1857
Der Nachsommer
Überblick↑
Adalbert Stifters Roman erschien 1857 in drei Bänden. Er gilt als einer der großen Bildungsromane des 19. Jahrhunderts. Erzählt wird der behutsame, fast schon vom rauen Leben abgeschirmte Weg eines jungen Mannes ins Erwachsensein. Stifter entwirft darin ein idealisiertes Gegenbild zu seiner unruhigen Zeit: ein Leben, in dem Wissenschaft, Handwerk, Kunst und sittliche Reifung eine ruhige Einheit bilden. Der Untertitel lautet schlicht Eine Erzählung. Doch das Werk umfasst über tausend Seiten und gehört zu den anspruchsvollsten Romanen der deutschen Literatur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Heinrich Drendorf, Sohn eines wohlhabenden Wiener Kaufmanns, wächst in geordneten Verhältnissen auf. Der Vater ist ein gebildeter Sammler von Büchern und Bildern. Er gewährt ihm die Freiheit, seinen eigenen Neigungen zu folgen, statt einen bürgerlichen Brotberuf zu ergreifen. Heinrich entscheidet sich für ein Leben als Naturforscher. Er wandert durch das Stadtumland und später ins Hochgebirge. Er zeichnet Pflanzen, Tiere und Gesteine und versucht, dem Aufbau der Erdoberfläche auf die Spur zu kommen.
Auf einer dieser Wanderungen sucht er vor einem heraufziehenden Gewitter Schutz. Er gelangt zu einem Landhaus, dessen Wand über und über mit blühenden Rosen bedeckt ist. Der ältere Hausherr, ein Freiherr von Risach, nimmt ihn freundlich auf. Aus diesem zufälligen Besuch entwickelt sich eine immer wiederkehrende Einkehr im „Rosenhaus". Heinrich findet einen Mentor, der Landwirtschaft, Naturbeobachtung, Kunstpflege und altes Handwerk zu einer eigenen Lebensordnung zusammengefügt hat. Allmählich lernt er auch die mit Risach befreundete Mathilde und deren Tochter Natalie kennen. Die beiden kommen regelmäßig zur Rosenblüte aus dem nahen Sternenhof herüber.
Der Roman folgt nun in ruhigem Schritt der inneren Reifung des jungen Mannes: seinem Heranwachsen in Wissenschaft und Kunst, seiner stillen Annäherung an Natalie und den Lebenserfahrungen, die Risach und Mathilde im Hintergrund bereithalten. Die Spannung liegt nicht in äußeren Ereignissen, sondern in der behutsamen Entfaltung von Bildung, Empfindung und Bindung.
Die Handlung im Detail↑
Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Form von Heinrich Drendorf, dessen Name übrigens erst weit hinten im dritten Band genannt wird. Er wächst in Wien als Sohn eines Kaufmanns auf, der sich aus einfachen Verhältnissen zum Eigentümer eines erfolgreichen Handelsgeschäftes hochgearbeitet hat. Der Vater hat sich eine Bibliothek und eine kleine Kunstsammlung zugelegt; in seinem Haus herrscht eine strenge Ordnung, in der Schönheit und Sittlichkeit zusammengehören. Heinrich und seine Schwester Klotilde erhalten eine sorgfältige, an der idealistischen Philosophie ausgerichtete Erziehung. Bemerkenswert ist die Freiheit, die der Vater dem Sohn lässt: Heinrich muss keinen "nützlichen" Stand ergreifen, sondern darf seinem inneren Drang folgen. Der Mensch, so der Vater, sei nicht zuerst der Gesellschaft wegen da, sondern um seiner selbst willen, und die Tugend habe einen eigenen Reiz, der keine äußeren Zwecke brauche.
Heinrich entscheidet sich für ein Leben als Naturforscher. Er studiert die Verfahren der Landwirtschaft, des Handwerks und der frühen Industrie, sammelt Pflanzen, Tiere und Gesteine und wandert in die Hohen Berge. Beim Blick von dort fallen ihm die Ähnlichkeiten der großen Gebirgsformen mit winzigen Eiskristallen auf einer Fensterscheibe auf, und er will dem Werden der Erdoberfläche durch das Sammeln vieler kleiner Beobachtungen näherkommen.
Vor einem heraufziehenden Gewitter sucht er einmal Schutz und wird von den blühenden Rosen an einer Hauswand angezogen. So gelangt er auf den Asper- oder Rosenhof, dessen Besitzer, Gustav Freiherr von Risach, ihn freundlich aufnimmt. Risachs Namen erfährt er zunächst nur von Dorfleuten; aus dessen eigenem Mund hört er ihn erst spät. Aus den ersten Besuchen wird eine feste Gewohnheit, und Risach wird Heinrichs Mentor.
