Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Ousmane Sembène
Eingang · Autoren · Ousmane Sembène
Porträt Ousmane Sembène
Ousmane Sembène
1923 – 2007
– Autorenporträt –

Ousmane Sembène

1923 – 2007 · 84 Jahre

Senegalesischer Erzähler und Filmregisseur, der vom Hafenarbeiter zum Chronisten des Kolonialismus wurde und als „Vatergestalt“ des afrikanischen Kinos südlich der Sahara gilt.

Kurzbiografie↑

Ousmane Sembène wurde 1923 im senegalesischen Ziguinchor geboren und starb 2007 in Dakar. Er war Schriftsteller und Filmregisseur zugleich und gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller Afrikas. Für das Kino südlich der Sahara wird er als „Vatergestalt“ bezeichnet. Sein Weg führte vom Maurer und Hafenarbeiter über den Roman zum Film: Er wollte auch jene Menschen erreichen, die seine Bücher nicht lasen. Zu seinen bekanntesten Arbeiten zählen der Roman Gottes Holzstücke über einen Eisenbahnerstreik in der Kolonialzeit und die Filme Die Schwarze aus Dakar und Ceddo.


Biografie↑

Aufgewachsen ist Sembène als Sohn eines muslimischen Fischers aus der Volksgruppe der Lébou. Mit vierzehn Jahren musste er die Schule verlassen. Von 1938 bis 1944 arbeitete er in Dakar als Mechaniker und Maurer. In diesen Jahren entdeckte er das Kino für sich und las viel.

1944 wurde er in die französische Armee eingezogen, in den Krieg gegen Deutschland, als sogenannter „Tirailleur Sénégalais“, also Senegalschütze. 1946 kehrte er nach Dakar zurück. Im Jahr darauf nahm er am großen Eisenbahnerstreik teil, einem Ereignis, das ihn später literarisch beschäftigen sollte.

1948 ging er wieder nach Frankreich. Zunächst arbeitete er in einer Citroën-Fabrik in Paris, danach zehn Jahre lang als Hafenarbeiter in Marseille. In dieser Zeit engagierte er sich stark in Gewerkschaftskämpfen. Unter anderem beteiligte er sich an der Blockade von Schiffsladungen, die für den französischen Krieg in Vietnam bestimmt waren. 1956 erschien sein erster Roman.

Dann kam eine Einsicht, die seinen Lebensweg umlenkte. Sembène wurde klar, dass seine Bücher die Arbeiter und die Menschen auf dem Land in seiner Heimat nicht erreichten. Er beschloss, Filme zu drehen. 1961 reiste er nach Moskau, um dort Filmwissenschaften zu studieren.

1966 erhielt er den Prix Jean Vigo für Die Schwarze aus Dakar. Der Film erzählt von einer jungen Afrikanerin, die in Frankreich als Dienstmädchen arbeitet. Die Vorlage stammte aus seiner eigenen Feder: eine Kurzgeschichte aus dem Band Le Voltaïque.

Als sein bedeutendster Roman gilt Gottes Holzstücke, im Original Les Bouts de bois de Dieu. Er handelt von jenem großen Eisenbahnerstreik unter französischer Kolonialherrschaft, der die Bahnstrecke Dakar–Niger lahmlegen sollte.

Ein besonderes Beispiel seines Filmschaffens ist das historische Drama Ceddo. Sembène stellt darin einen Imam, der zum Dschihad aufruft, den „Ceddo“ gegenüber, was im Wolof „Außenseiter“ bedeutet und Menschen bezeichnet, die an animistischen Traditionen festhalten. Die Handlung spielt in einer bewusst nicht genau datierten Zeit vor der Kolonisierung Senegals. Weiße Sklavenhändler und weiße Priester sind zwar zu sehen, doch der Film gibt ihnen keine Stimme und rückt stattdessen den Konflikt zwischen Islam und Traditionalisten in den Mittelpunkt. Die von den Ceddo entführte Prinzessin bekommt eine entscheidende Rolle in der Handlung. Sembène selbst tritt in einem kurzen Auftritt als einer der Traditionalisten auf. In Senegal wurde der Film zeitweise verboten oder stark zensiert und nur gekürzt gezeigt.

Nach langer Krankheit starb Ousmane Sembène am 9. Juni 2007 in Dakar.


Literarische Merkmale↑

Bestimmend für Sembènes Filmschaffen sind drei Themen: die Geschichte des Kolonialismus, die Kritik an der neuen afrikanischen Bourgeoisie und die Stärke afrikanischer Frauen. Weibliche Figuren sind bei ihm keine Randgestalten, sondern handelnde Menschen, die den Gang der Ereignisse bestimmen. In Ceddo etwa ist es die entführte Prinzessin, die eine entscheidende Wendung herbeiführt.

Sein Erzählen ist politisch grundiert und aus eigener Erfahrung gespeist. Der Eisenbahnerstreik, an dem er 1947 selbst teilgenommen hatte, wurde zum Stoff von Gottes Holzstücke. Auch der Wechsel vom Buch zum Film hatte einen politischen Grund: Sembène suchte das Medium, das Arbeiter und Landbevölkerung tatsächlich erreichte.

Formal geht er dabei eigenwillig vor. In Ceddo stehen lange, fast theaterhafte Debattenszenen neben plötzlichen bewegten Nahaufnahmen. Er setzt demonstrative Zeitsprünge ein, die bis in die Gegenwart reichen, und verwendet Requisiten, die absichtlich aus der Zeit fallen: Der Imam trägt wechselnde, offenkundig moderne Sonnenschirme. Dazu kommt eine Musik, die ebenso wenig zur historischen Kulisse passen will, funkiger, elektronisch geprägter Jazz des Kameruners Manu Dibango sowie Gospelmusik. Der Zuschauer soll das Geschehen nicht als ferne Vergangenheit ansehen, sondern die Verbindung zur eigenen Zeit erkennen.


Rezeption↑

Anerkennung fand Sembène auf beiden Feldern, auf denen er arbeitete. Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller Afrikas und wird als „Vatergestalt“ des afrikanischen Kinos südlich der Sahara bezeichnet. 1966 wurde Die Schwarze aus Dakar mit dem Prix Jean Vigo ausgezeichnet.

Nicht überall stieß sein Werk auf Zustimmung. Ceddo wurde in Senegal zeitweise verboten beziehungsweise stark zensiert und gelangte nur in gekürzter Fassung in die Kinos.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (9 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten