1888 – 1953
Eugene O’Neill
Kurzbiografie↑
Der amerikanische Dramatiker Eugene O'Neill wurde 1888 in New York geboren und starb 1953 in Boston. Seine Herkunft war irisch, sein Vater ein Schauspieler, der mit seiner Truppe durch die Vereinigten Staaten zog. Nach Jahren als Seemann, Gelegenheitsarbeiter und Trinker fand O'Neill erst mit Mitte zwanzig zum Schreiben. 1920 erhielt er den Pulitzer-Preis für Jenseits vom Horizont, 1936 als erster amerikanischer Dramatiker den Nobelpreis für Literatur. Insgesamt wurden ihm vier Pulitzer-Preise zugesprochen, der letzte nach seinem Tod. Sein bekanntestes Stück, Eines langen Tages Reise in die Nacht, erschien erst nach seinem Tod und erzählt kaum verhüllt von seiner eigenen Familie.
Biografie↑
Geboren wurde Eugene Gladstone O'Neill am 16. Oktober 1888 in einem Familienhotel am Broadway. Die Quellen benennen den Geburtsort leicht unterschiedlich: Wikidata führt New York City, die Deutsche Nationalbibliothek New York, NY. Gemeint ist dieselbe Stadt. Er war der dritte Sohn. Der zweite Bruder Edmund war schon als Kleinkind an Masern gestorben; der ältere Bruder James jr. blieb im Beruf erfolglos und verfiel später dem Alkohol.
Der Vater James O'Neill stammte aus Kilkenny in Irland und war Schauspieler. Er war 1850 mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten gekommen und hatte sich aus armen Verhältnissen emporgearbeitet. Seine krankhafte Sparsamkeit legte er nie ab. Als Kind reiste Eugene mit den Eltern und dem älteren Bruder auf den Gastspielreisen des Vaters durch das ganze Land und lernte so früh das Theater kennen. Der bodenständige irische Katholizismus des Vaters und die eher mystische Frömmigkeit der Mutter Ellen Quinlan bildeten den Grund für jene Auseinandersetzung mit Gott und Religion, die später seine Dramen prägen sollte.
Von seiner Kindheit sprach O'Neill später bitter: „I had no childhood.“ Die Unsicherheit dieser frühen Jahre und die Drogenabhängigkeit der Mutter, die das Theater ablehnte, warf er seinem Vater vor. Wenn er nicht auf Tournee war, besuchte er verschiedene katholische Internate, bis er als Teenager den Wechsel auf eine nicht konfessionelle Schule durchsetzte. Die Sommer verbrachte die Familie in ihrem einzigen dauerhaften Zuhause, einem bescheidenen Haus in New London mit Blick auf den Fluss Thames. Im Herbst 1906 schrieb er sich an der Universität Princeton ein. Schon im Juni 1907 wurde er wieder entlassen: Er hatte eine Bierflasche durch ein Fenster des Universitätspräsidenten Woodrow Wilson geworfen, des späteren US-Präsidenten.
Danach folgten Jahre ohne Ziel. Zunächst arbeitete er als Sekretär in einem zweifelhaften New Yorker Versandgeschäft, an dem sein Vater beteiligt war. Nach dessen Schließung heiratete er am 2. Oktober 1909 die junge New Yorkerin Kathleen Jenkins. Die Familie missbilligte die Ehe. Noch im selben Jahr brach er mit einem Bergbauingenieur als Goldsucher nach Honduras auf. Eine Malariaerkrankung zwang ihn im März 1910 zur Rückkehr nach New York. Dort trennten sich die Eheleute noch vor der Geburt des Sohnes Eugene jr., der seinen Vater erst mit elf oder zwölf Jahren kennenlernte.
Der Vater machte ihn zum Assistant Manager seiner Truppe, mit der O'Neill von St. Louis bis Boston reiste. Der Job interessierte ihn wenig. Bald nach dem Ende der Spielzeit trat er seine erste Seereise an. Fünfundsechzig Tage brauchte das norwegische Schiff von Boston nach Buenos Aires. In Argentinien arbeitete er in der technischen Zeichenabteilung der Westinghouse Electrical Company, dann in einer Wollpackanlage in La Plata, schließlich im Büro der Singer-Nähmaschinenfabrik. Es folgte eine Fahrt nach Durban in Südafrika und zurück als Maultierhalter auf einem Rindertransporter. Danach war er lange völlig mittellos. Im Hafenviertel und am Strand von Buenos Aires, später auch in New York und Liverpool, lebte er als Obdachloser und wurde zum Trinker. Diese Begegnungen mit Schauerleuten, Entwurzelten und Ausgestoßenen lieferten ihm später die Vorlagen für viele seiner Figuren. Zuletzt fuhr er als gewöhnlicher Seemann auf einem britischen Trampschiff und dann als Matrose auf der Linie New York–Southampton.
