1859 – 1934
Samuel Fischer
Kurzbiografie↑
Samuel Fischer war einer der bedeutendsten Verleger Deutschlands. 1886 gründete er in Berlin den S. Fischer Verlag, der die deutschsprachige Literatur des beginnenden 20. Jahrhunderts entscheidend mitprägte. Er brachte Ibsen, Tolstoi, Dostojewski und Zola auf den deutschen Buchmarkt und verlegte Gerhart Hauptmann, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann und Hermann Hesse. Wegen seiner Förderung der naturalistischen und sozialkritischen Literatur trug er laut der Neuen Deutschen Biographie den Ehrennamen „Cotta des Naturalismus“. Fischer stammte aus einer jüdisch-ungarischen Kaufmannsfamilie und starb 1934 in Berlin; nach seinem Tod wurde sein Verlag im Zuge der nationalsozialistischen Arisierung geteilt.
Biografie↑
Geboren wurde Samuel Fischer am 24. Dezember 1859 in der oberungarischen Stadt Liptószentmiklós, dem heutigen Liptovský Mikuláš in der Slowakei. Sie gehörte damals zum Kaisertum Österreich. Sein Vater Karl Fischer war Kaufmann, seine Mutter Minna eine geborene Ullmann. Die Familie war jüdisch-ungarisch; die Deutsche Biographie bezeichnet Fischers Konfession als israelitisch.
Kindheit und Jugend verbrachte Fischer in Ungarn. 1874 ging er nach Wien, um eine Lehre als Buchhändler anzutreten. Sechs Jahre blieb er dort. Er arbeitete als Journalist und erwarb nebenbei in Abendkursen kaufmännische Kenntnisse. Um 1880 übersiedelte er nach Berlin. In Berlin trat er als Buchhändler-Gehilfe in die Central-Buchhandlung von Hugo Steinitz ein. Im September 1883 wurde er Teilhaber der Verlagsbuchhandlung Hugo Steinitz & Co. in der Friedrichstraße.
1886 gründete Fischer seinen eigenen Verlag. 1887 erschien mit Ibsens Schauspiel Rosmersholm sein erstes literarisches Buch. Im literarischen Debattierclub Durch konnte er die Strömungen der Zeit aus der Nähe beobachten. Statt dort nach einer deutschen Leitfigur einer künftigen realistischen Literatur zu suchen, verlegte er zunächst einen damals mehr berüchtigten als berühmten fremdsprachigen Autor: Émile Zola. Er ließ Werke Tolstois übersetzen, darunter das Drama Die Macht der Finsternis und die sozialen Betrachtungen Geld!. Von Dostojewski erschienen bei ihm Der ewige Gatte, Der Spieler und Der Idiot. Die russischen Verfasser waren nach der damaligen Rechtslage nicht durch das Urheberrecht geschützt. Fischer trug entschieden dazu bei, dieser Literatur im deutschsprachigen Raum ihren Rang zu verschaffen.
Von 1887 bis 1889 setzte Fischer immer stärker auf das Theater. Er unterstützte tatkräftig die Gründung des Vereins Freie Bühne. Das eröffnete dem Verlag neue Möglichkeiten. Die Neue Deutsche Biographie hebt seine Freundschaft zu Otto Brahm, Paul Schlenther und Julius Elias hervor. Ebenso nennt sie die Verbindung zum Friedrichshagener Kreis um Arno Holz, Johannes Schlaf, Otto Erich Hartleben und Bruno Wille. Aus der Wochenschrift Freie Bühne wurde die Monatsschrift Neue deutsche Rundschau, seit 1904 Die neue Rundschau. Sie entwickelte sich zum führenden literarischen Organ in Deutschland. Diese Arbeit für den Naturalismus brachte Fischer den Ehrennamen „Cotta des Naturalismus“ ein.
1893 heiratete Fischer in Berlin Hedwig Landshoff (1871–1952), die aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie stammte. Ihr Bruder war der Musiker Ludwig Landshoff. 1894 kam der Sohn Gerhart zur Welt, der 1913 kurz nach seinem 19. Geburtstag an Typhus starb. 1905 wurde die Tochter Brigitte geboren, 1916 die Tochter Hildegard. Brigitte führte nach dem Tod des Vaters mit ihrem Mann Gottfried Bermann Fischer (1897–1995) den Verlag weiter. Hildegard wanderte mit Brigitte in den Kriegsjahren erst nach Schweden, dann in die USA aus und arbeitete dort unter anderem als Privatsekretärin des Dirigenten Fritz Busch.
