1915 – 1973
Christine Lavant
Kurzporträt↑
Zu den eigenwilligsten Stimmen der österreichischen Lyrik des 20. Jahrhunderts zählt Christine Lavant, die 1915 im Kärntner Lavanttal geboren wurde und dort 1973 starb. Geboren als Christine Thonhauser, verheiratet Habernig, wählte sie 1948 das Pseudonym Lavant. Ihr Leben war von Armut, schwerer Krankheit und wiederkehrenden Depressionen gezeichnet. In Gedichtbänden wie Die Bettlerschale, Spindel im Mond und Der Pfauenschrei entwickelte sie eine unverwechselbare Bildersprache, die aus der dörflich-katholischen Welt schöpft und um das Ringen mit einem unzugänglichen Gott kreist. 1970 wurde sie mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur geehrt.
Biografie↑
Als neuntes Kind des Bergarbeiters Georg Thonhauser und der Flickschneiderin Anna, geborene Hans, kam Christine 1915 zur Welt. Beim Geburtsort weichen die Quellen voneinander ab: Wikidata nennt Großedling, die Deutsche Biographie und die DNB nennen Sankt Stefan im Lavanttal beziehungsweise Groß-Edling bei Sankt Stefan. Die Familie lebte zeitlebens in großer Not. Schon wenige Wochen nach der Geburt erkrankte das Kind an Skrofeln und erblindete beinahe. Es folgten eine erste Lungenentzündung 1918 und weitere schwere Krankheitsphasen; bei einem Krankenhausaufenthalt 1919 galt sie bereits als nicht mehr lebensfähig.
Trotz aller Gebrechen wurde sie 1921 in der Volksschule in St. Stefan eingeschult. Während eines Aufenthalts im Klagenfurter Krankenhaus schenkte ihr ein Arzt eine Ausgabe der Werke Rainer Maria Rilkes, die sie auf dem langen Fußmarsch nach Wolfsberg im Rucksack heimtrug. 1927 verschlechterte sich ihr Zustand erneut, doch nach einer riskanten Röntgenbestrahlung wichen die Krankheiten rasch. So konnte sie 1929 die Volksschule beenden. Der anschließende Besuch der Hauptschule musste abgebrochen werden, weil der Schulweg für das schwache Mädchen zu weit war. Sie wandte sich häuslichen Arbeiten, dem Malen, Schreiben, Lesen und Stricken zu. Eine 1930 übersehene Mittelohrentzündung führte zur fast völligen Ertaubung eines Ohres.
Um 1931 entstanden viele Aquarelle, zugleich kamen erste schwere Depressionen auf, die sie an das Elternhaus banden. Ein erster Roman unbekannten Titels wurde vom Grazer Leykam Verlag zunächst wohlwollend aufgenommen, 1932 aber abgelehnt. Daraufhin vernichtete sie alles Geschriebene und gab das Schreiben auf. 1935 begab sie sich auf eigenen Wunsch in eine Klagenfurter Nervenheilanstalt; ihre dortigen Erlebnisse verarbeitete sie in den erst postum veröffentlichten Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus. 1937 lernte sie den weitgehend erfolglosen Kunstmaler Josef Habernig kennen. Im selben Jahr starb ihr Vater, 1938 die Mutter. 1939 heiratete sie den um 36 Jahre älteren Habernig und verdiente den Lebensunterhalt weiter durch Strickarbeiten, unterstützt auch von ihren Geschwistern.
1945 begann sie wieder zu schreiben. Über die Familie Purtscher und die Dichterin Paula Grogger kam sie in Kontakt zum Verleger Viktor Kubczak. 1948 erschien im Brentano Verlag in Stuttgart erstmals unter dem Namen Christine Lavant ein Bürstenabzug der Gedichte Die Nacht an den Tag, der später verlorenging. Auf Rat des Verlegers wandte sie sich der Prosa zu und schrieb die Erzählung Das Kind. 1949 folgten der Gedichtband Die unvollendete Liebe und die Erzählung Das Krüglein. Eine Dichterlesung bei den St. Veiter Kulturtagen im November 1950 wurde zu einem großen persönlichen Erfolg. Bei diesem Anlass begegnete sie dem Maler Werner Berg, der ihre große Lebensliebe werden sollte. Die Beziehung blieb aussichtslos, da beide verheiratet waren; 1951 musste Lavant wegen ihrer schlechten Gesundheit einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. Danach zog sie in das Haus ihrer Freundin Lintschnig, wo sie bis auf eine Unterbrechung bis zu ihrem Tod wohnte.
1952 erschienen die Erzählungen Baruscha bei Leykam in Graz. 1956 kam der Gedichtband Die Bettlerschale bei Otto Müller in Salzburg heraus; es folgten der Staatliche Förderungspreis für Lyrik und der Lyrik-Preis der Neuen deutschen Hefte. Über den Tonhof des Komponisten Gerhard Lampersberg kam sie mit Vertretern der Wiener Avantgarde in Berührung. 1959 erschien Spindel im Mond, 1960 Sonnenvogel, 1962 Der Pfauenschrei. Der von Wieland Schmied herausgegebene Band Wirf ab den Lehm würdigte sie erstmals mit einer Werk-Auswahl. 1963 erlitt ihr Mann einen Schlaganfall, was auch Lavant zusammenbrechen ließ; im Sommer war sie in stationärer psychiatrischer Behandlung in Klagenfurt. Einer ihrer Ärzte war Otto Scrinzi, zu dem sie ein enges, freundschaftliches Verhältnis entwickelte; er wurde ihr Vertrauter, begleitete sie zu Preisverleihungen und sammelte ihre Manuskripte.
