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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Richard Dehmel
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Porträt Richard Dehmel
Richard Dehmel
1863 – 1920
– Autorenporträt –

Richard Dehmel

1863 – 1920 · 56 Jahre

Lyriker der Jahrhundertwende, der die Liebe zwischen Mann und Frau zum großen Thema machte und dessen Verse von Schönberg bis Kurt Weill vielfach vertont wurden.

Kurzporträt

Als Lyriker gehörte Richard Dehmel um die Jahrhundertwende zu den bekanntesten deutschen Dichtern. Er wurde 1863 geboren und starb 1920 in Blankenese bei Hamburg. Sein großes Thema war die Liebe zwischen Mann und Frau, die er zu einer Kraft steigerte, welche die bürgerlichen Konventionen sprengt. Nach dem Erfolg von Zwei Menschen galt er bis in den Ersten Weltkrieg vielen als der Repräsentant deutscher Lyrik. Zahlreiche Komponisten vertonten seine Gedichte, unter ihnen Arnold Schönberg, dessen Streichsextett Verklärte Nacht auf einem Gedicht Dehmels beruht.


Biografie

Geboren wurde Richard Fedor Leopold Dehmel am 18. November 1863. Er stammte aus einer Handwerkerfamilie, deren Vorfahren als Hufschmiede in der Gegend von Hirschberg in Schlesien lebten. Sein Vater Fedor (1835–1932) war Revier- und Stadtförster in Hirschberg und bei Kremmen, seine Mutter Louise (1829–1905) arbeitete in der Spitzenabteilung eines Berliner Modehauses. Über den Geburtsort gehen die Angaben auseinander: Wikipedia nennt Hermsdorf bei Wendisch Buchholz, das heute zur Gemeinde Münchehofe gehört, während die Deutsche Biographie Wendisch-Hermsdorf im Spreewald angibt. Seine Kindheit verbrachte Dehmel in Kremmen, wo der Vater die Stelle des Stadtförsters innehatte und die Familie im alten Forsthaus wohnte.

Die Schulzeit begann in Kremmen. 1872 wechselte Dehmel auf das Sophien-Gymnasium in Berlin, musste diese Schule aber nach einer Auseinandersetzung mit dem Direktor wieder verlassen und ging an das städtische Gymnasium in Danzig. Dort bestand er 1882 das Abitur. Anschließend studierte er in Berlin Naturwissenschaften, Nationalökonomie und Philosophie. 1887 promovierte er in Leipzig mit einer Arbeit aus der Versicherungswirtschaft zum Dr. rer. pol. Während des Studiums trat er 1882 der Burschenschaft Hevellia bei und lernte dort seinen späteren Schwager Franz Oppenheimer kennen. 1885 wurde er im Zuge von Konflikten um den aufkommenden Antisemitismus in den Burschenschaften aus der Hevellia ausgeschlossen; er galt, auch wegen seiner Freundschaft zu Oppenheimer, als Gegner von Beschränkungen bei der Aufnahme jüdischer Mitglieder.

Nach der Promotion arbeitete Dehmel als Sekretär im Verband der Privaten Deutschen Versicherungsgesellschaften in Berlin und verkehrte im Umkreis des Berliner Naturalismus. 1889 heiratete er die Märchendichterin Paula Oppenheimer (1862–1918), eine Tochter des Predigers der jüdischen Reformgemeinde Berlin. Wenige Jahre später erschienen seine ersten Gedichtbände Erlösungen (1891) und Aber die Liebe (1893). Der Erstling brachte ihm die Freundschaft Detlev von Liliencrons ein. Zusammen mit seiner Frau verfasste Dehmel auch Kinderbücher. Das Paar hatte einen Sohn, zwei Töchter und einen Adoptivsohn; die Tochter Vera (1890–1979) heiratete 1918 den Maler und Schriftsteller Otto Tetjus Tügel. 1894 wirkte Dehmel an der Zeitschrift PAN mit, was ihm sein Freund Otto Julius Bierbaum ermöglichte.

Im Jahr darauf gab Dehmel seine Stellung beim Versicherungsverband auf und lebte fortan als freier Schriftsteller. 1896 veröffentlichte er im Gedichtband Weib und Welt das Gedicht Venus Consolatrix, in dem er einen mystischen Geschlechtsakt mit einer Frauenfigur schildert, in der Maria, Venus und Maria Magdalena verschmelzen. Börries von Münchhausen erstattete daraufhin Anzeige wegen Blasphemie: Der Text musste geschwärzt werden, doch der Skandal machte Dehmels Namen bekannter.