1895 verwendete der Verlag erstmals das von Otto Eckmann gezeichnete Signet „Fischer mit dem Netz“. Es sollte bildhaft festhalten, wie Fischer seine Aufgabe verstand. Er sah sie darin, anerkannte Literatur nicht bloß über den Markt zu verteilen, sondern sie aus dem schöpferischen Potential der Völker und Generationen erst einmal „einzuholen“. Ab 1898 erschienen Ibsens Sämtliche Werke in zehn Bänden. Den Autor hatte Fischer 1889 persönlich kennengelernt. In den folgenden Jahren verlegte er dessen weitere Werke.
Zu den Autoren der ersten beiden Jahrzehnte zählten neben vielen anderen Gerhart Hauptmann, Arthur Schnitzler, Peter Altenberg, Herman Bang, Jakob Wassermann, Thomas Mann, Hugo von Hofmannsthal und Hermann Hesse. Die Neue Deutsche Biographie nennt außerdem Hermann Bahr, Oskar Bie, Gabriele d'Annunzio und George Bernard Shaw. Mit dem Eintritt des Lektors Moritz Heimann (1868–1925) im Jahr 1896 gingen die literarischen Linien des Hauses weit über die Ziele des Naturalismus hinaus.
In Thomas Mann setzte der Verlag große Hoffnungen und forderte ihn auf, weitere Manuskripte einzusenden. Seine ersten Arbeiten erschienen gesammelt in einem Novellenband. Der eigentliche Erfolg kam mit dem Roman Buddenbrooks. Fischer zweifelte zunächst, ob er das Buch verlegen solle, denn es erschien ihm viel zu lang. 1901 willigte Fischer schließlich ein. Zunächst schienen sich seine Befürchtungen zu bestätigen. Als 1903 die zweite, einbändige Ausgabe erschien, war der Erfolg da. 1907 gründete Fischer die Reihe „Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane“ und nahm damit laut der Neuen Deutschen Biographie die Idee der anspruchsvollen Taschenbuchreihe vorweg.
Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs brachen die Auslandsbeziehungen des Verlages ab. Fischer musste die Produktion drosseln. Wie die meisten seiner Autoren hoffte er auf einen deutschen Sieg. Von den 176 Titeln, die zwischen 1915 und 1918 bei ihm erschienen, gehörte knapp ein Drittel zur Kriegsliteratur. Dem Expressionismus stand Fischer fern; diese Bewegung berührte sein Programm nur am Rande, etwa mit Georg Kaiser, Albert Ehrenstein und Arnolt Bronnen. In sein letztes Lebensjahrzehnt fällt der Erwerb der deutschen Rechte an Joseph Conrad und Eugene O'Neill.
In den 1920er Jahren stellte sich die Frage der Nachfolge. Die Antwort fand sich in Gottfried Bermann, der im Herbst 1925 in den Verlag eintrat und bald darauf die Tochter Brigitte heiratete. Damit war ein Verkauf des Hauses abgewendet. 1928 bestellte Fischer ihn zum Geschäftsführer.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden unerwünschte Druckerzeugnisse beschlagnahmt und die Pressefreiheit eingeschränkt. Die Zukunft des Verlages hing zunächst vom Willen Samuel Fischers ab. Die praktische Leitung hatte er vollständig an Bermann Fischer abgegeben. In manchen Geschäftsbereichen war seine Zustimmung aber weiter nötig. Von der politischen Gefährdung des Verlags und vom Ernst der antisemitischen Verlautbarungen war er nicht zu überzeugen. Samuel Fischer starb am 15. Oktober 1934 in Berlin. Beigesetzt wurde er auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee. Danach wurde der Verlag im Zuge der Arisierung geteilt. Bermann Fischer verließ Deutschland mit den Rechten und den bereits gedruckten Werken unerwünschter Autoren. Der übrige Teil arbeitete unter altem Namen und neuer Leitung in Berlin weiter. Bermann Fischer emigrierte nach Wien, dann nach Stockholm und schließlich nach New York.
