1581
Das befreite Jerusalem
Überblick↑
Mit dem Versepos Das befreite Jerusalem schuf Torquato Tasso eines der bedeutendsten Werke der italienischen Literatur des 16. Jahrhunderts. Der italienische Originaltitel lautet Gerusalemme liberata. Das Gedicht erzählt vom Kampf eines christlichen Kreuzfahrerheeres um die Eroberung Jerusalems. Tasso verbindet darin den Stoff eines historischen Kriegszuges mit Liebesgeschichten und Zauberei. Er arbeitete über fünfzehn Jahre daran und vollendete es 1574; im Druck erschien es 1581.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der Schauplatz ist das Heilige Land zur Zeit der Kreuzzüge. Ein christliches Heer belagert Jerusalem, doch Uneinigkeit und Rückschläge lähmen den Feldzug. In diese kriegerische Handlung flicht Tasso mehrere Schicksale ein, die eng miteinander verwoben sind.
In der Stadt klagt sich die christliche Jungfrau Sofronia vor dem muslimischen Herrscher selbst eines Verbrechens an, um ein Massaker an der christlichen Minderheit abzuwenden. Ihr Geliebter Olindo bezichtigt sich daraufhin ebenfalls. Auf muslimischer Seite kämpft die jungfräuliche Kriegerin Clorinda, in die sich der christliche Held Tankred verliebt. Auch Erminia, eine Jungfrau aus Antiochia, liebt Tankred – und leidet, als sie erkennt, dass sein Herz einer anderen gehört.
Für zusätzliche Verwicklung sorgt die sarazenische Zauberin Armida. Sie erscheint im Lager der Christen und stiftet mit klugen Reden Zwietracht unter den Rittern. Mit ihrer Magie zieht sie einen Teil des Heeres in ihren Bann, und schließlich richtet sie ihre Kräfte gegen den berühmten Kreuzritter Rinaldo. Waffenglück und Liebe, Glaubensernst und Verzauberung greifen so unauflöslich ineinander.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn steht die schwierige Lage vor Jerusalem: Das christliche Heer ist zerstritten und erleidet Rückschläge. In der belagerten Stadt klagt sich Sofronia, eine christliche Jungfrau, vor dem muslimischen Herrscher eines Verbrechens an, um ein allgemeines Massaker an den Christen zu verhindern. Ihr Geliebter Olindo bezichtigt sich aus Liebe zu ihr ebenfalls. Das Eingreifen Clorindas rettet die beiden.
Clorinda, eine jungfräuliche Kriegerin, hat sich in Jerusalem den Muslimen angeschlossen. Der christliche Held Tankred verliebt sich in sie. In einer nächtlichen Schlacht setzt Clorinda einen christlichen Belagerungsturm in Brand. Im Dunkeln erkennt Tankred sie nicht und tötet sie versehentlich. Bevor sie stirbt, tritt sie zum Christentum über und wird von Tankred getauft. Ihre Gestalt ist literarischen Vorbildern nachgebildet: der Kriegerin Camilla bei Vergil und der Bradamante aus Ariosts Orlando furioso. Die Umstände ihrer Geburt – als weißhäutiges Kind äthiopischer Eltern – gehen auf Motive des Romans Aithiopika des Heliodor von Emesa zurück.
Auch Erminia, eine Jungfrau aus Antiochia, liebt Tankred und bittet die Bevölkerung Jerusalems, ihm zu helfen. Als sie merkt, dass Tankred Clorinda liebt, wird sie eifersüchtig. Eines Nachts stiehlt sie Clorindas Rüstung und verlässt die Stadt, um Tankred zu suchen. Christliche Soldaten verwechseln sie mit Clorinda und greifen sie an, sodass sie in einen nahen Wald flieht. Dort nimmt sich eine Hirtenfamilie ihrer an. Später erscheint sie im Gefolge der Zauberin Armida, wechselt schließlich aber von der muslimischen auf die christliche Seite. Als Tankred schwer verwundet wird, heilt sie ihn.
Die sarazenische Zauberin Armida – nach Homers Circe und Ariosts Alcina gestaltet – kommt ins Lager der Christen und fragt nach ihrem Ziel. Ihre Reden entzweien die Ritter. Ein Teil von ihnen verlässt mit ihr das Lager und wird kurz darauf in Tiere verwandelt. Danach will Armida den Kreuzritter Rinaldo töten, verliebt sich jedoch in ihn und entführt ihn auf eine magische Insel. Zwei christliche Ritter machen sich auf die Suche, entdecken die verzauberte Festung und dringen zu Rinaldo vor. Sie geben ihm einen Spiegel aus Diamant. Als Rinaldo hineinblickt, durchschaut er den Zauber, in dem er gefangen ist, und verlässt die Insel, um vor Jerusalem weiterzukämpfen. Armida bleibt mit gebrochenem Herzen zurück und will sich das Leben nehmen. Rinaldo findet sie rechtzeitig, verhindert ihren Tod und bewegt sie, zum Christentum überzutreten. Am Ende gelingt den Christen die Eroberung Jerusalems.
Stil↑
Das Gedicht folgt der Form des großen Versepos. Es gliedert sich in zwanzig Gesänge, die sogenannten Canti. Jeder Gesang umfasst etwa fünfundsiebzig bis hundertvierundvierzig Strophen zu je acht Zeilen. Diese Strophen sind Stanzen mit durchgehendem Endreim. Diese klar gebaute Form gibt dem umfangreichen Werk seinen gleichmäßigen, feierlichen Klang.
Tasso mischt zwei Erzählweisen. Auf der einen Seite steht der heroische Kriegsstoff nach dem Vorbild der antiken Epik, auf der anderen das Romantische und Zauberhafte, wie es sich in den Liebes- und Verwandlungsepisoden der Armida entfaltet. Seine Figuren sind vielfach aus der literarischen Überlieferung geschöpft: Clorinda erinnert an Vergils Camilla und an Ariosts Bradamante, Armida an Homers Circe und an Ariosts Alcina. Gerade diese Verbindung von strenger epischer Form und romantischem Inhalt wurde zu Tassos Zeit unterschiedlich beurteilt – manche seiner Berater fanden, das Eine passe nicht recht zum Anderen.
Rezeption↑
Über zwei Jahrhunderte hinweg fand das Epos in ganz Europa großen Anklang. Zugleich gab es Kritik. Manche Leser störten sich an den zauberhaften Ausschweifungen und an einem als verworren empfundenen Erzählverlauf.
Schon vor dem Druck rang Tasso mit dem Urteil anderer. Er sandte das Manuskript an zahlreiche Gelehrte, Dichter und Theologen und bat um deren Kritik. Sie lobten das Werk im Ganzen, wünschten sich aber an vielen Einzelheiten Änderungen – an der Handlung, am Titel, an der Wortwahl. Diese Einwände setzten dem Dichter schwer zu. Seine Gesundheit begann zu leiden, und er wollte Ferrara verlassen.
Nur wenige Stoffe haben Musik und Malerei so nachhaltig angeregt. Komponisten kehrten immer wieder zu den Figuren zurück, besonders zur Zauberin Armida. Claudio Monteverdi schuf Il combattimento di Tancredi e Clorinda, Jean-Baptiste Lully und später Christoph Willibald Gluck je eine Oper Armide, Georg Friedrich Händel den Rinaldo und Joseph Haydn die Oper Armida. Auch die Malerei griff die Szenen über Jahrhunderte auf, unter anderem bei Tintoretto, Nicolas Poussin, Giovanni Battista Tiepolo und Eugène Delacroix. Hinzu kommen zahlreiche Wandteppiche und Kupferstiche.
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