1877
Waldheimat. Erinnerungen aus der Jugendzeit
Überblick↑
Die Sammlung Waldheimat. Erinnerungen aus der Jugendzeit enthält Erzählungen aus Peter Roseggers Kindheit und Jugend in der Obersteiermark. Sie erschien erstmals 1877 bei Gustav Heckenast in Preßburg und Leipzig. Die erste Ausgabe umfasste laut den Rosegger-Museen 29 Texte, die meisten waren vorher schon in Zeitschriften und Zeitungen gedruckt.
Danach erweiterte Rosegger das Buch mehrfach. In den 1880er Jahren lag es bei A. Hartleben in zwei Bänden vor. Die Ausgabe letzter Hand in den Gesammelten Werken von 1913 bis 1916 hat vier Bände mit 130 Geschichten: Das Waldbauernbübel, Der Guckinsleben, Der Schneiderlehrling und Der Student auf Ferien.
Viele kennen die Geschichten unter dem Titel Als ich noch der Waldbauernbub war. Diese Ausgabe ist eine Auswahl für die Jugend. Der Hamburger Jugendschriftenausschuss stellte sie zusammen, sie erschien von 1900 bis 1902 in drei Teilen. Das Vorwort des ersten Teils ist auf Oktober 1899 datiert. Der Druck von 1905 trägt den Verlag L. Staackmann in Leipzig und zählt beim ersten Teil bereits das 61. bis 70. Tausend.
Die Auswahl ist kürzer und bleibt bei der Kindheit, deckt sich aber nicht genau mit Waldheimat. Der erste Teil nennt als Vorlagen zwei andere Bücher Roseggers, Waldferien und das Deutsche Geschichtenbuch. Der zweite Teil schöpft vor allem aus Waldheimat. Elf der zwölf Geschichten des ersten Teils stehen unter fast gleichem Titel auch in der Ausgabe letzter Hand.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird in der Ich-Form von Peter, dem Sohn des Waldbauern, auf einem abgelegenen Hof in Alpl, das bei Rosegger Alpel heißt. Er hütet das Vieh, hilft bei der Ernte und liest, was er an Büchern bekommt. Vater und Mutter, Knechte, Mägde und Nachbarn treten immer wieder auf. Die Wege führen über Berg und Wald nach Krieglach, Langenwang und Sankt Kathrein.
Eine durchgehende Handlung gibt es nicht. Die Geschichten folgen ungefähr dem Lebensalter. Sie erzählen von Streichen und Strafen, von Weihnachten und Wallfahrten und von der ersten Eisenbahn am Semmering. Später lernt Peter als Schneider und zieht mit seinem Meister von Hof zu Hof. Der vierte Band der Ausgabe letzter Hand begleitet ihn als Studenten in den Ferien zurück nach Hause.
Die Handlung im Detail↑
In Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß erzählt der Vater beim Aufstellen der Garben eine alte Familiengeschichte. Der Urgroßvater floh auf dem Heimweg von der Brautwerbung vor Wölfen auf eine riesige Tanne und überstand dort ein Hagelwetter. Davon bekam er die ersten grauen Haare.
In Ums Vaterwort zerlegt der kleine Peter an einem Christabend das neue Kruzifix des Vaters. Vor der Rute versteckt er sich stundenlang im Uhrkasten. Erst als der Vater beim Beten aufschluchzt, schreit er auf und wird befreit. Da versteht er, warum er den Vater immer wieder gereizt hat: Er sehnte sich nach dessen Blick und Stimme.
Wie ich dem lieben Herrgott mein Sonntagsjöppel schenkte beginnt mit der Martinslegende, die ihm die Mutter erzählt. Am Abend hält Peter einen alten Mann auf der Schafheide für den verkleideten Gott und schneidet seine neue Jacke entzwei. Am nächsten Morgen bringt der Alte das Stück zum Vater, und nur die Mutter bewahrt den Buben vor der Strafe.
In Wie das Zicklein starb wollen die Kinder dem alten Vetter Jok ein Zicklein zum Namenstag schenken. Peter soll bei der Nachbarin Glut holen und lässt dabei aus Spielerei einen Brotlaib den Hang hinabrollen. Der Laib erschlägt das Zicklein. Jok sagt, es sei ein Stein gewesen, und deckt den Buben.
Als ich Bettelbub gewesen erzählt von den Wallfahrern aus Ungarn, die jedes Jahr durch den Wald nach Mariazell ziehen. Die Kinder knien am Weg, beten laut und sammeln Gaben. Als Peter etwa zehn ist, sagt ein alter Pilger im Vorbeigehen nur „Bettelbub“. Danach hört er damit auf.
In Als ich zur Drachenbinderin ritt holt ein Knecht den Buben im Winter huckepack über die Berge. Eine kranke alte Frau möchte ihr Testament aufschreiben lassen. Im Haus fehlt jedes Schreibzeug, und so schreibt Peter mit Kohle auf den Deckel eines alten Schranks. Als Lohn bekommt er ihr kleines Hauskirchlein.
