenthalt in Rom (1847–1848) zog er sich 1853 nach Arnstadt zurück. 1856 erlitt er einen ersten Schlaganfall, 1860 einen zweiten. Sein Gedächtnis war schwer geschädigt, an literarische Arbeit war nicht mehr zu denken. Der einst vermögende Autor war nun auf die Unterstützung der Deutschen Schillerstiftung angewiesen. 1867 erhielt der gelähmte, erblindete und zunehmend demente Schriftsteller noch den Hohenzollernschen Hausorden. Am 16. Dezember 1871 starb er in Arnstadt und wurde dort auf dem Alten Friedhof beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Als Begründer des historischen Romans im bürgerlichen Realismus steht Alexis am Anfang einer Linie, die Theodor Fontane später fortführte. Seine literarische Laufbahn begann mit Kritiken in den Wiener Jahrbüchern der Literatur und der Zeitschrift Hermes; darin schrieb er über Walter Scott, Lord Byron, Heinrich Heine und Immermann. Sein erstes eigenes Werk war 1820 das satirisch-idyllische Epos Die Treibjagd.
Prägend wurde seine Verehrung für Walter Scott. Aus einer Wette und dieser Bewunderung entstand der Roman Walladmor, der vielfach übersetzt wurde und den Alexis bewusst als Übersetzung eines Scott-Romans ausgab – ein Täuschungsmanöver, das weithin gelang. Das Erscheinungsjahr wird in den Quellen unterschiedlich mit 1823 und 1824 angegeben. Auf dieselbe Weise verfuhr er mit dem zweiten Roman Schloss Avalon, der jedoch weit weniger Erfolg hatte. Daneben schrieb Alexis eine Reihe von Novellen nach dem Vorbild Tiecks. Zeitweilig begeisterte ihn die jungdeutsche Bewegung, in deren Sinn die Romane Das Haus Düsterweg und Zwölf Nächte entstanden.
Sein eigentliches Feld fand er in den sogenannten vaterländischen Romanen, die er 1832 mit Cabanis eröffnete. In ihnen behandelte er wichtige Abschnitte der brandenburgisch-preußischen Geschichte vom 14. Jahrhundert bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts – ausführlich, mit genauer Detailschilderung, ständeüberschreitend und deutlich patriotisch. Zu dieser Reihe gehören unter anderem Der Roland von Berlin, Der falsche Woldemar, Die Hosen des Herrn von Bredow, Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, Isegrim und Dorothee.
Neben den Romanen verfasste Alexis kleinere Erzählungen, Gedichte und Balladen, Reiseschilderungen und biographische Abrisse, etwa über William Shakespeare. Im Neuen Pitaval legten er und Hitzig den Schwerpunkt auf die Psychologie der Verbrecher und auf spannungsvolle Darstellung. Einige seiner Gedichte wurden von Carl Loewe und Johannes Brahms vertont. Mit dramatischen Versuchen hatte er wenig Erfolg.
Rezeption↑
Bezeichnend für sein gesamtes Schaffen ist ein Satz aus Cabanis: „Mitten aus dem Kreise meiner Kinderspiele wuchs wie ein geharnischter Riese mein Schicksal auf.“ Die Neue Deutsche Biographie sieht darin die Grundidee seines Werks angelegt – jene Verbindung zwischen den Werken der großen Geschichte und den Taten der kleinen Menschen, die Alexis zu überblicken und zu gestalten suchte. Der internationale Erfolg von Walladmor bedeutete für ihn mehr als eine bloße Scott-Nachahmung; die NDB nennt ihn einen Durchbruch und Markstein.
In den vaterländischen Romanen wuchs, so die Deutsche Biographie, der Märker zum eigentlichen Helden über die jeweilige Romanhandlung hinaus. Gerade in ihnen gelangen Alexis seine bleibenden Schöpfungen. In den vaterländischen Romanen kommt er seinem Vorbild Walter Scott völlig gleich.
Ein Gehirnschlag und das lange Siechtum entfremdeten dem Dichter frühzeitig seine Leserschaft. Erst nachdrückliche Hinweise zeitgenössischer Dichter und seine Säkularfeier halfen, das Publikum zurückzugewinnen. Theodor Fontane schilderte den alten, kranken Alexis. Bis heute halten mehrere Orte sein Andenken wach: Das Dorf Lehnin errichtete ihm 1914 nahe der Oberförsterei ein Denkmal aus Findlingen, Ausgangspunkt des seit 2003 bestehenden Willibald-Alexis-Wegs. In Berlin-Kreuzberg und in Brandenburg an der Havel tragen Straßen seinen Namen, in München ein Quartier.
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