Mit dreiundzwanzig wendete sich sein Leben. In der Spielzeit 1911/12 spielte er eine kleine Rolle in der Truppe seines Vaters. Nach fünfzehn Wochen kehrte er mit der Familie nach New London in Connecticut zurück und arbeitete dort knapp ein halbes Jahr als Reporter beim „New London Telegraph“. Zwischen August und Dezember steuerte er vierundzwanzig Gedichte zur Poetry Column des Blattes bei, die meisten satirisch. Der Verleger Frederick P. Latimer war ihm trotz gegensätzlicher Ansichten wohlgesonnen. Latimer erkannte als Erster O'Neills schriftstellerisches Talent, hielt ihn aber zugleich für den dickköpfigsten und unbelehrbarsten Sozialrebellen.
1912 unternahm er einen Selbstmordversuch, im selben Jahr wurde seine kurze Ehe geschieden. Im Dezember brach er gesundheitlich zusammen. Fünf Monate verbrachte er im Sanatorium Gaylord Farm in Wallingford, Connecticut, um seine Tuberkulose auszuheilen. Ans Bett gefesselt war er nicht, denn die Therapie setzte auf körperliche Abhärtung. Das Fortschreiten der Krankheit wurde gestoppt, und der Aufenthalt wurde zum Wendepunkt seines bis dahin ziellosen Lebens.
Im Sanatorium las er wie besessen Ibsen, Strindberg, Nietzsche und Dostojewski. Zum ersten Mal verspürte er den Drang, selbst Stücke zu schreiben und seine Erfahrungen zu verarbeiten. Nach der Entlassung im späten Frühjahr 1913 zog er zu einer befreundeten englischen Familie, von deren Haus man auf den Long-Island-Sund blickte. Über ein Jahr blieb er dort: Er las, ruhte, trieb Sport, schwamm jeden Morgen im Sund, auch den ganzen Winter über, und schrieb vor allem. In etwa fünfzehn Monaten entstanden elf Einakter, zwei mehraktige Dramen und einige Gedichte.
1920 erhielt er für Jenseits vom Horizont den Pulitzer-Preis. Es folgten Stücke wie Kaiser Jones, Anna Christie, Der haarige Affe und Sehnsucht unter Ulmen. 1923 wurde er in die American Academy of Arts and Letters gewählt, 1935 in die American Philosophical Society. 1931 erschien die Trilogie Trauer muss Elektra tragen. 1936 wurde ihm als erstem amerikanischen Dramatiker der Nobelpreis für Literatur zugesprochen, und zwar für die Kraft, Ehrlichkeit und tiefempfundenen Gefühle seines dramatischen Werks, das eine eigenständige Idee der Tragödie verkörpere.
Auch sein Privatleben blieb von familiären Lasten gezeichnet. Aus der zweiten Ehe mit Agnes Boulton stammte die Tochter Oona O'Neill, die spätere Ehefrau von Charlie Chaplin; sie versuchte vergeblich, Kontakt zu ihrem Vater zu bekommen. Seine dritte Frau, Carlotta Monterey, verklagte ihn 1946 wegen „seelischer Grausamkeit“. Seinen Sohn verlor er durch Selbstmord. Von der Parkinson-Krankheit und einer Nervenentzündung gezeichnet, vernichtete er kurz vor seinem Tod einen beträchtlichen Teil seines Werkes. 1953 starb er in einem Bostoner Hotel an Tuberkulose. Überliefert sind als seine letzten Worte: „I knew it. I knew it. Born in a hotel room and died in a hotel room.“
Literarische Merkmale↑
Immer wieder kreisen O'Neills Stücke um innerlich zerbrochene Menschen. Sie versuchen, durch Selbstbetrug und Rausch der Verantwortung für ihr Leben zu entkommen. Mit radikaler Ehrlichkeit legt er ihre Abgründe offen: verdrängte Schuld, falsche Gefühle, Resignation. Seine Figuren sind in einen sinnlosen Kampf miteinander verstrickt.
