1902 – 1963
Nâzım Hikmet
Kurzbiografie↑
Der türkische Dichter Nâzım Hikmet gilt als Begründer der modernen türkischen Lyrik und zählt zu den bedeutendsten Dichtern seines Landes. Geboren wurde er 1902 in Thessaloniki. Sein Leben war geprägt von politischer Verfolgung: Wegen seiner kommunistischen Überzeugung saß er viele Jahre in türkischen Gefängnissen, 1951 floh er endgültig nach Moskau, im selben Jahr wurde er ausgebürgert. Dort starb er 1963. In Deutschland wurde er erst spät bekannt, in der Türkei blieben seine Bücher bis 1965 verboten.
Biografie↑
Als Sohn eines Beamten des Außenministeriums kam Nâzım Hikmet 1902 in Thessaloniki zur Welt. Über sein Geburtsdatum gibt es Unstimmigkeiten: Gelegentlich wird auch der 20. November 1901 genannt. Er wuchs vor allem bei seinem Großvater auf, der als Gouverneur des Sultans zunächst in Aleppo, später in Diyarbakır amtierte. Die Familie bot ihm reichlich geistige Anregung. Mit elf Jahren schrieb er sein erstes Gedicht.
Seine Vorfahren stammten zum Teil aus Polen und Deutschland. Ein Urgroßvater mütterlicherseits war Mehmed Ali Pascha, Generalstabschef der osmanischen Armee, der als Ludwig Karl Friedrich Detroit in Magdeburg geboren worden war. Ein weiterer Urgroßvater, Mustafa Celâleddin Paşa, kam aus Polen und war Generalmajor.
1917 ging Hikmet nach Istanbul auf die Marineschule auf der Prinzeninsel Halki. Die Oktoberrevolution machte großen Eindruck auf ihn. 1918 ließen sich seine Eltern scheiden. Im Jahr darauf widersetzte er sich jenen Offizieren, die vor den Besatzungstruppen kapituliert hatten. Man entließ ihn wegen Anstachelung zum Aufruhr aus der Armee. Danach beteiligte er sich an Veranstaltungen der Befreiungsbewegung.
1921 floh er aus dem besetzten Istanbul. Gemeinsam mit seinem Freund Vâlâ Nûrettin bereiste er Anatolien und suchte dort den Kontakt zum einfachen Volk wie auch zu sozialistischen Organisationen. Noch im selben Jahr wurden beide als Lehrer nach Bolu geschickt. Gegen Jahresende reisten sie illegal in die junge Sowjetunion und erlebten die Hungersnot in den ländlichen Gebieten Südrusslands. In Moskau studierte Hikmet Soziologie und Kunstgeschichte an der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens. Er hatte Kontakt zu den sowjetischen Futuristen; vor allem Sergei Jessenin und Wladimir Majakowski beeinflussten seine Dichtung.
Seit 1924 gehörte er der illegalen Kommunistischen Partei der Türkei an. Nach seiner Rückkehr wurde er wegen seiner politischen Überzeugungen und seiner Mitarbeit an der Zeitschrift Aydınlık verfolgt. 1925 floh er erneut nach Moskau. Beim Versuch zurückzukehren verhaftete man ihn 1928 und internierte ihn acht Monate lang. Seine Geliebte Lena konnte ihm nicht in die Türkei folgen und starb kurz darauf.
Ab 1929 stellten sich trotz staatlicher Unterdrückung erste Erfolge als Autor ein. Seine Schriften wurden dennoch immer wieder zensiert, er selbst mehrfach eingesperrt. Von 1933 bis 1935 saß er in Bursa in Haft; dort entstand Das Epos von Scheich Bedreddin. 1936 heiratete er Piraye.
