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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Max Dauthendey
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Porträt Max Dauthendey
Max Dauthendey
1867 – 1918
– Autorenporträt –

Max Dauthendey

1867 – 1918 · 51 Jahre

Farbendichter und rastloser Weltreisender, der die Beseelung der Dinge besang und 1918 als Internierter auf Java starb.

Kurzbiografie↑

Als deutscher Dichter und Maler gehört Max Dauthendey zu den farbenreichsten und zugleich am wenigsten bekannten Autoren der literarischen Moderne um 1900. Geboren 1867 in Würzburg als Sohn eines erfolgreichen Photographen, setzte er sich gegen den Willen des autoritären Vaters durch und wurde Dichter. Der befreundete Richard Dehmel prägte für ihn wegen der Farbigkeit seiner Sprache das Wort „Farbendichter“. Aus seiner Sehnsucht nach der Ferne entstanden nach einer Weltreise seine reifsten Werke, unter ihnen das lyrische Reisetagebuch „Die geflügelte Erde“. Der Erste Weltkrieg überraschte ihn auf Java: als Deutscher interniert und an Malaria erkrankt, starb er 1918 fern der Heimat in Malang.


Biografie↑

Geboren wurde Max Dauthendey am 25. Juli 1867 in der Würzburger Büttnersgasse. Er war das achte Kind seines Vaters und das erste in Deutschland geborene Kind. Der Vater, Carl Albert Dauthendey, war Mechaniker, Optiker und Photograph; er hatte die Daguerreotypie in Russland und in Deutschland eingeführt und in St. Petersburg wie später in Würzburg ein einträgliches Atelier aufgebaut. Die Mutter, Charlotte Karoline, stammte aus einer nach Russland ausgewanderten deutschen Familie. Sie starb 1873 an einem Lungenleiden, als Max sechs Jahre alt war.

Das Verhältnis zum Vater war früh von Spannungen geprägt. Der ältere Bruder Kaspar, den der Vater als Nachfolger im Photographengeschäft vorgesehen hatte, ging nach Auseinandersetzungen in die USA und erschoss sich dort 1885 in Philadelphia. Damit lastete die erwartete Geschäftsnachfolge auf Max, der jedoch früh zu erkennen gab, dass er seinen künstlerischen Neigungen folgen wollte. 1886 legte er das Einjährigen-Examen ab. Über diesen Schulabschluss hinaus kam er in seiner öffentlichen Bildung nicht.

Seinen Wunsch, Maler zu werden, musste er zunächst aufgeben und im Atelier des Vaters eine Photographenlehre beginnen. In seiner freien Zeit entstand 1888 ein erstes Epos, Unter Maien. Eine Frühlingsmär aus alter Zeit, das er dem Vater zu Weihnachten widmete. 1889 absolvierte er ein kurzes Volontariat in einer Genfer lithographischen Anstalt und floh anschließend zu seinen mütterlichen Verwandten nach St. Petersburg. Um 1890/91 lernte er die Studenten Arnold Villinger und Siegfried Löwenthal kennen, mit denen er einen engen geistigen Austausch pflegte. Villinger verdankte er den Anstoß zu seiner Weltanschauung, die er später als „Weltfestlichkeit“ bezeichnete.

Der lange schwelende Konflikt mit dem Vater führte im April 1891 zu einem Zusammenbruch und einem Klinikaufenthalt. Nach seiner Genesung begann Dauthendey mit ersten Veröffentlichungen und mit den Anfangskapiteln seines Romans Josa Gerth, der Ende 1892 in Dresden erschien und unter dem Eindruck von Jens Peter Jacobsens Roman Niels Lyhne stand. Kurz vor Weihnachten 1891 kam es zum endgültigen Bruch mit dem Vater; Dauthendey ging nach Berlin. Der Vater gewährte ihm eine monatliche Unterstützung.

In Berlin bewegte er sich bis 1893 im Umfeld des Friedrichshagener Dichterkreises und hatte Kontakt zu Stanislaw Przybyszewski, Bruno Wille, Ola Hansson, Laura Marholm und Richard Dehmel. Er begegnete Stefan George, Hugo von Hofmannsthal und August Strindberg. Sein Lyrikband Ultra-Violett erschien 1893, wurde aber von den großen Tageszeitungen scharf abgelehnt. Diese Enttäuschung und anhaltende Geldnot begleiteten ihn lange. Zeit seines Lebens konnte er mit Geld schlecht umgehen und war immer wieder auf die Hilfe von Freunden angewiesen.

1893 und 1894 hielt er sich auf Einladung des schwedischen Schriftstellers Gustav Uddgren in der Nähe von Göteborg auf, wo ihm die nordische Landschaft zum prägenden Erlebnis wurde. 1896 heiratete er auf der Insel Jersey Anna Johanson, Tochter eines Stockholmer Kaufmanns; die Ehe blieb kinderlos. In den folgenden Jahren unternahm er ausgedehnte Reisen nach Italien und Sizilien, nach Mexiko und nach Griechenland, unter anderem mit dem Plan, eine internationale Künstlerkolonie zu gründen. 1898 nahm er in Würzburg festen Wohnsitz, blieb aber rastlos zwischen Würzburg, Berlin, München, Paris und der Heimat seiner Frau unterwegs.

