0712 – 0770
Du Fu
Kurzporträt↑
Du Fu gilt als einer der wichtigsten Dichter der chinesischen Tang-Dynastie. Er wurde 712 im Kreis Gong östlich von Luoyang geboren und starb 770 in der Gegend des heutigen Changsha. Er war ein Zeitgenosse des Dichters Li Bai. In der Überlieferung wurde er als Shisheng verehrt, als „Heiliger der Dichtkunst" – eine Entsprechung zu Konfuzius, dem „Heiligen" der Philosophie. Seine Beinamen waren unter anderem Du Shaoling und Du Gongbu, „Du vom Ministerium für öffentliche Arbeiten". In über 1400 überlieferten Gedichten machte er sein eigenes Leben und das Leid einfacher Menschen zum Thema. Innerhalb Chinas gilt er heute als ein Höhepunkt der klassischen Dichtung.
Biografie↑
Geboren wurde Du Fu im Jahr 712 im Kreis Gong in der Provinz Henan. Wikidata und die Deutsche Nationalbibliothek nennen übereinstimmend die Jahreszahlen 712 für die Geburt und 770 für den Tod. Ein tagesgenaues Datum lässt sich aus dem Material jedoch nicht verlässlich gewinnen, denn die kalendarisch exakten Angaben sind hier nicht belegt. Seine ersten vier Lebensjahrzehnte fielen in die Herrschaftszeit von Kaiser Xuanzong, unter dem das Tang-Reich eine kulturelle Blüte erlebte. Sein Vater war Bezirksbeamter in Henan. Da die Mutter früh starb, wuchs Du Fu bei einer Tante auf. Seine Lehr- und Wanderjahre verbrachte er am Unterlauf des Jangtsekiang.
736 kehrte er in die Hauptstadt Chang'an zurück, um an der Beamtenprüfung teilzunehmen. Chang'an war damals mit vermutlich einer Million Einwohnern eine der größten Städte der Welt. Bei den ersten Versuchen scheiterte er. Das lag nach Darstellung der Quelle nicht am Mangel an Talent, sondern am fehlenden familiären Einfluss. 744 traf er zum ersten Mal Li Bai. Daraus entstand eine Freundschaft, die freilich einseitig blieb. Du Fu war einige Jahre jünger und noch ein Anfänger, während Li Bai bereits ein berühmter Dichter war. Überliefert sind zwölf Gedichte Du Fus an oder über Li Bai, aber nur zwei in umgekehrter Richtung.
752 bestand Du Fu eine außerordentliche Prüfung. Bis ihm 755 eine Stelle zugeteilt wurde, vergingen drei Jahre, was damals üblich war. Schließlich erhielt er einen Posten als Adjutant in der Palastgarde des Kronprinzen. In der Zwischenzeit war sein jüngster Sohn an Hunger gestorben. Das zentrale Ereignis seines Lebens wurde die An-Lushan-Rebellion von 755. Zeitweise nahmen ihn die Rebellen gefangen. Den Rest seines Lebens verbrachte er in fast ständiger Rastlosigkeit.
760 kam er nach Chengdu in der Provinz Sichuan, wo er sich am Stadtrand seine berühmte „Grashütte" baute. Noch im Herbst desselben Jahres geriet er in finanzielle Schwierigkeiten und verschickte Gedichte als Hilfsgesuch an verschiedene Adressen. Schließlich nahm ihn Yan Wu auf, ein Freund und früherer Kollege, der Anfang 762 Statthalter von Chengdu geworden war. Schon im Juli musste Du Fu vor einer Rebellion aus der Stadt fliehen. 764 kehrte er zurück und wurde Berater Yan Wus, der jedoch im folgenden Jahr starb. Die Gedichte aus seinen letzten Jahren zeigen Du Fu von Malaria gezeichnet und wieder rastlos unterwegs. Er starb 770 heimat- und mittellos auf einer Bootsreise in der Gegend des heutigen Changsha.
Literarische Merkmale↑
Du Fu beherrschte sowohl den modernen als auch den alten Stil. Vor allem aber gilt er als Meister des „strengen Reims", des lüshi. Diese Form besteht aus acht paarweise angeordneten Zeilen mit je fünf oder sieben Zeichen. Das dritte und vierte Paar mussten sowohl grammatikalisch als auch inhaltlich exakte Parallelen bilden, und die Worttöne folgten einem strengen Schema. Seit der Tang-Zeit ist ein Ton verloren gegangen, und auch die übrigen Töne entsprechen sich oft nicht mehr. Deshalb sind die Qualitäten eines solchen Gedichts für einen heutigen Chinesen nur noch mit Mühe zu erkennen.