1966 übersiedelte sie nach Klagenfurt, kehrte aber bald heimwehkrank zurück. 1967 erschien Hälfte des Herzens, 1969 folgten mit Nell frühe Erzählungen. 1970 erhielt sie den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur. 1972 gab Grete Lübbe-Grothues beim Deutschen Taschenbuch Verlag eine aus den drei großen Gedichtbänden zusammengestellte Auswahl heraus. Am 7. Juni 1973 starb Christine Lavant im Landeskrankenhaus Wolfsberg nach einem Herzinfarkt.
Literarische Merkmale↑
Ihren dichterischen Anstoß erhielt Lavant 1940 durch die Gedichte Rilkes, dessen Einfluss noch der frühe Band Die unvollendete Liebe zeigt. Über diese epigonalen und regionalen Anfänge hinaus fand sie in ihrer Lyrik zu einer ganz eigenen Sprache. Die Gedichte der Bände Die Bettlerschale, Spindel im Mond und Der Pfauenschrei sind, wie die Neue Deutsche Biographie formuliert, Anrufe, Expressionen und Visionen in einer singulären Bildersprache. Sie nährt sich aus der Anschauung der Dorfwelt und greift zugleich auf den Fundus von Bibel und naturmagischer Poesie zurück.
Kennzeichnend ist, wie Lavant altvertraute Metaphern mit überraschendem Leben füllt und ständig neue erfindet. Wortschöpfungen wie „Apfelbitte“, „Nägelnest“ oder „Brunnenherd“ verknüpfen vertraute Elemente auf befremdliche Weise. Die streng gebauten Gedichte entfalten die Innenwelt eines unbändigen Ich, das sich immer wieder an „Gott“ wendet, dem unzugänglichen absoluten Gegenüber. In rastlosem Schwanken zwischen Extremen – fromm und dämonisch, hingebend und fordernd, zart und wüst – zeigt sich die Intensität dieses Ich. Ihre „Lästergebete“, so ein Wort Ludwig von Fickers, sind als christlich wie als glaubenssprengend gedeutet worden, doch ihre Ambivalenz entzieht sich solchen Zuweisungen. Das Christliche in Gestalt ländlich-katholischer Frömmigkeit ist, wie die NDB betont, Wurzelboden, nicht Botschaft dieser Dichtung. Viele Gedichte entstanden nach eigener Aussage aus Halb- und Wachträumen und lassen sich als spontan surrealistisch beschreiben. Auch ihre Erzählungen tragen eine eigene Handschrift: Die poetisch gesteigerten Texte aus Baruscha und die naturalistischen aus Nell stellen Sonderlinge, meist aus dem ländlichen Proletariat, in ihrer Armseligkeit und Würde vor.
Rezeption↑
Zeit ihres Lebens lebte Christine Lavant zurückgezogen, doch Literaturpreise und Ehrungen trugen ihren Namen an die Öffentlichkeit. Ein Ehrensold befreite sie in den 1950er Jahren von der Alltagssorge. Sie erhielt den Lyrikpreis der Neuen Deutschen Hefte (1956), den Trakl-Preis (1954 und 1964), den Anton-Wildgans-Preis (1964) und 1970 den Großen Österreichischen Staatspreis. Sie wurde Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz.
Schon früh galt sie als eine der hoffnungsvollsten Vertreterinnen der neuen Frauenlyrik in Österreich. Die Deutsche Biographie stellt ihre Dichtung in eine Reihe mit verwandten Stimmen: Es gebe Verwandtes bei Else Lasker-Schüler, Georg Trakl und Paul Celan. Die Forschung hat sich intensiv mit ihr befasst, unter anderem Grete Lübbe-Grothues, die den Artikel der NDB verfasste und Ausgaben ihrer Gedichte besorgte, sowie Johann Strutz mit einer Untersuchung zu Poetik und Existenzproblematik ihrer Lyrik. Ihr Werk wurde auch in italienischen und slowenischen Studien sprachlich analysiert.
Ihr Nachleben zeigt sich in einer bis heute wachsenden Aufmerksamkeit. 1987 stellte Thomas Bernhard für die Bibliothek Suhrkamp einen schmalen Auswahlband ihrer Gedichte zusammen und trug so zu ihrer Wiederentdeckung bei. 2015 wurde die Internationale Christine Lavant Gesellschaft gegründet, die seit 2016 den Christine Lavant Preis für Lyrik und Prosa verleiht. Mit 15.000 Euro dotiert, zählt er zu den bestdotierten Literaturpreisen Österreichs; zu den Preisträgern gehören Kathrin Schmidt, Bodo Hell und Maja Haderlap.
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