Die Wende brachte seine Weltreise von Dezember 1905 bis August 1906, die ihm die ersehnte Begegnung mit Asien schenkte. Daraus erwuchs eine fruchtbare Schaffenszeit bis etwa 1912. Es entstanden das lyrische Reisetagebuch Die geflügelte Erde (1910), die erzählenden Prosasammlungen Lingam (1909), Die acht Gesichter am Biwasee (1911) und Geschichten aus den vier Winden (1915) sowie der Roman Raubmenschen (1911), eine späte Frucht des Mexiko-Erlebnisses. Für die Bühne schrieb er das Drama Spielereien einer Kaiserin (1910), das bis in die 1930er Jahre erfolgreich blieb, und die Komödie Maja (1911). Autobiografisch prägt sind die Erinnerungsbücher Der Geist meines Vaters (1912) und Gedankengut aus meinen Wanderjahren (1913).

Im Juni 1914 reiste Dauthendey erneut nach Java. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs veranlasste die neutralen Niederlande, deutsche Staatsangehörige auch in ihrer Kolonie zu internieren. Selbst der Einsatz bekannter Persönlichkeiten wie Romain Rolland und Bernhard Shaw konnte seine Rückkehr nicht erwirken. Vier Jahre lebte er, bereits an Malaria erkrankt, an wechselnden Orten und litt zunehmend unter Krankheit sowie unter der Trennung von Frau und Heimat. Kurz vor Kriegsende starb er am 29. August 1918 im Alter von 51 Jahren in Malang. 1930 wurden seine sterblichen Überreste nach Würzburg überführt; heute ruht er im dortigen Hauptfriedhof. Seine Frau Anna kam im Februar 1945 bei den Luftangriffen auf Dresden ums Leben, wobei ein Großteil seiner rund 300 Aquarelle verloren ging.


Literarische Merkmale↑

Schon der befreundete Richard Dehmel prägte für Dauthendey wegen der Farbigkeit seiner Sprache das Wort „Farbendichter“. Seine frühen Arbeiten waren impressionistisch und stark auf sinnliche Wirkung angelegt: Der Prosagedichtband Ultra-Violett lebt von synästhetischen Bildern, die Farben, Klänge und Empfindungen ineinander übergehen lassen. Aus dieser sinnlichen Wahrnehmung entwickelte er eine eigene Weltanschauung, die er die Beseelung der Dingwelt und des Alls nannte und mit dem Begriff der „Weltfestlichkeit“ fasste. Sie bildet den gedanklichen Kern seines gesamten Werks.

Laut der Neuen Deutschen Biographie verlieh Dauthendey nach diesen impressionistisch-synästhetischen Anfängen der Beseelung der Welt eine lyrisch-expressive Sprache und eine großlinige, elementare Symbolik. Damit gilt er dort als einer der ersten modernen deutschen Dichter und als früher Wegbereiter einer modernen Ausdruckskunst. Die NDB rückt ihn in die Nähe von Rainer Maria Rilke und Theodor Däubler und sieht seinen Platz zwischen deren Dichtungen.

Neben dem Lyriker steht der exotische Erzähler. Seine reifsten Werke schöpfen aus dem Erlebnis Asiens: Sammlungen wie Die acht Gesichter am Biwasee und das lyrische Reisetagebuch Die geflügelte Erde verbinden die Eindrücke ferner Länder mit seiner Vorstellung einer beseelten Welt. So reicht sein Werk von der intimen, stimmungsvollen „Kunst des Intimen“ bis zu einer erhabenen, ins Kosmische zielenden Ausdruckskunst.


Rezeption↑

Dauthendeys erste Veröffentlichungen fanden wenig Anklang. Besonders der Lyrikband Ultra-Violett wurde 1893 in den großen Tageszeitungen scharf abgelehnt, und der ausbleibende Erfolg verschärfte seine dauernde Geldnot. Erst nach seiner Weltreise gewann seine Kunst an Anerkennung. Der Lyriker reifte in mehreren Gedichtsammlungen aus, und das Drama Spielereien einer Kaiserin von 1910 bescherte ihm einen Bühnenerfolg, der bis in die 1930er Jahre nachwirkte.

Nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie vollendete sich seine Kunst in der Gestaltung der Bilder, die ihm Asien schenkte, und schuf Bleibendes, das bis heute nachwirkt. Als besonders dauerhaft gelten dort das Reisetagebuch Die geflügelte Erde, seine Reisebriefe und die erzählenden Sammlungen Lingam, Die acht Gesichter am Biwasee und Geschichten aus den vier Winden. Zugleich hält die NDB fest, es wäre an der Zeit, sich nicht nur seiner Kunst als exotischer Erzähler, sondern auch seiner Leistung als Lyriker und Dramatiker zu erinnern – ein Hinweis darauf, dass sein Werk lange im Schatten stand. 1925 erschienen seine Gesammelten Werke in sechs Bänden.

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