Als ich Christtagsfreude holen ging schickt den Buben in seinem zwölften Lebensjahr am Christabend nach Langenwang. Er soll dort Geld eintreiben und für das Festessen einkaufen. Der Holzhändler zahlt nur einen Teil, der Kaufmann gibt das Übrige auf Borg. Auf dem Heimweg läuft ihm ein Mann mit dem Bündel davon, ein Kohlenführer hilft ihm. Daheim schläft Peter beim Essen ein und wacht erst am Christtag auf.
In Als ich das erstemal auf dem Dampfwagen saß hält Oheim Jochem die neue Semmeringbahn für Teufelswerk. Nach der Wallfahrt nach Mariaschutz will er dann doch fahren und nimmt Peter mit. Sie bleiben über ihr Ziel hinaus sitzen, müssen in Mürzzuschlag nachzahlen und haben kein Geld. Stundenlang hält man sie auf dem Bahnhof fest.
Als ich zum Pfluge kam schildert den Tag, an dem Peter vom Hirten zum Pflüger aufsteigt. Im dritten Band beginnt mit Am ersten Tage die Lehre. Der Siebzehnjährige gilt als zu schwach für den Hof, die Mutter fragt erst bei einem Dechanten und dann bei einem Schneider an. In Mein erstes Honorar dichtet er für einen Hochzeitszug vor Wiener Ausflüglern. Einer der Gäste drückt dem Meister einen Kreuzer in die Hand, damit sie aufhören.
Als ich davonging setzt zu Weihnachten 1864 ein. Auf der Post in Krieglach warten Briefe, Bücher und Geld, denn Adalbert Svoboda hat in der Grazer Tagespost über den jungen Dichter geschrieben. Peter geht in eine Buchhandlung nach Laibach, hält es aber vor Heimweh nur etwa eine Woche aus. Auf der Rückfahrt bleibt er in Graz.
Der vierte Band führt zurück nach Hause. In Der erste Christbaum in der Waldheimat stellt der Student für seinen kleinen Bruder Nickerl ein Bäumchen auf, die Kerzen schneidet er aus dem Wachsstock der Mutter. So leb' denn wohl, du stilles Haus! erzählt vom Niedergang des Hofs durch Hagel, faule Lärchen und Gläubiger. Der Waldheimat letzter Tag gilt dem Tod der Mutter 1872, die Nachricht erreicht Rosegger in Graz. Das Büscherl auf dem Hut schließt mit dem Vater und seinem Hut. Der Hochzeitsschmuck daran ist nach dem Begräbnis der Mutter verschwunden.
Stil↑
Rosegger erzählt in kurzen, abgeschlossenen Episoden, oft mit einer Pointe am Ende. Die Gespräche stehen in steirisch gefärbter Sprache, Wörter wie „kleber“ oder „Germ“ erklärt er manchmal in Klammern. Der Erzähler blickt als Erwachsener zurück und spottet gern über sich selbst.
Eine Autobiografie im strengen Sinn wollte er damit nicht geschrieben haben. „Eine eigentliche Lebensbeschreibung ist es nicht geworden“, heißt es im Vorwort der Ausgabe letzter Hand. Den Waldbauernbuben dürfe man auf seine Person beziehen: „Man kann es tun, aber mit einiger Vorsicht.“ Grundlage seien eigene Erlebnisse, aber auch solche anderer Leute. Außerdem habe sein Gedächtnis manchmal Dinge und Namen verwechselt.
Auch die Rosegger-Museen sehen in den Geschichten streng genommen keine autobiografischen Erzählungen. Rosegger begann demnach 1870 mit der Niederschrift, zwei Jahre nach dem Verkauf des Hofs. In vielen Texten beschreibt er das Elend der ländlichen Unterschicht deutlich, in anderen beschönigt er die Vergangenheit.
Rezeption↑
Das Buch brachte Rosegger auch finanziellen Erfolg. Die Zeitschrift Die Grenzboten hob 1881 die kleineren Skizzen hervor, darunter Waldheimat, und lobte ihre feinen und humorvollen Beobachtungen. Den Buchtitel begründete Rosegger in einem Brief an Heckenast: Dieser Begriff erkläre am besten „die Zustände und Geschehnisse“, von denen die Rede sei.
Eine Geschichte aus der Grazer Tagespost von 1872 ging später als Als ich zur Drachenbinderin ritt in die Sammlung ein. Aus dem Buchtitel wurde mit dem Erfolg ein Ortsname. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts steht die Waldheimat als Gegend in der Obersteiermark auf Landkarten.
Die Jugendauswahl verbreitete das Bild vom Waldbauernbuben weiter. Sie erscheint bis heute in neuen Ausgaben, 2023 etwa bei Anaconda nach einer Auswahl von 1974. Hermann Leitner und Wolf Dietrich drehten 1983 und 1984 die Fernsehserie Waldheimat mit 26 Folgen.
Die Forschung liest den Erfolg auch kritisch. Der Literaturwissenschaftler Karl Wagner sah in den Geschichten den Beweis für ein „kollektive[s] Regressionsbedürfnis“, also den Wunsch vieler Leser, sich in die Kindheit zurückzuziehen. Das Universalmuseum Joanneum will sich in seinen Rosegger-Museen vom Klischee des romantisch verklärten Waldbauernbuben lösen und Rosegger auch als kritischen, politischen Autor zeigen.
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