1936
Wachtmeister Studer
Überblick↑
Der Kriminalroman Wachtmeister Studer des Schweizer Schriftstellers Friedrich Glauser führte eine Ermittlerfigur ein, die den deutschsprachigen Kriminalroman geprägt hat. Jakob Studer, Fahnder der bernischen Polizei, wurde zur Hauptfigur von fünf Romanen, drei Romanfragmenten und fünf Erzählungen, die Glauser innerhalb von rund sechs Jahren schrieb. Erst durch diese Figur wurde Glauser einem breiteren Publikum bekannt. Nicht die Jagd auf den Täter steht im Mittelpunkt, sondern die dichte Schilderung der Schauplätze und die Frage nach dem Beweggrund hinter der Tat.
Der Roman erschien zunächst vom 24. Juli bis zum 2. Oktober 1936 als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift Zürcher Illustrierte, im Dezember 1936 folgte die Buchausgabe im Morgarten-Verlag in Zürich. Glauser selbst hatte sein Buch Schlumpf Erwin Mord genannt; die Redaktion änderte den Titel jedoch gegen seinen Willen in Wachtmeister Studer, worüber sich Glauser wiederholt beklagte. Erst 1995 erschien der Roman im Limmat Verlag wieder unter seinem ursprünglichen Titel.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Jakob Studer, ein großer, korpulenter Mann mit grauen Haaren, Schnurrbart und Filzhut, der seine krummen «Brissago»-Zigarren raucht. Er steht kurz vor der Pensionierung. Einst war er ein angesehener Kommissar bei der Stadtpolizei in Bern, doch nach einer «Bankaffäre», in die er durch sein eigenwilliges Handeln geriet, musste er ganz unten wieder anfangen.
Studer nimmt sich eines Todesfalls an, bei dem rasch ein junger Mann in Verdacht gerät. Doch der Wachtmeister lässt sich nicht auf einen schnellen Schuldspruch ein. Er arbeitet langsam und geduldig, verlässt sich weniger auf harte Tatsachen als auf sein Gespür für die Menschen und die Atmosphäre, in der sie leben. «Ich brauch weniger die Tatsachen als die Luft, in der die Leute gelebt haben… Verstehst?», sagt er einmal. Wo andere nur einen Schuldigen sehen, sucht Studer nach dem Beweggrund und nach dem Menschen dahinter.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman entfaltet einen Kriminalfall im Berner Milieu der frühen 1930er Jahre; die Handlung spielt 1932. Ein junger Mann, Erwin Schlumpf, gerät in Verdacht, den Handelsreisenden Wendelin Witschi im Wald bei dem fiktiven bernischen Dorf Gerzenstein erschossen zu haben. Für die Behörden scheint der Fall bald klar, doch Studer traut dem raschen Urteil nicht. Statt den Verdächtigen abzustempeln, tastet er sich langsam an die Verhältnisse heran, hört zu und beobachtet, wie die Menschen miteinander leben. Sein Interesse gilt dem Motiv, das hinter der Tat steht, und den kleinen Leuten, die dabei unter die Räder zu geraten drohen.
Studers Wesen zeigt sich in seinem Umgang mit den Beschuldigten. Bürokratie ist ihm ein Gräuel, gegen Obrigkeiten, Studierte und Privilegierte stellt er sich immer wieder. Für die Verlierer der Gesellschaft aber ergreift er Partei. Ein Zug, den Glauser aus einem eigenen Erlebnis übernahm: Als er selbst einst von einem Fahnder-Wachtmeister der bernischen Polizei in die Strafanstalt gebracht wurde, löste dieser ihm die Fesseln, nahm ihn ins Bahnhofbuffet mit und bat später, man solle nett zu ihm sein, er sei kein Verbrecher. Diesen mehrfachen Vertrauensbeweis eines Polizisten gab Glauser an seine Figur weiter – die entsprechende Szene, in der Studer einem Verurteilten auf dem Weg in die Strafanstalt am Bahnhofbuffet noch einen Umtrunk spendiert, strich er allerdings vor der Drucklegung wieder aus dem Roman. Erhalten blieb nur ein Nachhall davon in einer Traumszene, in der Studer sagt: «Aber ich zahl dir keinen Halben Roten im Bahnhofbuffet. Ich nicht!» Die volle Szene mit dem großzügigen Wachtmeister findet sich stattdessen im Nachfolgeroman Matto regiert.