Die Erfahrungen der eigenen Jahre auf See und im Hafenviertel gingen unmittelbar in dieses Personal ein. Nach den Schauerleuten, Entwurzelten und Ausgestoßenen, denen er als Seemann und Obdachloser begegnet war, formte er viele seiner Gestalten.
Ein durchgehendes Thema ist die anklagende Auseinandersetzung mit der göttlichen Daseinsmacht. O'Neill unternimmt den Versuch, den Menschen durch sich selbst zu rechtfertigen: durch innere Größe im Ertragen des Leidens, im Scheitern. Herkunft und Elternhaus wirken hier nach, der bodenständige Katholizismus des Vaters ebenso wie die mystische Frömmigkeit der Mutter.
Deutlich sind seine Bezüge zur griechischen Tragödie, am sichtbarsten in der Trilogie Trauer muss Elektra tragen von 1931. Sie ist seine tragische Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Angeregt wurde diese Wendung zur Tragödie auch durch seine Sanatoriumslektüre, durch Ibsen, Strindberg, Nietzsche und Dostojewski.
Am engsten verschränken sich Leben und Werk in dem 1941 vollendeten Stück Eines langen Tages Reise in die Nacht. In der Figur des Edmund, der in einer unberechenbar und sinnlos gewordenen Welt nach Halt sucht, hat O'Neill sich sein eigenes Spiegelbild geschaffen. Carlotta Monterey widmete er das Manuskript mit den Worten: „Ich schenke Dir das Originalmanuskript dieses Schauspiels, es handelt von altem Leid, geschrieben mit Tränen und Blut.“
Komödien schrieb er nur wenige. Größere Bekanntheit erreichte davon allein Ah, Wilderness! aus dem Jahr 1933, das eine glückliche Familie am amerikanischen Unabhängigkeitstag 1906 schildert.
Rezeption↑
Anerkennung erhielt O'Neill früh und in ungewöhnlichem Maß. Vier Pulitzer-Preise für Drama wurden ihm zugesprochen, 1920, 1922, 1928 und 1957, der letzte nach seinem Tod. Damit gehört er zu den ganz wenigen Personen mit vier Pulitzer-Preisen, zusammen mit dem Dichter Robert Frost und dem Dramatiker Robert E. Sherwood. 1936 kam der Nobelpreis für Literatur hinzu, den vor ihm kein amerikanischer Dramatiker erhalten hatte.
In der Literaturwissenschaft wird immer wieder auf seine besondere Rolle für das moderne amerikanische Drama hingewiesen. Sein Werk, so heißt es, habe die Wendung des amerikanischen Theaters zur Tragödie bewirkt. Unter diesem Titel behandelte Hans Galinski ihn 1968 in einem Sammelband zur amerikanischen Literaturgeschichte. Auch deutschsprachige Einzelstudien liegen vor, etwa Helmut Papajewskis Untersuchung zur Symbolik von Sehnsucht unter Ulmen. Umfangreiche Biografien schrieben Arthur und Barbara Gelb sowie Robert M. Dowling.
Die Veröffentlichung von Eines langen Tages Reise in die Nacht hatte O'Neill testamentarisch erst fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tod erlauben wollen. Seine Witwe Carlotta Monterey gab das Stück schon 1956 frei.
Viele seiner Stücke wurden verfilmt, oft mit prominenter Besetzung. Greta Garbo spielte 1930 in zwei Fassungen von Anna Christie, einer englischen und einer deutschen. Paul Robeson übernahm 1933 die Titelrolle in Kaiser Jones. John Ford verfilmte 1940 vier Einakter unter dem Titel Der lange Weg nach Cardiff. Weitere Verfilmungen entstanden bis in die 1980er Jahre.
Auch im öffentlichen Gedächtnis ist er präsent geblieben. Er wurde in die American Theater Hall of Fame aufgenommen. 1959 erhielt ein Theater in Midtown-Manhattan seinen Namen, 1964 wurde in Waterford das Eugene O'Neill Memorial Theater Center gegründet. Sein Haus in New London, das Monte Cristo Cottage, kam 1971 in die Denkmalschutzliste National Historic Landmark; sein Haus in Danville nahe San Francisco wurde 1976 zur Eugene O'Neill National Historic Site. Im selben Jahr entstand unter der Regie von Alfred R. Kelman der Dokumentarfilm The Face of Genius.
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