Nach der Scheidung von Paula 1899 unternahm Dehmel mit Ida Auerbach, geborene Coblenz (1870–1942), weite Reisen durch Europa. 1901 heiratete er sie in London. Im selben Jahr zog das Paar nach Hamburg und wohnte in der Nähe von Dehmels engem Freund Detlev von Liliencron. Aus dieser zweiten Ehe gingen keine Kinder hervor. 1912 regte Dehmel eine Neuregelung bei der Vergabe des Kleistpreises an und bezog in Blankenese das nach seinen Vorgaben von Walther Baedeker gebaute Dehmel-Haus. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 meldete sich der Einundfünfzigjährige freiwillig zum Militäreinsatz und diente bis 1916. Er gehörte zu den 93 Unterzeichnern des Manifests An die Kulturwelt vom Oktober 1914 und rief die Deutschen kurz vor Kriegsende noch zum Durchhalten auf. Am 8. Februar 1920 starb er in Blankenese an einer im Krieg zugezogenen Venenentzündung.


Literarische Merkmale

Sein Hauptthema war die Liebe zwischen Mann und Frau, die er als eine Kraft schilderte, welche die bürgerlichen Konventionen sprengt. Eros und Sexualität stehen im Mittelpunkt vieler Gedichte. In seinem ersten Buch Erlösungen war der Achtundzwanzigjährige laut der Deutschen Biographie noch stark von Vorbildern abhängig, etwa von Schiller. Mit Aber die Liebe (1893) fand er dann seinen eigenen Ton, der die NDB als mehr Appell denn Suggestion beschreibt.

Die Liebesgedichte in Weib und Welt (1896) gelten der Deutschen Biographie als Höhepunkt seines Werks: Aus der Inbrunst zur Frau werde eine Inbrunst zur ganzen Welt. Je schlichter Dehmel bleibe, so das Urteil, desto dichter fasse er eine Stimmung. Seinen größten kunstvollen Bau schuf er mit Zwei Menschen (1903), an dem er sieben Jahre arbeitete: drei Kreise aus je 36 Romanzen zu je 36 Versen, in denen eine Handlung die lyrische Zwiesprache zwischen Mann und Frau trägt. Die NDB ordnet dieses Werk dem Jugendstil zu und sieht es zwischen Exaltation und Banalität schwanken. Seine naturalistischen wie seine phantastischen Dramen bezeichnet sie als wenig geglückt. Dehmel selbst sah sich in der Nachfolge von Heine, Nietzsche, Liliencron sowie von Ibsen und Strindberg; auch die Welt Richard Wagners und Max Klingers empfand er als der seinen verwandt.


Rezeption

Mit dem Erfolg von Zwei Menschen galt Dehmel bis in den Ersten Weltkrieg hinein für die fortschrittliche Öffentlichkeit als der Repräsentant deutscher Lyrik, ähnlich wie Gerhart Hauptmann als Repräsentant deutscher Dramatik. Starken Eindruck machte er mit Vortragsreihen, auf denen er fremde und eigene Verse las. 1917 ging sein Drama Die Menschenfreunde über fast alle deutschen Bühnen. Als er sich 1914 als Kriegsfreiwilliger meldete, gewann er große Volkstümlichkeit, wurde von der militärischen und politischen Führung aber zunehmend enttäuscht.

Besonders nachhaltig wirkten seine Gedichte in der Musik. Komponisten wie Richard Strauss, Jean Sibelius, Hans Pfitzner, Max Reger, Arnold Schönberg, Anton Webern, Karol Szymanowski und Kurt Weill vertonten seine Texte oder ließen sich davon anregen. Schönberg schuf 1899 nach dem gleichnamigen Gedicht aus Weib und Welt sein Streichsextett Verklärte Nacht. Auch Alma Mahler-Werfel und Alexander von Zemlinsky vertonten Texte Dehmels; Zemlinsky bearbeitete dessen Gedicht Die Magd. Richard Strauss war zudem Gast in Dehmels Haus. Für das Empfinden späterer Jahrzehnte streift sein Werk, wie die Deutsche Biographie anmerkt, mitunter fast an ungewollte Parodie; seine bleibende Leistung sah sie dennoch in der dichterischen Verdichtung von Stimmung.

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