In einem politischen Prozess verurteilte ihn 1938 ein Kriegsgericht zu 28 Jahren Haft. Zugleich wurde ein Publikationsverbot über ihn verhängt. Hinter Gittern blieb er ungebrochen produktiv: Unter anderem übersetzte er Krieg und Frieden von Lew Tolstoi. Mitte der 1940er Jahre verliebte er sich in Münevver und schrieb Liebesgedichte und Liebesbriefe an sie. Gegen Ende der 1940er Jahre verschlechterte sich sein Gesundheitszustand dramatisch.
Nach einem Hungerstreik und internationalen Protesten wurde Hikmet 1950 in einer Generalamnestie begnadigt. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, begann er Drehbücher zu schreiben. Er heiratete Münevver, Anfang 1951 kam der gemeinsame Sohn Mehmet zur Welt. Doch noch im selben Jahr erhielt der Neunundvierzigjährige die Einberufung zum Kriegsdienst. Er floh daraufhin erneut nach Moskau, diesmal endgültig. Die Ehe wurde geschieden, die Türkei bürgerte ihn aus.
In Moskau gehörte Hikmet zur intellektuellen Prominenz und bereiste in den folgenden Jahren vor allem den Ostblock. 1959 heiratete er Wera Tuljakowa. Münevver und Mehmet sah er nur noch einmal kurz, 1961 bei einem Besuch in Warschau. Am 3. Juni 1963 starb er in Moskau. Begraben liegt er dort auf dem Nowodewitschi-Friedhof.
In der Türkei blieb das strikte Publikationsverbot bis 1965 bestehen. Anfang Januar 2009 (der Kabinettsbeschluss erschien am 10. Januar 2009 im türkischen Amtsblatt) erhielt der einst Ausgebürgerte posthum die türkische Staatsbürgerschaft zurück.
Literarische Merkmale↑
Trotz Verfolgung, Publikationsverbot und Exil hat Nâzım Hikmet die türkische Literatur nachhaltig geprägt. Er überwand die osmanische Versform und nahm vielfältige Einflüsse der Moderne auf, vor allem sowjetische. In seinen Gedichten verbindet sich ein sozialrevolutionäres Pathos stets mit einer Verbundenheit zum einfachen Volk. Zugleich lehnte er jede romantisierende Verklärung des Orients ab.
Auch als Dramatiker machte er sich einen Namen. Stücke wie Auf dem Güterbahnhof, Blutrache, Fatme und Ali, Legende von der Liebe und Josef in Ägyptenland begründeten seinen Ruhm. Später kamen Ein komischer Mensch (1953) und Hat Iwan Iwanowitsch wirklich gelebt? (1955) hinzu.
Zu seinen weiteren wichtigen Werken zählen Warum hat Benerci sich umgebracht? (1932), Das Epos von Scheich Bedreddin (1933), Menschenlandschaften (ab 1938) und Die Romantiker (1963).
Rezeption↑
Obwohl Hikmets Hauptwerke bereits vor dem letzten Moskauer Exil entstanden waren, wurde er im Westen noch jahrzehntelang übergangen. In der DDR erschien 1959 ein erster Gedichtband auf Deutsch, 1973 unter anderem das Märchenbuch Die verliebte Wolke. In der Bundesrepublik dagegen kannte man ihn bis Ende der 1970er Jahre lediglich durch drei Gedichte, die Hans Magnus Enzensberger 1960 in seine Sammlung Museum der modernen Poesie aufgenommen hatte. Elf weitere Gedichte brachte Yüksel Pazarkaya 1971 in der Sammlung Moderne türkische Lyrik heraus.
Zwischen 1988 und 1989 erschienen drei zweisprachige Bände, die auf der von Hikmet selbst autorisierten bulgarischen Werkausgabe beruhten. Übersetzt hatten sie Helga Dağyeli-Bohne und Yıldırım Dağyeli. Ab 2014 folgten überarbeitete Fassungen.
Im deutschen Sprachraum wurde vor allem der letzte Vers aus Davet (Einladung) bekannt, einem seiner berühmtesten Gedichte, nicht zuletzt durch Hannes Wader. Der türkische Pianist und Komponist Fazıl Say schuf 2001 ein Orchesterwerk über Texte Hikmets.
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