1901 – 1986
Jaroslav Seifert
Kurzbiografie↑
Der tschechische Dichter Jaroslav Seifert gehört zu den bedeutenden Stimmen der Literatur seines Landes im 20. Jahrhundert. Er wurde 1901 geboren und starb 1986. In seinen frühen Jahren war er ein wichtiger Vertreter der tschechischen Proletarischen Poesie, bevor er zu einem der führenden Dichter des Poetismus wurde. Als Gründungsmitglied der Künstlergruppe Devětsil stand er im Zentrum der tschechoslowakischen Avantgarde. 1984 erhielt er als bislang einziger Tscheche den Literaturnobelpreis.
Biografie↑
Geboren wurde Jaroslav Seifert am 23. September 1901. Die Angaben zum Geburtsort weichen leicht voneinander ab: Die Deutsche Nationalbibliothek nennt Prag, Wikidata den Prager Stadtteil Žižkov, in dem er nach Auskunft von Wikipedia in eine Arbeiterfamilie hineingeboren wurde. Zur Zeit seiner Geburt gehörte die Stadt zu Österreich-Ungarn.
Als Jugendlicher besuchte er ein Gymnasium, verließ die Schule aber noch vor dem Abitur, um als Journalist zu arbeiten. Schon als Student hatte er viel Zeit damit verbracht, in Prager Kneipen gegen ein Bier Gedichte zu schreiben. 1921 erschien seine erste Gedichtsammlung. Im Verlauf der 1920er Jahre trat er der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei bei und arbeitete für die kommunistische und avantgardistische Presse der Zeit, unter anderem für Rudé právo, Rovnost und Reflektor. Zugleich war er in dem auf Kunst und Design spezialisierten Verlag Družstevní práce beschäftigt.
Als Gründungsmitglied der Künstlergruppe Devětsil wurde er zusammen mit Karel Teige zu ihrem Sprecher und redigierte 1922 den Almanach der Gruppe. Gleichzeitig übersetzte er französischsprachige Poesie ins Tschechische. Gegen Ende der 1920er Jahre zählte er bereits zu den wichtigen Vertretern der tschechoslowakischen Kunstavantgarde.
1929 unterschrieb Seifert zusammen mit sechs weiteren kommunistischen Schriftstellern das Manifest der Sieben, das sich gegen den neuen Führungsstil in der Partei unter Klement Gottwald richtete. Daraufhin wurde er aus der Partei ausgeschlossen und trat der Tschechoslowakischen Sozialdemokratischen Partei der Arbeiter bei. Von diesem Jahr an arbeitete er als Redakteur der Theaterzeitschrift Nová scéna, der Zeitschrift Panoráma und für die sozialdemokratische Presse.
Während der deutschen Besetzung der Tschechoslowakei wirkte er in der Redaktion der Tageszeitung Národní práce, nach 1945 dann als Redakteur der Tageszeitung Práce. Von 1946 bis 1948 redigierte er die monatlich erscheinende Kulturzeitschrift Kytice. Unter dem Druck der kommunistischen Machtübernahme gab Seifert 1949 seine journalistische Laufbahn auf und widmete sich fortan ausschließlich der Literatur. Öffentlich engagierte er sich weiterhin: Er rief das Regime zur Freilassung gefangener Schriftsteller auf und äußerte sich in diesem Sinne auch auf dem Schriftstellerkongress von 1956. In den 1950er Jahren blieb er ein unbequemer, aber geduldeter Kritiker.
Während des Prager Frühlings unterstützte er die Reformbemühungen und verurteilte scharf die Invasion der Warschauer-Pakt-Staaten im August 1968. Im selben Jahr wurde er Vorsitzender des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes und blieb dies bis zu dessen Auflösung 1970. Dem gleichgeschalteten Nachfolgeverband verweigerte er die Mitgliedschaft. In den 1970er Jahren wurde seine literarische Arbeit behindert. Es durften nur Neuausgaben seiner älteren Werke erscheinen, nicht aber seine neuen Arbeiten. Nachdem er als einer der Ersten die Charta 77 unterzeichnet hatte, verschärften sich die Einschränkungen. Er zog sich gezwungenermaßen zurück und veröffentlichte seine Poesie fortan im Samisdat. Als seine Werke zu Beginn der 1980er Jahre wieder offiziell erscheinen durften, griff die Zensur stellenweise in die Texte ein und begrenzte die Auflagen.
1984 erhielt Seifert den Literaturnobelpreis, wie es in der Begründung hieß, für seine Dichtung, „die mit frischer Sinnlichkeit und reicher Erfindungsgabe ein befreiendes Bild menschlicher Unbeugsamkeit und Vielfalt gibt“. Wegen seiner schlechten Gesundheit nahm seine Tochter Jana die Auszeichnung entgegen. Die staatlich kontrollierten Medien erwähnten das Ereignis nur kurz. Anfang 1986 starb Jaroslav Seifert in Prag. Sein Begräbnis drohte zu einer antikommunistischen Kundgebung anzuwachsen; der Abschied fand in einer Kirche des Prager Stadtteils Břevnov unter strenger Überwachung des Innenministeriums statt. Seine letzte Ruhestätte liegt in Kralupy nad Vltavou, einem Ort unweit von Prag, aus dem seine Großeltern mütterlicherseits stammten.
Literarische Merkmale↑
Sein Werk durchlief mehrere Wandlungen. In den frühen Jahren schrieb Seifert im Geist der tschechischen Proletarischen Poesie. Später wurde er zu einem der wichtigsten Vertreter des Poetismus. Die Nobelpreis-Begründung hob an seiner Dichtung die frische Sinnlichkeit und die reiche Erfindungsgabe hervor. Neben eigenen Gedichten übertrug er französischsprachige Poesie ins Tschechische.
Rezeption↑
Seiferts Rang zeigte sich vor allem 1984, als er den Literaturnobelpreis erhielt. Er blieb bis heute der einzige Tscheche, dem diese Auszeichnung zuteilwurde. Zugleich verrät der Umgang der staatlichen Medien viel über seine Stellung: Sie würdigten die Ehrung nur mit einer kurzen Erwähnung. Wie sehr er im Land verehrt wurde, offenbarte sich bei seinem Tod 1986, als sein Begräbnis zu einer antikommunistischen Kundgebung anzuwachsen drohte und deshalb streng überwacht wurde.
Sein Andenken wird auf vielfältige Weise bewahrt. Nach ihm ist der Jaroslav-Seifert-Preis benannt. Im Juli 1995 erhielt der Asteroid (4369) Seifert seinen Namen. Seit September 2010 erinnert eine Gedenktafel an dem Prager Haus in der Straße U Ladronky, in dem er von 1938 an lebte.
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