1761 – 1819
August von Kotzebue
Kurzporträt↑
Wenige Autoren beherrschten die europäischen Bühnen um 1800 so vollständig wie August von Kotzebue. Der 1761 in Weimar geborene Dramatiker schrieb über 240 Stücke, die auf allen Bühnen Europas gespielt wurden. Neben August Wilhelm Iffland war er einer der meistgespielten Autoren seiner Zeit; allein Johann Wolfgang von Goethe inszenierte 87 seiner Dramen. Kotzebue wirkte in Sankt Petersburg, Wien, Königsberg und im baltischen Reval, bekleidete politische Ämter und stieg bis zum russischen Staatsrat und Generalkonsul auf. Als spätaufklärerischer Denker trat er für eine aufgeklärte Restauration ein und griff die deutsche Nationalbewegung polemisch an. So wurde er zum Hassobjekt der nationalliberal gesinnten Studenten. Seine Ermordung durch den Burschenschafter Karl Ludwig Sand im Jahr 1819 war der Auslöser der Karlsbader Beschlüsse.
Biografie↑
Geboren wurde August Friedrich Ferdinand von Kotzebue am 3. Mai 1761 im Gelben Schloss in Weimar. Sein Vater Levin Karl Christian Kotzebue war sachsen-weimarischer Legationsrat und stammte aus der angesehenen Ratsfamilie Kotzebue; er starb wenige Monate nach der Geburt des Sohnes. Die Mutter Christine, geborene Krüger, überlebte ihn um viele Jahrzehnte. August besuchte das Wilhelm-Ernst-Gymnasium in Weimar, wo ihn unter anderem der Märchendichter Johann Karl August Musäus unterrichtete, der zugleich sein angeheirateter Onkel war. Schon 1776 stand der Junge gemeinsam mit Goethe in dessen Stück Geschwister auf der Bühne, in der Rolle des Briefträgers.
Nach der Reifeprüfung 1777 begann Kotzebue mit sechzehn Jahren ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Jena. Er setzte es in Duisburg fort und schloss es 1780 ab. Zunächst ließ er sich für kurze Zeit als Rechtsanwalt in Weimar nieder. Durch Beziehungen des Diplomaten Johann Eustach von Görtz kam er als Sekretär des Generalgouverneurs nach Sankt Petersburg. 1783 wurde er zum Assessor am Obersten Gerichtshof in Reval berufen. Von 1785 bis 1795 war er Präsident des Magistratsgerichts für ziviles Recht des Gouvernements Estland. In den russischen Adelsstand erhoben, heiratete er im Februar 1785 Friederike Julie Dorothea von Essen, die dem alten estländischen Adel entstammte.
Kotzebues literarische Anfänge lagen im erzählerischen Schreiben. 1780 und 1781 erschienen anonym mehrere epische Texte, die als seine frühesten bekannten Veröffentlichungen gelten, darunter die Verserzählung Ralph und Guido. In Reval erwarb er sich Anerkennung durch Romane wie Die Leiden der Ortenbergischen Familie und Die Geschichte meines Vaters sowie durch Dramen wie Adelheid von Wulfingen, Menschenhass und Reue und Die Indianer in England. Der gute Ruf aus diesen Arbeiten wurde jedoch beinahe zerstört durch die zynische Satire Doctor Bahrdt mit der eisernen Stirn, die 1790 unter dem Namen Adolph von Knigges erschien. Nach dem Tod seiner ersten Frau reiste er im Dezember 1790 nach Paris; den Verlust verarbeitete er in der autobiografischen Schrift Meine Flucht nach Paris im Winter 1790. 1795 legte er sein Amt nieder und zog sich auf ein Anwesen nahe Reval zurück.
Bereits 1782 hatte Kotzebue in Sankt Petersburg administrative Aufgaben für die deutsche Bühne übernommen und mit dem historischen Drama Demetrius Iwannowitsch. Zaar von Moscau als Dramatiker debütiert. Anfang 1798 nahm er den Ruf als Direktor am Hoftheater in Wien an, legte das Amt aber nach Meinungsverschiedenheiten mit den Schauspielern gegen Jahresende wieder nieder. 1799 kehrte er in seine Geburtsstadt zurück, doch da zwischen ihm und Goethe kein gutes Verhältnis bestand und ihn zudem die romantische Schule angriff, wurde seine Stellung in Weimar unhaltbar. Im April 1800 wollte er nach Estland zurückreisen, wurde aber an der Grenze unter dem Verdacht, Jakobiner zu sein, verhaftet und nach Sibirien verschleppt. Ein Einakter, der der Eitelkeit des Zaren Paul I. schmeichelte, führte nach drei Monaten zu seiner Begnadigung. Kotzebue erhielt die Leitung des Deutschen Theaters in Sankt Petersburg und schilderte diese Zeit in Das merkwürdigste Jahr meines Lebens.