Der Gutsherr ist Sammler, Naturforscher und ein hingegebener Pfleger des Alten. Den alten Hof hat er nach ökologischen Gesichtspunkten zu einem wohlgeordneten Betrieb umgebaut, ein "gesegnetes, von Gott beglücktes Land". An der Wettervorhersage erklärt er Heinrich, dass genaue Beobachtungen von Insekten, Vögeln und Pflanzen mehr Erkenntnisse bringen können als alle Messgeräte und dass man auch die kleinsten Dinge nicht vernachlässigen dürfe. Im "Schreinerhaus" betreibt Risach eine Restaurierungswerkstatt für alte Möbel und Geräte; Meister Eustach hütet dort Sammlungen alter Baupläne und Ornamentzeichnungen, während sein Bruder Roland in den Dörfern altes restaurierungswürdiges Kunsthandwerk aufkauft, um es vor dem Verfall zu bewahren.
Im Inneren des Hauses, auf der zentralen Marmortreppe, hat Risach eine Mädchenskulptur aus weißem Marmor aufgestellt, die er als Trümmerstück auf einer Italienreise erworben hatte und die sich nach Reinigung als antikes Kunstwerk entpuppte. Etwa in der Mitte des Romans, wieder ist ein Gewitter im Spiel, erlebt Heinrich vor dieser Statue ein Erweckungserlebnis, das ihm den Zugang zur Kunst öffnet. In seiner Phantasie verschmelzen die Statue, die in Risachs Haus verkehrende Natalie und die homerische Nausikaa zu einer einzigen Gestalt.
Natalie ist die Tochter von Mathilde, einer Freundin Risachs, die mit ihrer Tochter regelmäßig zur Rosenblüte vom nahen Sternenhof herüberkommt. Vor den blühenden Rosen findet jedes Mal eine fast zeremonielle Aufstellung statt, in die auch Heinrich eingereiht wird, ohne deren Bedeutung zu kennen. Erst spät, im Rückblickskapitel des dritten Bandes, erzählt ihm Risach von seiner eigenen Jugendliebe, die unglücklich verlaufen war und sich erst im Alter erfüllen konnte: Risach und Mathilde sind das ältere Paar, das einander einst verloren hat und nun einen späten, milden "Nachsommer" miteinander erlebt.
Unter der wissenden, aber sich nie einmischenden Begleitung der beiden Älteren vertieft sich zwischen Heinrich und Natalie eine Liebe, die beide lange für sich behalten. Sie bricht in einer Grotte hervor, die Mathilde auf dem Sternenhof anlegen ließ und in der eine Brunnennymphe steht. Im Gespräch über Marmor, Edelsteine und über die Bedeutung des Wassers als "bewegtes Leben des Erdkörpers" gestehen die beiden einander ihre Liebe und schwören sich ewige Treue. Sie machen die Heirat aber von der Zustimmung der Eltern abhängig, an der für den Leser kein Zweifel besteht.
Die negativen Erfahrungen des älteren Paares haben so jene Einsicht, jene Ordnung und jenen Reichtum geschaffen, in dem das junge Paar zur Erfüllung finden kann. Die Liebesgeschichte Heinrichs und Natalies mündet in die Heirat.
Stil↑
Stifter erzählt in einer ruhigen, gleichmäßig dahinfließenden Prosa. Sie gleicht das Tempo des Erzählens dem Tempo des Reifens an. Heinrich berichtet selbst, in der Ich-Form. Er tut dies mit einer Genauigkeit, die jedes Werkstück, jede Pflanze und jeden Stein in eigenen Sätzen würdigt. Dingbeschreibungen, Naturbetrachtungen und Gespräche über Kunst nehmen breiten Raum ein. Äußere Handlung tritt zugunsten innerer Entwicklung zurück.
Der Roman ist streng komponiert: drei Bände mit jeweils klar benannten Kapiteln. Deren Titel wie „Die Häuslichkeit", „Die Einkehr", „Die Annäherung", „Der Bund", „Die Entfaltung", „Der Abschluss" bilden den Stufengang der Bildungsgeschichte ab. Bestimmte Motive kehren wieder, gewinnen Tiefe und verknüpfen die Handlungslinien: die Rosen am Haus, das aufziehende Gewitter, die Marmorstatue, das Wasser, die alten Möbel. Auch die Spiegelung zweier Paare gehört zu dieser strengen Form. In ihr findet jedes Element seinen Platz in einer übergeordneten Ordnung.
Stifters Stil ist von einer ausdrücklichen Verbindung des Schönen und des Sittlichen geprägt. Die Ästhetik gründet in der Beobachtung der Schöpfung. Kunst und Natur werden nach denselben Maßstäben betrachtet. Die „Ruhe in der Bewegung" gilt als Bedingung jeden gelungenen Werks.
Rezeption↑
Der Nachsommer hat von Anfang an gespaltene Urteile hervorgerufen. Die langsame Erzählweise, die ausführlichen Dingbeschreibungen und der Verzicht auf dramatische Zuspitzung erschienen vielen Lesern als Zumutung. Anderen galten gerade diese Eigenschaften als Stifters eigentliche Größe. Als großer Bildungsroman des 19. Jahrhunderts steht das Werk heute neben den klassischen Vertretern der Gattung. Es gehört zum festen Bestand der deutschsprachigen Literatur. Es wird bis in die Gegenwart als idealisierter Entwurf eines gelingenden Lebens gelesen, in dem Wissenschaft, Handwerk, Kunst und sittliche Reifung zu einer geschlossenen Ordnung zusammenfinden.
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