Literarische Merkmale↑
Fischer war kein Schriftsteller, sondern Verleger. Seine eigenen Texte sind Reden, Aufsätze und Briefe. Im Fischer-Almanach erschienen Beiträge wie Der Verleger und der Büchermarkt von 1911 und Bemerkungen zur Bücherkrise von 1926. In der Neuen Rundschau veröffentlichte er Nachrufe und Geburtstagsadressen, darunter auf Otto Brahm und zu den sechzigsten Geburtstagen von Arthur Schnitzler und Gerhart Hauptmann. 1926 erschien als Privatdruck die Sammlung S. Fischer und sein Verlag mit Reden, Briefen und Aufsätzen.
Seine eigentliche Handschrift liegt im Verlagsprogramm. Fischer begann mit der Förderung naturalistischer und sozialkritischer Bestrebungen und mit fremdsprachigen Autoren, die in Deutschland noch keinen Rang hatten. Dabei scheute er das Wagnis nicht: Zola war berüchtigt, Buddenbrooks erschien ihm zu lang, die zehnbändige Ibsen-Ausgabe war ein Großunternehmen. Diese Entscheidungen lohnten sich und machten seinen Namen bekannt. Nach 1896 weitete sich das Programm weit über den Naturalismus hinaus und umriss, so die Neue Deutsche Biographie, den Horizont der bedeutenden deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts.
Charakteristisch war auch sein Gespür für Formen der Vermittlung. Mit der Wochenschrift Freie Bühne und der daraus entstandenen Neuen Rundschau schuf er dem Verlag ein literarisches Sprachrohr. Mit der Reihe „Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane“ von 1907 nahm er die Idee des anspruchsvollen Taschenbuchs vorweg. Das Signet „Fischer mit dem Netz“ fasste sein Selbstbild zusammen: Literatur wird nicht nur verteilt, sondern erst einmal eingeholt. Die Neue Deutsche Biographie beschreibt sein Wirken als Weg aus dem engen nationalen Rahmen hinaus in die Bereiche einer modernen Weltliteratur humanitärer Prägung.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten wurde Fischer von seinen Autoren mit ungewöhnlicher Wärme bedacht. Zum 70. Geburtstag 1929 erschienen Würdigungen von Julius Bab, Richard Beer-Hofmann, Alfred Döblin, Gerhart Hauptmann, Oskar Loerke, Walter Mehring und Arthur Schnitzler; George Bernard Shaw schrieb ebenfalls eine Gratulation. Bereits 1909 hatten Richard Dehmel, Gerhart Hauptmann und Jakob Wassermann über ihn geschrieben. Thomas Mann hob 1929 die „tiefe, seelische Klugheit dieses Mannes, seinen untrüglichen Instinkt für Werte, sein Wissen um das Notwendige“ hervor.
Nach seinem Tod 1934 widmete ihm Die neue Rundschau einen umfangreichen Nachruf-Teil mit Beiträgen unter anderem von Gerhart Hauptmann, Peter Suhrkamp, Oskar Loerke, Manfred Hausmann, Hans Reisiger, Hermann Hesse, Otto Flake, Rudolf G. Binding, Ernst Rowohlt und Thomas Mann. Mann schrieb überdies in den Baseler Nachrichten, Franz Blei in der Prager Presse. Zum 100. Geburtstag 1959 erinnerten Annette Kolb, Carl Zuckmayer und Manfred Hausmann an ihn; Zeitungen und das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel brachten Beiträge, und 1960 erschien der Gedenkband In memoriam S. Fischer.
Der erhaltene Bestand zeigt, wie dicht sein Briefwechsel mit den Schriftstellern seiner Zeit war. Erhalten sind Briefe an Fischer von Otto Brahm, Moritz Heimann, Thomas Mann, Otto Erich Hartleben, Rainer Maria Rilke, Jakob Wassermann, Richard Dehmel, Walther Rathenau, Hugo von Hofmannsthal, Oskar Loerke und Eugen Diederichs. Rilkes Briefe an das Ehepaar S. Fischer erschienen 1952. Die Neue Deutsche Biographie würdigte ihn 1961 in einem Artikel von Hans-Geert Falkenberg. Sein Nachlass ist über den Kalliope-Verbund, das Deutsche Literaturarchiv Marbach und die Nachlassdatenbank des Bundesarchivs erschlossen. Der von ihm gegründete Verlag besteht bis heute. Nach dem Krieg hatte er seinen Sitz in Frankfurt am Main.
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