Der Dichter spielte gern mit Homophonen, sodass in einem Wort auch anders geschriebene Worte mitklingen. Durch diese doppelte Besetzung einzelner Wörter konnte er auf wenigen Zeichen ein Höchstmaß an Sinn verdichten. Berühmt dafür ist das Gedicht Herbst, das zu den bedeutendsten und zugleich schwierigsten Werken der klassischen chinesischen Lyrik zählt. Anders als die Gedichte Li Bais sind seine Verse häufig politischer Protest. Du Fu beschreibt soziale Ungerechtigkeit, Hungersnot und Chaos aus der Sicht einfacher Menschen. Zum geflügelten Wort wurde ein Vers aus dem Gesang in fünfhundert Schriftzeichen über meine Gefühle während der Reise von der Hauptstadt in den Kreis Fengxian. Dieser Vers kontrastiert am Vorabend der An-Lushan-Rebellion die Verschwendungssucht der Reichen mit dem Elend des Volkes.
Der weitaus größte Teil der über 1400 überlieferten Gedichte stammt aus den unruhigen letzten fünfzehn Lebensjahren. Ungewöhnlich für die Zeit war, dass Du Fu sein eigenes Leben und darin auch den privaten Alltag zum Thema machte. Charakteristisch ist zudem eine gewisse Selbstironie. So tritt er seinen Lesern bereits im 8. Jahrhundert als Subjekt entgegen. Im Abendland wurde das erst in der italienischen Renaissance erreicht, etwa bei Petrarca. In China wurden Gedichte oft als Dank, Widmung, zum Abschied oder für Feste verfasst. Deshalb lässt sich sein Leben weitgehend aus seinen Versen rekonstruieren. Allerdings ist die Autorschaft vieler ihm zugeschriebener Gedichte ungewiss. Die kurz nach seinem Tod zusammengestellte Auswahl, die 290 Gedichte umfasst haben soll, ist verloren. Die früheste erhaltene Anthologie mit Gedichten von ihm stammt aus der Zeit um 900. Als Standardausgabe gilt heute die Edition von Qiu Zhaoao aus 23 Rollen.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten und unmittelbar nach seinem Tod fand Du Fu keine Anerkennung, was wahrscheinlich an seinem innovativen Stil lag. Sein Einfluss wuchs jedoch mit der Zeit. Er gründete sich zum Teil auf die Fähigkeit, scheinbare Gegensätze zu vereinbaren. Politisch Konservative zog seine Treue zur bestehenden Ordnung an, Radikale schätzten seinen Einsatz für die Armen. Literarisch Konservative bewunderten seine Technik, literarisch Radikale ließen sich von seinen Neuerungen anregen. Innerhalb Chinas gilt er inzwischen als Höhepunkt der klassischen Dichtung. Außerhalb des Landes beeinflusste er die japanische Dichtkunst, insbesondere die von Matsuo Bashō.
Im Westen wurden lange eher sein Zeitgenosse Li Bai sowie der eine Generation jüngere Bai Juyi geschätzt. Im Englischen gibt es eine reiche Literatur von und über Du Fu. In Deutschland war er dagegen lange nur in Anthologien präsent. Der österreichische Diplomat und Sinologe Erwin von Zach übertrug sein dichterisches Werk erstmals vollständig ins Deutsche. Seine Übersetzungen waren zunächst in schwer zugänglichen Zeitschriften verstreut. Sie waren philologisch exakt, aber formal anspruchslos und sollten ausdrücklich anderen Sinologen und Nachdichtern als Rohmaterial dienen. Das nutzte 1956 der Schriftsteller Werner Helwig, der selbst kein Chinesisch konnte, um 50 Gedichte in prosanahen Fassungen wiederzugeben. Erst 2009 übertrug der Sinologe Raffael Keller eine Auswahl von 100 Gedichten erstmals direkt aus dem Chinesischen ins Deutsche. In Hermann Hesses Erzählung Klingsors letzter Sommer identifizieren sich die Titelfigur und ihr Dichterfreund Hermann mit Li Bai und Du Fu.
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