Nach der Ermordung Pauls I. lebte Kotzebue ab 1801 wieder in Deutschland, unter anderem in Berlin, wo er zusammen mit Garlieb Merkel die Zeitschrift Der Freimütige herausgab und den Almanach dramatischer Spiele begann. In seiner baltischen Wahlheimat Reval wirkte er ab 1807 am Aufbau eines festen Theaters mit. Während der Napoleonischen Kriege gab er die antinapoleonischen Blätter Die Biene und Die Grille heraus und verfasste historiografische Arbeiten, darunter eine Geschichte des Deutschen Ordens und eine Geschichte des Deutschen Reiches. 1813 folgte er der russischen Armee nach Berlin. 1814 und 1815 diente er als russischer Generalkonsul in Königsberg und leitete dort zeitweise das Theater. 1817 ging er als reisender Literaturattaché nach Deutschland zurück.
Auf dem Wartburgfest im Oktober 1817 wurden auch Schriften Kotzebues verbrannt. In seinem Literarischen Wochenblatt setzte er sich gegen diese Bücherverbrennung und die Angriffe zur Wehr und weitete seine Kritik auf die Urburschenschaft aus. Nach einer Erholungsreise siedelte er 1818 nach Mannheim über. Dorthin folgte ihm der Jenaer Theologiestudent und Burschenschafter Karl Ludwig Sand, der ihn am 23. März 1819 in seinem Wohnhaus erstach, vor den Augen seines vierjährigen Sohnes. Im September 1819 verwiesen die Karlsbader Beschlüsse ausdrücklich auf diesen Mord; sie nahmen die zuvor gewährten Ansätze von Presse-, Meinungs- und Forschungsfreiheit zurück. Sand wurde im Mai 1820 hingerichtet. Kotzebues Grab befindet sich auf dem Hauptfriedhof in Mannheim, wenige Meter von dem seines Mörders entfernt.
Literarische Merkmale↑
Erfolg war bei Kotzebue kein Zufall, sondern Kalkül. Sein erster Welterfolg Menschenhass und Reue von 1789 verband Themen wie Gattenliebe, Mutterliebe, Ehebruch und Standesunterschiede im hohen, im rührenden und im komischen Ton. Laut der Neuen Deutschen Biographie waren diese Zutaten so genau auf die Publikumserwartungen abgestimmt, dass der einkalkulierte Erfolg vollständig eintrat. Nach demselben Rezept schrieb er weit über zweihundert Stücke: Der Zuschauer sollte niemals brüskiert werden, immer ein wenig klüger als die Bühnenhelden sein, und tragische Katastrophen wurden vermieden oder im letzten Augenblick aufgelöst. Die NDB ordnet dieses Verfahren der Trivialliteratur zu.
Sein Werk war außerordentlich umfangreich und reichte weit über das Drama hinaus. Kotzebue verfasste Romane, Skizzen und Erzählungen, autobiografische Schriften und historiografische Arbeiten. Als politischer Publizist kämpfte er in mehreren, zum Teil von ihm mitherausgegebenen Zeitschriften gegen Napoleon. In seinen späteren Jahren trat eine veränderte politische Haltung deutlich hervor. Er lobte die Monarchie vor der Demokratie, rückte von der unbedingten Forderung nach Freiheit und Gleichheit ab, verteidigte die Pressezensur und wetterte gegen den neuen Geist der Universitäten. Den Turnvater Jahn, das Idol der damaligen Jugend, verspottete er und machte sich so bei ihr verhasst.
Rezeption↑
An den Bühnenstücken des sogenannten „Theatergenies“ kam um 1800 kaum ein Theaterbesucher vorbei. Kotzebue war neben Iffland einer der meistgespielten Autoren seiner Zeit, und seine Dramen wurden in viele europäische Sprachen übersetzt. Der gewaltsame Tod machte den ohnehin bekannten Autor noch populärer: Er blieb im 19. Jahrhundert der am meisten gespielte Autor in Europa. Sein Nachhall reichte in die Populärkultur; auf die Figur des armen Poeten Lorenz Kindlein aus dem Schauspiel Der arme Poet nahmen 1845 die satirischen Beiträge der Fliegenden Blätter Bezug.
Zugleich stieß Kotzebue schon zu Lebzeiten auf scharfe Kritik. Die Literaturkritik seiner Zeit griff ihn als modischen und seichten Vielschreiber an. Er geriet in massive Auseinandersetzungen mit den Frühromantikern sowie mit Goethe und Schiller. Seine antiliberale Wende und der Spott über die Nationalbewegung trugen ihm den Hass der studentischen Jugend ein. Dieser politisch motivierte Hass führte schließlich zu seiner Ermordung, die als Vorwand diente, die Karlsbader Beschlüsse in Kraft zu setzen. In der Folge wurde der staatliche Dirigismus verstärkt, die Burschenschaften wurden verboten und die Autonomie der Universitäten weitgehend zerstört.
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