Die Ermittlung folgt nicht dem Schema des überlegenen Detektivs, der alles durchschaut. Studer «drückt» oft «ein Auge zu», weil er nicht strafen, sondern verstehen und helfen will. Rund um ihn tauchen wiederkehrende Gestalten auf: seine Frau Hedwig, genannt Hedy, mit der er ein eher kameradschaftliches Verhältnis pflegt und in der Thunstrasse 98 in Bern wohnt, sowie Kollegen und Helfer aus dem Polizeiapparat. Der Fall selbst dient Glauser vor allem dazu, ein Bild der Menschen und ihrer Nöte zu zeichnen und die Frage zu stellen, wie viel Gerechtigkeit ein einzelner, gütiger Mann in einer harten Welt überhaupt herstellen kann.
Stil↑
Charakteristisch für den Roman ist, dass die eigentliche Verbrechensaufklärung in den Hintergrund tritt. Glauser legt den Schwerpunkt auf die atmosphärische Beschreibung der Schauplätze und auf das Motiv hinter der Tat. Die Spannung entsteht weniger aus der Frage «Wer war es?» als aus dem langsamen Eindringen in ein Milieu und in die Seelen der Beteiligten.
Sein Vorbild fand Glauser bei Georges Simenon und dessen Kommissar Maigret. Wie Maigret gehört auch Studer nicht zu den «Schlaumeiern mit dem Psychologenblick», jenen kühlen Denkmaschinen der herkömmlichen Detektivliteratur. Glauser wollte den Ermittler «vom Sockel» holen und ihn zu einem mitfühlenden Menschen machen. Von seinem Vorbild unterscheidet sich Studer durch sein vorgerücktes Alter und seine ausgeprägte Empathie mit den Gescheiterten und Benachteiligten.
Die Sprache ist nüchtern und genau, mit einem Sinn für das Detail und für die «Luft», in der die Menschen leben. Glauser färbt seinen Text mit mundartlichen und regionalen Ausdrücken ein – vom «harten Grind» bis zur «Brissago»-Zigarre – und schafft so ein dichtes Bild der Berner Welt. Immer wiederkehrende Bilder prägen die Figur, etwa Studers Lieblingshaltung: rittlings auf einem Stuhl, die Schenkel gespreizt, die Unterarme aufgestützt, die Hände gefaltet.
Rezeption↑
Erst mit der Figur des Wachtmeister Studer wurde Friedrich Glauser einem breiteren Publikum bekannt. Sein Leben verlief unstet und exzessiv: geboren 1896 in Wien, gestorben 1938 in Nervi, war er mit den Zürcher Dadaisten bekannt, kämpfte in der Fremdenlegion und verbrachte wegen seiner Drogenabhängigkeit Teile seines Lebens in Heil- und Strafanstalten. Vieles davon floss in die Menschlichkeit seiner Ermittlerfigur ein.
Studer gilt als früher Vertreter jenes unkonventionellen Ermittlers, der später zur zentralen Figur des Kriminalromans werden sollte – von Chandlers Marlowe über Dürrenmatts Bärlach bis zu Mankells Wallander und Schneiders Hunkeler. Peter Bichsel nannte Studer «eine der wunderbarsten Spiesserfiguren», einen lieben, vernünftigen und gütigen Menschen. In der Forschung wird die Figur oft als Mischung aus einer idealisierten Vaterfigur und einem Symbol der Gerechtigkeit gedeutet – beides Dinge, die Glauser im eigenen Leben vermisst hatte.
Die Nachwirkung reicht bis in die Gegenwart. Die Studer-Romane Wachtmeister Studer, Die Fieberkurve, Matto regiert, Der Chinese und Krock & Co. erscheinen bis heute gesammelt. Die anhaltende Beschäftigung mit der Figur zeigt sich auch in neueren Fortschreibungen: 2021 verfasste die Germanistin Ursula Hasler Roumois mit Die schiere Wahrheit einen Roman, in dem sich Glauser und Simenon begegnen und gemeinsam einen Kriminalroman entwerfen. 2022 schrieb der Tessiner Autor Andrea Fazioli ein unvollendetes Ascona-Fragment Glausers weiter und löste den darin angelegten Fall auf.
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